Neue Heimat Fürstenberg: Wie Ex-Berliner einen Kleinstadtbahnhof mit Leben erfüllen

Fürstenberg/Havel - Der Pazifische Ozean glitzert in der Sonne. Am Sandstrand wiegen sich Palmen im Wind. Es ist angenehm in Santa Cruz, Kalifornien. Trotzdem musste Amelie Kemmerzehl oft an etwas anderes denken. „Als ich in den USA war, habe ich Fürstenberg und den Bahnhof vermisst“, erzählt sie. In der Surfermetropole gab es für ihren Geschmack „zu viele gebatikte T-Shirts“. Da war das, was in dem Stationsgebäude an der Bahnstrecke von Berlin an die Ostsee geschah, interessanter und anziehender. „Ich bekam regelmäßig Fotos von den Bewohnern gemailt und konnte mir den Baufortschritt anschauen. Als ich zurückkam, zog ich hier ein. “

Normalerweise sind Bahnhöfe Durchgangsorte. Reisende passieren sie, um zur Arbeit, nach Hause, in den Urlaub, zum Geschäftstermin zu gelangen. Doch der Kleinstadtbahnhof Fürstenberg/ Havel, rund 90 Kilometer nördlich von Berlin an der Regionalexpresslinie RE 5 gelegen, ist etwas Besonderes. Für manche Menschen ist er selbst das Ziel. Und einige von ihnen sind geblieben. Sie leben jetzt dort.

"Ich wollte 'raus"

Ein Sommertag, kurz vor 10 Uhr. Amelie Kemmerzehl, mittlerweile 30 Jahre alt, sitzt auf Bahnsteig 1 in der Sonne und sieht den Berliner Ausflüglern zu, die mit Fahrrädern und Badesachen aus dem Regionalexpress quellen. Vor ihr steht ein Kaffee aus dem Café Ahoi, das sie mit ihrem Partner Tom Slotta im holzgetäfelten früheren Wartesaal erster Klasse betreibt. Es ist guter Kaffee aus einer guten Maschine, wie ihn Hauptstadtbewohner schätzen.
Auch Amelie Kemmerzehl hat jahrelang in der großen Stadt gelebt, in Neukölln und Kreuzberg. Die junge Frau, die in der Nähe von Freiburg im Breisgau aufwuchs, war Meisterschülerin für Bildhauerei in der Kunsthochschule Weißensee.

Doch sie möchte nicht nach Berlin zurück. „Ich wollte ’raus“, sagt sie. Vieles sei hier einfacher als dort. Das Bürgeramt besteht aus einer Person, „wenn ich etwas brauche, gehe ich einfach hin.“ Fürstenberg, das knapp 4 000 Einwohner hat, liege im Zentrum einer ausgedehnten Seenplatte. „Es ist schön hier: die Natur, das Wasser, die Wälder.“ Wenn sich Berliner durch den Feierabendverkehr quälen, schließt Kemmerzehl ihr Café ab, stellt die weißen Mieträder ins Haus und begibt sich zu einem der vielen Seen in der Nähe, um zu schwimmen oder zu paddeln.

Später am Abend geht es zum Bahnhof zurück. Dort wohnt Amelie Kemmerzehl mit anderen Ex-Berlinern in einer Fünfer-Wohngemeinschaft im ersten Stock. Gekocht wird im Erdgeschoss, dort, wo früher Eisenbahner Dienst taten. Vor der WG-Küche, auf dem von der Bahn für die Öffentlichkeit gesperrten Bahnsteig 1, stehen Sitzgelegenheiten, die aus Holzpaletten gezimmert wurden – ideal für einen Wein mit Blick in die Sonne, die hinter dem Wald westlich vom Bahnhof untergeht. Währenddessen bringen die Regionalzüge aus Berlin jetzt Berufstätige herbei.

Klavierkonzert am Gleis 1

Im Schnitt steigen in Fürstenberg/ Havel pro Tag rund 1 200 Fahrgäste ein- und aus. Der Zugbetrieb dominiert weiterhin den Alltag, wie seit 1877, als die Nordbahn nach Stralsund in Betrieb ging. In den vergangenen Jahren zogen immer mehr Menschen aus Berlin hierher, viele von ihnen pendeln. Auch Einheimische frequentieren die Züge, weil es in der Gegend wenig Arbeitsplätze gibt. Das Möbelwerk, die Fabrik für Schiffselektronik, die große Mühle – alles dicht. Schon um 5 Uhr früh ist der Bahnhof voll von Reisenden. Die Fahrgastzahlen steigen jedes Jahr.

