Berlin - Das ist ein Brief von Dilek. Das war der erste Gedanke, der mir durch den Kopf schoss, als ich am Montag den Briefkasten öffnete. Äußerlich deutete nichts darauf hin, dass es einer der begehrtesten Briefe ist, die derzeit verschickt werden. Ein Behördenbrief – nur die Anschrift, kein Absender. Trotzdem dachte ich, dass es eine Impfeinladung der Gesundheitssenatorin ist, deren Familiennamen ich mir arroganterweise nicht gemerkt hatte. Bislang.

Immer wieder gibt es Situationen, in denen auch ich hinterher glaube, es schon vorher gewusst zu haben. Dieses Mal war es keine ominöse Vorahnung, sondern eher unbewusstes Wunschdenken. Dabei hatte ich doch – weil ich zu jung bin – bislang nie darüber nachgedacht, wie es wäre, jenen Brief zu bekommen, von dem Millionen Menschen träumen.

Als ich ihn die Treppe hinauftrug, war da echte Freude, ganz naiv und ehrlich. Doch kaum wollte sich das kleine schöne Gefühl zu großem Jubel aufschwingen, funkte ein kalter Gedanke dazwischen: Sei bloß nicht stolz auf dieses medizinische Urteil – du bist erst Mitte 50 – und es gibt 70-Jährige, die noch keine Einladung haben. Das spricht nicht gerade für deine Gesundheit.

Da ist plötzlich der Impf-Druck

Um diese Gedanken zu verdrängen, dachte ich lieber über die vermeintliche Vorahnung nach. Ein Wissenschaftler hat mal erklärt, dass das Unterbewusstsein unablässig über alle erdenklichen Dinge und Personen aus unserem bisherigen Leben nachgrübelt und dass es ständig unsere aktuellen Probleme durchspielt, ohne dass das Bewusstsein etwas mitbekommt. Deshalb hätte ich wohl auch bei jedem anderen Behördenbrief gedacht, dass er von Frau Kalayci ist.

Da ich kein Impfgegner bin und den Brief nicht mit einem kühlen Lächeln weggeworfen habe, meldete sich ein neues Gefühl: der Impf-Druck. Oder die bohrende Frage: Wie schnell bekomme ich einen Termin?

Seit Monaten heißt es, dass es nur schwer Termine gibt. Ich erinnerte mich an jenen Abend, als in den Nachrichten gesagt wurde, dass am nächsten Tag eine Internetseite freigeschaltet werde, auf der es Termine für Leute gibt, die älter als 80 Jahre sind. Meine Mutter ist 86 und hat kein Internet, also ging ich kurz vor Mitternacht auf die Seite. Und siehe da: Nach ein paar Minuten konnte ich sie anrufen und ihr stolz ihren Termin mitteilen. Ab dem nächsten Morgen ging auf der Internetseite gar nichts mehr. Mal sehen, wie lange es bei mir dauert.

Bislang war mein Kampf gegen Corona geprägt von geduldigem Ausharren, vom stoischen Zu-Hause-Hocken und dem Streben nach einer höheren Form von Phlegma. Nun aber brach Hektik aus: Es begann der aktive Wettlauf gegen die Krankheit, gegen die Zeit und gegen mein Gewissen.

Impf-Scham und Impf-Neid

Als ich oben die Wohnungstür aufschloss, meldete sich das nächste neue Gefühl: Impf-Scham. Oder die Frage: Darf ich mich freuen, dass ich zu den Auserwählten gehöre oder muss ich mich auch ein wenig schämen, dass ich nun privilegiert bin?

Ich überlegte, ob ich nach links abbiege und einen Termin buche, denn ich hatte nun diesen 19-stelligen Buchungscode aus Buchstaben, Zahlen und Bindestrichen. Meine Rettung vor einem schweren Krankheitsverlauf. Oder sollte ich nach rechts gehen, zu meiner Frau, um mich dort der Impf-Scham hinzugeben?

Die Augen meiner Frau leuchteten, aber in ihrer Stimme war ganz kurz auch ein Ton, der nicht gleich Impf-Neid war, aber doch Verwunderung. Der Brief hat schlagartig die Gewichtung in der Familie verschoben. Sie hat Zeit ihres Lebens Asthma, und bei einer Lungenkrankheit wie Covid-19 gingen wir davon aus, dass sie zuerst geimpft wird. Ich habe nur hohen Blutdruck und bin bei einem Herzspezialisten. Nun las sie, dass ich ein erhöhtes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf habe. Ich schämte mich ein wenig. Oder sollte ich etwa stolz darauf sein, dass ich als kranker eingestuft wurde?

Foto: Imago
Unterstützung für die Impf-Kampagne im Stadion des 1. FC Union Berlin.

