Berlin - Das ist das Rezept für die neue Berliner S-Bahn: Man nehme zur Inspiration den Architekten Karl Friedrich Schinkel und das Mauer-Bild, auf dem sich die Staatschefs Erich Honecker (DDR) und Leonid Breshnew (UdSSR) küssen. Sodann lasse man die Philharmonie, die Neue Nationalgalerie und eine Berliner Szene-Bar auf sich wirken – und dann ran an die Computer. So lässt sich, grob vereinfacht, die Arbeit des Designateliers von Bombardier Transportation in Hennigsdorf beschreiben. Dort wird an den letzten Einzelheiten der Gestaltung der neuen S-Bahn-Generation gefeilt.

Dem Team wurde eine Aufgabe gestellt, die Laien unlösbar anmutet: Die 390 S-Bahn-Wagen, für die Bombardier den Auftrag erhalten will, sollen Berliner Eigenschaften haben. „Die Frage lautet: Welches Design passt zur Region?“, sagt Michael Sohn. Er leitet das Designatelier, das schon viele Preise errungen hat. „Städte haben einen Charakter, der unverwechselbar ist.“ Und sich auch in den S-Bahnen zeigen soll.

Bloß keine anderen Farben

Doch welchen Charakter hat Berlin überhaupt? „Wir sind losgegangen, haben Fotos gemacht“, erzählt Nicole Michel, die das S-Bahn-Projekt leitet. Heraus kam eine Wandzeitung mit Bildern – von Schinkel bis zur Szene-Bar. Und mit Begriffen: Berlin ist charismatisch, fortschrittlich, offen, ordentlich. Ordentlich? Nun ja, nicht immer, sagt Michel. „Berlin ist oft dreckig und grau. Unsere S-Bahn soll ein Gegenpol sein.“

Alles verstanden? Vielleicht lässt sich ein weiteres Motto leichter erklären: Es gehe um ein Design mit einem Augenzwinkern, sagt die 46-jährige Industriedesignerin, die früher italienische Möbel entworfen hat. „Berlin ist eine Stadt, die aus dem Rahmen fällt." Dieses gewisse Etwas soll sich im Design wiederfinden. Subtil, in Details. Verraten wird noch nichts. Erst will Bombardier den Entwurf Ende Juni den Menschen vorstellen, die derzeit die Ausschreibung des S-Bahn-Betriebs auf dem Ring und im Südosten Berlins organisieren. Frühestens Ende 2014 ist klar, wer den Wettbewerb gewinnt und welche S-Bahnen auf den fünf Linien eingesetzt werden.

Züge sollen zuverlässiger werden

Ein wichtiges Detail steht aber schon fest: Auch die neue S-Bahn muss in den Traditionsfarben ockergelb, rubinrot und schwarz lackiert werden. „Tönungen sind erlaubt, und das Verhältnis der Farbflächen ist nicht vorgeschrieben. Doch die Farben stehen fest“, sagt Sohn. Bevor der 56-jährige Designer 1990 nach Hennigsdorf kam, war er in einem DDR-Designbüro tätig. „Von Rasierapparaten bis Landmaschinen habe ich schon vieles gestaltet.“

Design ist wichtig. Aber die Fahrgäste sind vor allem daran interessiert, dass die neuen S-Bahnen zuverlässiger sind. Schließlich haben sie mit der Baureihe 481, einem Bombardier-Produkt, miese Erfahrungen gemacht. Räder und Achsen erwiesen sich nicht als dauerfest, im Winter fielen Züge reihenweise aus.

Tobias Hauswald ist bei Bombardier dafür zuständig, dass die neuen S-Bahnen gut funktionieren. Der Ingenieur, der für den technischen Teil des Angebots verantwortlich ist, muss die Quadratur des Kreises hinbekommen. Ein Beispiel: Weil der Nordsüd-Tunnel so niedrig ist, dürfen die Züge nicht hoch sein. Eine Klimaanlage wird aber trotzdem gefordert. Mangels Platz muss für sie nun eine sehr flache Bauform gefunden werden. Hauswald: „Das fordert uns am stärksten heraus.“

Ein weiteres Exempel: Die Art der Stromversorgung im S-Bahn-Netz limitiert die Beschleunigung. Doch obwohl der Senat für den Ring bis zu zwei neue S-Bahnhöfe plant, soll eine Umrundung weiterhin maximal 60 Minuten dauern. Vollständig eingekapselte Motoren, die für Außeneinflüsse nicht erreichbar sind, sollen da für Zuverlässigkeit sorgen.

„Wir setzen alles daran, den Auftrag für die neue S-Bahn zu gewinnen“, sagt Michael Clausecker, der Deutschland-Chef des kanadischen Konzerns. Langfristig werden 1200 neue Wagen benötigt. „Das würde tausend Arbeitsplätze zehn Jahre sichern“ – in Hennigsdorf, wo 3 000 Menschen für Bombardier arbeiten.

Bekäme ein Konkurrent den Auftrag, könnte das Jobs in der Region gefährden. „Dann bräuchten wir einen Alternativauftrag. Doch so große Aufträge gibt es nicht oft.“