Doch das Bemerkenswerte ist, dass dieser Bahnhof nicht mehr nur zum Wegfahren und Ankommen genutzt wird. Zunehmend passieren Dinge, die es dort bis vor einigen Jahren nicht gegeben hat. „Zum Beispiel gibt es hier ein Klavier, das wir bei gutem Wetter nach draußen rollen“, erzählt Kemmerzehl. Gut möglich, dass sich dann Marin Mehl an das Instrument setzt und Jazz spielt.

Der junge Mann aus Strasbourg ist einer von drei Franzosen, die vor den hohen Mieten in Berlin nach Fürstenberg geflohen sind und nun in der anderen Wohnung im ersten Obergeschoss leben. Vor kurzem kam eine lokale Band vorbei und gab ein Spontankonzert. Es kommt vor, dass auf Bahnsteig 1 getanzt wird, während nebenan auf Gleis 2 und 3 die roten Regionalexpresszüge halten. Manchmal gibt es Parties im Bahnhof. Oder Pantomime und andere Kulturveranstaltungen.

An diesem Sommertag hat sich ein Dutzend Schüler auf Bahnsteig 1 zum Mittagessen hingesetzt. Es sind Neunt- und Zehntklässler aus Meißen, die auf einem Zeltplatz übernachten und im Bahnhof etwas über Internetsicherheit lernen. Die Halle, abgedunkelt und voll mit blinkenden Computern, ist Zentrum des „Verstehbahnhofs“, mit dem Daniel Domscheit-Berg das Gebäude zu einer Station junger Techniker gemacht hat. Der Informatiker und Autor, einst Sprecher der Enthüllungsplattform Wikileaks und früher auch im Chaos Computer Club aktiv, wohnt seit acht Jahren gleich gegenüber am Bahnhofsvorplatz. Er ist mit der Linken-Abgeordneten Anke Domscheit-Berg verheiratet.

Programmierernachwuchs lernt im Verstehbahnhof

„Mittlerweile kommen Besucher von weit her, vor kurzem waren Ukrainer und Russen hier“, sagt der 41-Jährige. Programme werden geschrieben, Roboter gebaut. Im früheren Wartesaal dritter Klasse nebenan haben die 3-D-Drucker und Lasercutter gut zu tun. An der Wand klebt ein Plakat: „Chaos macht Schule“. „Jugend hackt“ ist wiederum das Motto, unter dem sich Programmierernachwuchs bei dem IT-Aktivisten weiterbildet.
„Ulm und Fürstenberg sind die einzigen Standorte dieser Art in Deutschland“, sagt Domscheit-Berg. Klar, die gute Erreichbarkeit hilft. Die Kids steigen aus dem Zug und legen los. Es gibt auch analoge Freuden, zum Beispiel einen regelmäßigen Brettspielabend.

Auch Domscheit-Berg, der einige Konflikte in seiner Szene hinter sich hat, wirkt so, als habe er im Bahnhof einen Ruhepol, ein Lebenszentrum gefunden. Für ihn ist das rot gestrichene Gebäude, dessen älteste Teile aus dem Jahr 1880 stammen, ein sichtbares Zeichen von Autonomie, ein geschützter Bereich für selbstbestimmtes Arbeiten: „Es ist ein unkonventioneller Ort, der keinem Unternehmen angeschlossen ist. Für uns ist es das größte Glück, das wir im Bahnhof schalten und walten können, wie wir wollen. Mit jedem Tag wachsen Ideen, was man hier sonst noch unternehmen könnte.“

Der Unterschied zu früher könnte nicht größer sein. Wie aus den meisten anderen Stationsgebäuden außerhalb der großen Städte war auch aus dem Bahnhof Fürstenberg/ Havel das Leben gewichen. Zwar standen die insgesamt rund 740 Quadratmeter großen Mietflächen nur zum Teil leer. So gab es im Erdgeschoss seit 1976 die Gaststätte „Dampflok“ mit Hausmannskost, die beiden Wohnungen im ersten Stock waren bewohnt. Doch wo einst mehr als 40 Eisenbahner arbeiteten, verwaiste ein Dienstraum nach dem anderen.

1999 machte die Deutsche Bahn (DB) auch noch die Fahrkartenausgabe dicht, und die Halle wurde geschlossen. Vandalismus und Graffiti breiteten sich aus. Berichtet wird, dass sich ein Fahrradgeschäft einmieten wollte, aber zum Vertragsabschluss sei es nicht gekommen.