Scham ist ein dominantes Gefühl. Das gilt nicht unbedingt für Flug-Scham, weil das kein echtes Gefühl ist, sondern ein intellektuell herbeigeführtes Unwohlsein. Der Vorteil bei Flug-Scham: Der Ausweg heißt Zugfahren. Bei Impf-Scham gibt es keinen Ausweg. Im Frau Kalaycis Brief steht: „Dieser Code ist für Sie persönlich und darf nicht an andere Personen weitergegeben werden.“

Die Frage: „Warum gerade du?“ war von nun an fast immer die erste. Mal nahm ich es als Kompliment, weil mich die Leute für viel gesünder hielten, mal schämte ich mich – wie bei einer Frau meines Alters, die sechs Stents am Herz hat, aber keine Einladung.

Dann kamen Impf-Zweifel

Blieb noch die Sache mit dem Termin. Ich suchte im Internet nach der Seite und hatte die freie Wahl: sechs Berliner Impfzentren, in drei Fällen wurde Biontech verimpft, einmal Moderna, zweimal Astrazeneca. Bis zu dieser Minute dachte ich, dass ich einfach den nächsten freien Termin nehme.

Doch plötzlich blitzte ein längst vergessen geglaubter Satz eines Arztes auf: „Ihre Neigung zu großen blauen Flecken ist zwar nicht weiter wild, aber bei stundenlangen Radtouren sollten Sie Thrombose-Strümpfe tragen.“ Da war dieses Wort, das eine Gedankenkaskade auflöste, die kein gutes Ende nehmen konnte. Denn Thrombosen und Astra werden in Zusammenhang gebracht mit Todesfällen nach Impfungen.

Ich klickte zuerst die Impfzentren mit Biontech durch, dann Moderna – alles ausgebucht: Mal hieß es: „Zur Zeit keine Buchung verfügbar“, dann: „Aufgrund der starken Nachfrage ist dieses Zentrum nicht mehr verfügbar. In den nächsten 28 Tagen werden 90.470 Impfungen durchgeführt.“ Es ist eine interessante Erfahrung, scheinbar die freie Wahl zu haben und sich doch nicht frei zu fühlen.

Reichlich Termine für Astra

In den Impfzentren mit Astra hätte ich einen Termin bekommen. Ich wollte nicht. Sollte ich – der Impf-Verteidiger – plötzlich Impf-Zweifel haben? Grundsätzlich kann ich Skepsis gegen neue Impfstoffe nachvollziehen. Eine Biologin hat mir vor Monaten ausführlich erklärt, dass ein völlig neues Impfstoff-Prinzip auch große Risiken birgt. Und Zweifel sind nun mal die wichtigste Errungenschaft der Aufklärung. Aber ich zweifle keinesfalls am Impfen, nur ein wenig an einem Impfstoff.

Bei Masern bin ich für eine Impf-Pflicht. Auch deshalb, weil ich zu den wenigen gehöre, die als Erwachsene an Masern erkrankt sind. Ich weiß, dass es lebenslange Auswirkungen haben kann. Ich bin sowieso für eine ordentliche Portion Solidarität und lasse mich gegen Grippe impfen, um mich zu schützen, aber auch meine Familie, die Nachbarn, die Kollegen, ganz Berlin.

Aber muss es unbedingt dieser Stoff sein, bei dem ganz selten eine Nebenwirkung auftritt, zu der ich vielleicht neigen könnte. Gibt es nicht irgendwo Sputnik V?

Billige Ausreden oder berechtige Zweifel?

Waren solche Zweifel nur billige Ausreden oder berechtigt? Ich wusste es nicht und rief die Nummer aus dem Brief von Frau Kalayci an. Überraschenderweise war sofort jemand dran. Doch am anderen Ende war keine Ärztin, sondern eine Frau, die im Schwarzwald saß. Bei ihr können Berliner ohne Internet anrufen, dann bucht sie auf der Internetseite einen Termin. Sie hatte kein medizinisches Fachwissen, an diesem Tag hatte sie nicht mal Internet.

Ich setzte mir eine Frist von einer Woche, dann wollte ich überlegen, ob ich doch Astra nehme. Derweil suchte ich nach einem Alternativtermin. Mal klickte ich mich um 23.33 Uhr durch die Impfzentren, mal um 1.47 Uhr. Ich habe es sicher zu 30 verschiedenen Zeiten versucht. Nichts.

Foto: dpa/Christophe Gateau
Im Impfzentrum im Velodrom hat unser Autor seinen Termin.

Meine Zweifel wurden von allen Seiten bearbeitet wie der Sandsack eines Boxers. Zuerst traf ich einen Freund, der Medizin studiert hat und der sagte: „Wenn ich die Wahl hätte, würde ich an deiner Stelle sicherheitshalber kein Astra nehmen.“

Ich nickte. Am nächsten Morgen traf ich zwei Väter vor der Schule unserer Kinder. Wie so oft derzeit fanden wir kaum etwas, worüber wir uns freuen konnten, also schüttelten wir die Köpfe über die verwinkelte und widersprüchliche Corona-Politik der Regierenden.

