Berlin betrachtet sich mit Spree und Havel, den zahlreichen Kanälen und über 900 Brücken als „Venedig des Nordens“ (obwohl Hamburg viel mehr Brücken hat). Außerdem will die Stadt Vorreiter sein bei der Förderung des Fußgänger- und Radfahrerverkehrs. Aber von venezianischer Baukultur, die zum Flanieren am und übers Wasser einlädt, ist Berlin noch weit entfernt.

Hier dienen Brücken vor allem dem Auto- und Bahnverkehr, oft müssen Fußgänger und Radler große Umwege in Kauf nehmen, wenn sie beispielsweise von der Eastside Gallery in Friedrichshain aufs Kreuzberger Ufer jenseits der Spree wollen. Dann müssen sie einen großen Haken über die Oberbaumbrücke schlagen.

Dieses Defizit fiel auch Mike Schlaich auf. Er ist Ingenieur und Professor für Entwerfen und Konstruieren an der Technischen Universität Berlin und Organisator der „6. Internationalen Fußgängerbrücken-Konferenz“, die drei Tage lang auf dem alten AEG-Gelände im Wedding tagte. Schlaich fragte bei der Senatsbauverwaltung an, wo in Berlin eine Fußgängerbrücke wünschenswert wäre. Die Behörde nannte ihm sechs Standorte und Schlaich bat die Kongressteilnehmer, sich dafür jeweils einen Entwurf auszudenken und bei der Konferenz zu präsentieren.

Elegant, leicht, transparent

Ergebnis: Seit Ende vergangener Woche gibt es in Sachen Fußgängerbrücken keinen Mangel an Ideen mehr. Obwohl der Berliner Senat derzeit keinen Wettbewerb für den Bau von Fußgängerbrücken plant und daher keine Aufträge zu vergeben sind, brachten die Ingenieure und Architekten aus Europa, Asien und Amerika 76 Entwürfe mit und stellten sie unter Kollegen zur Diskussion.

Der fehlende Zwang zur Realisierung hatte den Vorteil, dass sich die internationalen Brückenkreateure erstmal wenig um potenzielle baurechtliche Beschränkungen kümmern mussten und sich vor allem auf die städtebauliche Einpassung ihrer Entwürfe am jeweiligen Standort konzentrieren konnten. Darauf hatte Schlaich besonderen Wert gelegt: „Wenn wir Bauingenieure einen Vortrag halten, dann geht es oft nur um technische Parameter. Aber ich möchte, dass Bauingenieure sich bewusst werden, welch großen Beitrag sie zur Baukultur leisten.“

Also befassten sich die Architekten mit der Geschichte Berlins und dem städtebaulichen Umfeld der Orte, für die sie planten. Eines eint die meisten Entwürfe: Die Konstruktionen wirken oft elegant, leicht und transparent und gleichen mitunter eher Skulpturen als profanen Übergängen über ein Gewässer.

Die „Welcome Light Berlin“-Brücke führt über das Bahngelände

Es sind klassische Bogenbrücken darunter wie der Entwurf des isländischen Ingenieurbüros Efla Consulting aus Reykjavik, die die im Krieg zerstörte Waisenbrücke ersetzen könnte. Elegant um die Brücken-Mittelachse gedreht ist die für den gleichen Ort konzipierte Brücke „Twisted Pretzel“ des amerikanischen Architekten Jim Rounsevell, der mit seinem Werk „ikonische emblematische Momente im Gewebe der Stadt“ bewirken will.

In sich gedreht und zu einem weiten Bogen geformt führt die „Welcome Light Berlin“-Brücke über das Bahngelände zwischen der Lehrter Straße in Moabit und der künftigen Europa City an der Lehrter Straße. Von innen illuminiert soll sie als Leuchtzeichen über der Bahnzufahrt zum Hauptbahnhof dienen.

Mit Computerprogrammen lässt sich heute leicht etwas entwerfen, aber die eingegangenen Entwürfe sind meist keine reinen Fantasien aus dem 3D-Rechner. „Viele davon sind direkt baubar,“, sagt Mike Schlaich, „beim Kongress sind viele der weltweit besten Profis auf diesem Gebiet vertreten.“ Viele der Entwürfe setzen auf tragende Stahlkonstruktionen, kombiniert mit hochfesten Textilfasern verstärktem Beton für die Fußwege.

Häufig werden Stahlseile vewendet, an denen die Fußwege aufgehängt werden

Dieses Material ist leicht, trotz dünner Betonschichten sehr belastbar und durch die flexible Textileinlage fast beliebig formbar. Die Studenten der Technischen Universität Berlin, Raphael Walach und Maximilian Schubert, haben daraus die „Origami-Brücke“ konstruiert. Sie sieht aus wie aus Papier gefaltet.

Häufig werden Stahlseile vewendet, an denen die Fußwege aufgehängt werden. So entstehen atemberaubend fragil wirkende Konstruktionen, wie etwa der Entwurf für eine „Hängemattenbrücke“ der „Digital Structures Research Group“ vom Massachusetts Institute of Technology.

Die gedachte Brücke überspannt die Spree zwischen Kreuzberg und Friedrichshain in einem Bogen, der nur an seiner Innenseite mit gefächerten Stahlseilen an einem zentralen Pylon in Flussmitte aufgehängt ist. Das ist spektakulär, und durchaus sollen diese Bauten, wie Architektin Alina Rejepava von der Technischen Universität Graz sagt, ein „visuelles Statement“ darstellen – aber die Umgebung nicht dominieren.

Eine Brücke mit Provokation

Außer, die Planer wollen bewusst den Fußgängern Raum und Bedeutung im meist autodominierten Stadtraum schaffen. Dann kommt es zu ausgreifenden Entwürfen wie dem des japanischen Stadtplaners und Ingenieurs Kyo Takenouchi. Er verbindet Moabit und Charlottenburg mit einem fast 360 Grad umfassenden Brückenkreis.

Aber nicht nur Stahl und Beton kommen zum Einsatz. Schaun Valdovinos, US-amerikanischer Brückeningenieur aus Seattle, und Kollegen nutzen für eine neue Waisenbrücke angenehm rundgeschmirgeltes, verleimtes Massivholz, das auf nur sechs dünnen Stahlseilen lagert.

Einen sehr speziellen Entwurf lieferte der Londoner Architekt Cezary Bednarski für eine Brücke, bei der er neben Stahl, Beton und Glas auch eine Prise Humor mischte. Er präsentierte dem amüsierten Fachpublikum beim Kongress sein „Love Hotel“ nahe der Mühlendammbrücke in Mitte.

„Berlin struck me“ 

Eine Gitterrohrkonstruktion mit dem Fußgängerweg in der Mitte und an beiden Seiten der Brücke 216 angeflanschte, kleine Zimmer, die Bednarski als Zimmer eines Bordells konzipiert hat. Warum? „I love Sex“, sagt der Architekt, der weltweit Brücken baut und einen Hang zur Provokation hat. Die ernsthafte Idee hinter seinem Entwurf ist, den Raum über dem Wasser im grundstücksknappen Berlin nutzbar zu machen.

Warum machen sich Ingenieure und Architekten aus aller Herren Länder gratis Arbeit und Gedanken über Brücken in Berlin? Die Antworten variierten kaum: „Weil Berlin eine faszinierende, internationale Stadt ist, mit viel Wasser und Grün“. Schaun Valdovinos sagt es kurz so: „Berlin struck me.“ Er sagt, wenn der Berliner Senat einen Wettbewerb für den Bau einer Fußgängerbrücke ausschreibt, sei er dabei.