Lange Zeit war sich die Bahn unschlüssig, was mit ihren ungenutzten Empfangsgebäuden auf dem Land geschehen sollte. Für Technik und Betrieb werden die Bauten meist nicht mehr benötigt, für Einzelhandel und Gastronomie reicht die Zahl der Nutzer häufig nicht. Viele kommunale Verwaltungen scheuen die schwierige Aufgabe, das Bahnhofsgebäude in ihrem Ort wieder mit Leben zu füllen. Und so verfallen viele Bauten, die Zentren ländlichen und kleinstädtischen Lebens gewesen waren.

Ein Doppelzimmer für 50 Euro

Wer heute zum Bahnhof Fürstenberg kommt, findet jede Menge Motive für einen Landlust-Artikel oder für einen Roman: Städter finden ihr Glück auf dem Land. Blumen wurden gepflanzt, die Fritz-Cola im Café ist gekühlt, in der WG-Küche wird gekocht. Inzwischen gibt es am Bahnsteig 1 sogar zwei Gästezimmer, zwei Personen zahlen 50 Euro pro Nacht. Kürzlich zog sich dort jemand zurück, um seine Bachelorarbeit zu schreiben.

Der Bahnhof wirkt belebt und wird genutzt. Fast ein Idyll. Aber eines, das Arbeit gekostet hat und für das Konflikte durchgestanden werden mussten, wie Tim Lehmann zu bedenken gibt. Er hat das Gebäude vor rund vier Jahren für knapp 100 000 Euro kreditfinanziert von der Bahn gekauft.

Während die Schüler aus Sachsen an die Computer zurückgehen, nimmt der Eigentümer im Café Ahoi Platz. „Dies ist ein wunderschöner Ort“, sagt der promovierte Architekt und Stadtplaner. „Aber für so ein Projekt braucht man starke Nerven. Ich hätte nicht gedacht, was da alles auf mich zukommt.“ Und auch er hätte sich nicht träumen lassen, dass er einmal in diesem Teil Brandenburgs landet. Tim Lehmann ist in Böblingen bei Stuttgart aufgewachsen. Nach dem Studium arbeitete er 15 Jahre bei der Bahn, bei diversen Bahnhofsprojekten und als Regionalleiter Afrika bei DB International. Heute nimmt er für das Bundesunternehmen freiberuflich Beratungsaufträge wahr, zuletzt in Kasachstan.

„Ich mache das gern. Ich mag die Bahn, als Kunde und als Mitarbeiter“, sagt der 47-jährige Ex-Berliner. Doch nach seinem „Jetset-Leben“ sehne er sich nicht zurück. „Mit dem Dasein eines Vollzeitangestellten habe ich abgeschlossen. Im Flughafen warten, Schlange stehen, an der Sicherheitskontrolle den Gürtel aus den Schlaufen ziehen – das will ich nicht mehr.“ Ein Auto besitzt Lehmann, der in Berlin zu den Aktivisten für den Fahrrad-Volksentscheid gehörte, schon lange nicht mehr. In das benachbarte Dorf, in dem er lebt, fährt er mit dem Rad.

Dann sagt er einen Satz, der ebenfalls gut in einen Landroman passen würde. Für ihn sei das Leben hier draußen „wahnsinnig entspannt“ – wenn es nicht gerade um Wasserschäden, Handwerker oder Ärger mit Behörden geht. Besonders schwer sei es gewesen, vom Landkreis Oberhavel die Genehmigungen für die Gästezimmer zu bekommen. „Ich hatte schlaflose Nächte. Das wünsche ich niemandem“, so der Bahnhofseigentümer.

Doch er fühle sich in Fürstenberg nicht allein, die „Community“ gebe ihm Stabilität. „Fürstenberg verändert sich. Menschen ziehen hierher, sanieren Häuser. Leerstand gibt es kaum noch. Auch die letzte leer stehende Villa gegenüber vom Bahnhof wird inzwischen saniert“, erzählt Lehmann. Die wald- und wasserreiche Gegend, die viele Einheimische mangels Arbeit verlassen mussten, wurde zu einer Pionierzone für Städter. Hier hoffen sie, ihre Wünsche und Träume verwirklichen zu können.

Kritik an der Berlin-Community

Ein Staatssekretär eines Bundesministeriums, der in Fürstenberg eine Wohnung besitzt, betreibt mit Partnern den Nachbau eines Kaffenkahns aus dem 19. Jahrhundert. Lastensegler wie die „Concordia“ waren früher auf der Havel unterwegs, um Baumaterial und andere Waren zu transportieren. Ein anderes Beispiel: In einem Dorf, das 23 Kilometer entfernt liegt, bauen ein Tuba-Spieler des Berliner Konzerthausorchesters und eine Künstlerin einen alten Vierseithof zu einer „Kulturwirtschaft“ mit vielfältigem Programm aus.
Und dann sind da noch die vielen Tagesausflügler und Touristen, die auf der Havel paddeln oder zum nahe gelegenen Stechlinsee radeln wollen. Auch für diesen Verkehr ist der Bahnhof Fürstenberg ein Kristallisationspunkt. Oft sind die Züge von und nach Berlin am Wochenende so voll, dass Fahrgäste zurück bleiben.