Gepflegtes Halbwissen

Ein Vater sagte: „Und dann wollen sich einige Ignoranten nicht mit Astra impfen lassen. Die sind arrogant. Die wollen nur Erste-Klasse-Stoff.“ Der andere Vater sagte: „Sollen sie uns doch das Zeug geben.“ Ich schwieg. Ich wollte zwei Fragen nicht hören: Warum hast du schon eine Einladung? Und: Warum nimmst du nicht, was du kriegen kannst?

Sie redeten weiter und mir fiel etwas ein, das vielleicht der eigentliche Grund für meine Skepsis war. Mein Vater ist unmittelbar nach einer Herz-OP gestorben. In der Klinik hatten sie nicht mitbekommen, dass ihm eine Ader gerissen ist. Die Kripo ermittelte gegen die Ärztin. Vielleicht geht es bei mir gar nicht so sehr um Astra und Thrombosen, sondern um einen nicht verdauten Tiefschlag, der nichts mit Corona zu tun hat.

Es war etwas irrational. Gepflegtes Halbwissen und die Sätze zweier Ärzte hatten sich zu einer Meinung zusammengefügt, die schwer zu erschüttern war. Rein statistisch geht die Thrombose-Wahrscheinlichkeit zwar gegen null, aber von reinen Zahlen ist nicht jedes Gehirn sofort zu überzeugen.

Ich rechnete damit, dass ich von meinen Bedenken schnell genervt sein würde und mir den nächstbesten Astra-Termin hole. Ich ahnte nicht, dass ich vorher Impf-Glück haben würde.

Impf-Glück und all die neuen Begriffe

Impf-Glück, Impf-Neid, Impf-Scham, Impf-Skepsis – lauter neue Begriffe. Wenn ein Phänomen längere Zeit das Denken eines Großteils der Gesellschaft dominiert, werden ständig neue Worte geboren: Am 1. Januar 2020 wussten 99,99 Prozent der Bevölkerung sicher nicht, was Inzidenz bedeutet – jener Wert, der derzeit über unsere Freiheiten entscheidet. Oder was eine FFP2-Maske ist, wer eine vulnerable Person ist oder was Triage bedeutet.

Überall neue Begriffe. Impfdrängler zum Beispiel, also rücksichtslose Egoisten, die sich selbst als so wichtig ansehen, dass sie bei der gesetzlichen Impfreihenfolge vordrängeln. Oder Impf-Touristen. Anfang März bekam ich das Angebot einer Impfreise nach Moskau. „Ab 1.999 Euro für 22 Tage“, damit ich mir dort beide Spritzen abholen kann.

Ich klickte mich lieber alle paar Stunden durch die Terminseite. Drei Tage, nachdem der Brief meinen langweiligen Corona-Alltag auf Trab gebracht hatte, stand um 15.23 Uhr auf dem Bildschirm nicht mehr: „Aufgrund der starken Nachfrage ist dieses Zentrum nicht mehr verfügbar“, sondern ich konnte einen Biontech-Termin wählen. Später wurde mir erklärt, dass eine Impfstofflieferung angekommen ist. Noch etwas später wurde die Gruppe, die Astra bekommen darf, noch weiter eingeschränkt. Ich war froh, dass ich nicht doch einen Astra-Termin ausgewählt hatte. Was wäre dann daraus geworden?

Werde ich nach dem Termin auch in Impf-Dankbarkeit verfallen? In den Impfzentren hängen die Wände voller Briefe. Die Ärzte sagen: Die einzige Reaktion, die wir erleben, sei ehrliche Dankbarkeit. Die Leute spenden Geld oder senden Gedichte. So reimte eine 94-jährige Frau über eine freundliche Ärztin: „‚Wir helfen Berlin‘ steht auf ihrer Weste / Danke! Danke! Ihr gebt das Beste.“

Impf-Märchen und Impf-Dankbarkeit

Und es gibt auch Impf-Märchen: Ein Mann und eine Frau, beide über 80 Jahre, waren zufälligerweise zur selben Zeit bei der ersten Impfung in der Arena. Nach der Spritze saßen sie im Beobachtungsraum und unterhielten sich. Zur zweiten Impfung kamen sie Hand in Hand.

Die Helfer in den Impfzentren erzählen von der Impf-Euphorie der alten Leute. „Man merkt, dass viele sonst recht pragmatisch durchs Leben gehen“, sagt eine Frau. „Aber beim langersehnten Termin sind sie aufgeregt wie zur Konfirmation und machen sich chic wie zur Goldenen Hochzeit.“ Immerhin geht es um den Start in einen neuen Lebensabschnitt: eine neue Freiheit.

Ich werde in Jeans gehen. Es ist keine Party. Dafür sind zu viele gestorben, dafür bleibt zu vieles kaputt zurück. Jeans passt ganz gut zu diesem Arbeitssieg gegen Corona – und das eigentliche Fest ist doch das Leben nach der Impfung. Nun muss ich nur noch vier Wochen lang gesund bleiben. Den wichtigsten Termin des Jahres will ich nicht absagen müssen.