Amelie Kemmerzehl beobachtet das Durcheinander regelmäßig vom Bahnsteig 1 aus. „Das ist schon krass. Wenn kleine Kinder dann quengelig werden, tun mir die Eltern leid“, sagt sie. Aber natürlich spült das Bahnchaos auch Gäste in ihr Café.

So leer die Gegend im Norden des Landes Brandenburg zuweilen wirkt: Natürlich leben hier schon immer Menschen, und längst nicht jeder ist froh über die Städter. Es gibt unterschiedliche Ansichten, und auch die Verkehrsmittel unterscheiden sich. Getunte Autos, aus denen aggressive Musik schallt, treffen auf Fahrräder mit Kinderanhängern. „Der AfD-Anteil ist schon hoch“, sagt eine Bahnhofsbewohnerin. „Es gibt Alteingesessene, die sind nicht damit zufrieden, dass junge Leute nach Fürstenberg kommen – Leute, die anders denken und vieles anders machen als Einheimische. Manche nervt es, dass sich hier etwas verändert.“

Es köchelt nicht nur allgemeine Ablehnung, manchmal kommt es auch ganz konkret zu Streit. So war es auch im Bahnhof Fürstenberg. In dem Teil des Gebäudes, in dem heute Quiche auf Käufer wartet und nebenan der Hacker-Nachwuchs Elektronik lötet, befand sich die Bahnhofsgaststätte „Dampflok“, seit DDR-Zeiten schon. Im alten Wartesaal dritter Klasse wurde Hackbraten für 4,50 Euro serviert und Bier gezapft. Als Tim Lehmann das Gebäude kaufte, durfte die Wirtin Silke Kientopf bleiben. Einige Zeit sah es so aus, als ob die Koexistenz von Dauer ist. Aber dann gab es die ersten Konflikte, und ihre Zahl nahm mit der Zeit zu.

Worum ging es? Zum Beispiel um Betriebskosten, sagt Kientopf. Auch um Lärm, Schmutz und um andere Folgen der Bauarbeiten im Bahnhof. „Das hat Gäste vertrieben.“ Anwälte wurden eingeschaltet. Sie erinnert sich auch an laute Partys, die ihr den Schlaf raubten – sie lebte in der Wohnung, in der heute die Franzosen ihr Domizil haben. Die Fürstenbergerin spricht wie Tim Lehmann von einer „Community“: „Die Berlin-Community will sich hier ausleben und alle Vorteile genießen.“

Die Berliner sprächen abfällig von „Kleinstadtdenke“, die Brandenburger wären noch nicht so weit wie sie.„Sollen sie doch herziehen. Doch das geht nur, wenn wir miteinander auskommen.“ Im vergangenen August habe sie die Gaststätte nach 15 Jahren geschlossen, auch die Wohnung habe sie verlassen. „Meine Stammgäste waren traurig“, erinnert sich Silke Kientopf. Sie arbeitet weiterhin in der Gastronomie, aber inzwischen als Angestellte. Im März dieses Jahres öffnete dann das Café Ahoi.

Frust und Perspektivlosigkeit

Tim Lehmann spricht nicht gern über die Angelegenheit. Nur so viel: „Es lief nicht mehr.“ Er sei froh, dass es wieder Gastronomie und andere Aktivitäten im Bahnhof gebe, und viele in Fürstenberg sähen das ebenfalls so. Manches von dem, was sich in der Gegend etabliert habe, ließe sich schon mit einem Raumschiff vergleichen, gesteht Daniel Domscheit-Berg ein. Er habe viel sozialen Frust kennengelernt. Als die DDR verschwand, wurde viel aufgegeben: „Auf diesem Nährboden ist Perspektivlosigkeit gewachsen. Doch die Ur-Fürstenberger sind froh, dass wir hier etwas für junge Leute anbieten.“

Im Café Ahoi zischt die Kaffeemaschine. Der alte Warteraum mit seinem Parkett und den alten Leuchten wirkt wie das Jagdzimmer eines Gutshauses. Manchmal kämen einstige Eisenbahner hierher, die im Bahnhof gearbeitet haben, erzählt Amelie Kemmerzehl. „Es gibt viele Leute, die sich freuen, dass hier so viel passiert“, sagt sie und bedient die neuen Gäste. Der nächste Zug aus Berlin ist da.