Wie ein Tresor ist der Raum gesichert. Meterdicke Wände, Panzerglas, speziell codiertes Zugangssystem. In dem etwa fünf Meter hohen Tresor ist das Licht abgedunkelt. So wirkt alles sehr geheimnisvoll. Zumal die Computerarbeitsplätze ein bisschen so wie im Cockpit von Raumschiff „Enterprise“ angeordnet sind. Zutritt zu dem Raum haben nur sehr wenige Mitarbeiter, für die Öffentlichkeit ist er tabu. Er gehört zur neuen Konzernzentrale des Unternehmens 50Hertz, das im September seinen neuen Firmensitz in der Europacity am Berliner Hauptbahnhof bezogen hat. 50Hertz betreibt im Osten Deutschlands und in Hamburg die Hochspannungsnetze und versorgt mehr als 18 Millionen Kunden mit Strom.

Damit das auch bei einer Havarie oder bei einem Ausfall der Hauptleitwarte in Neuenhagen bei Berlin so bleibt, verfügt die 50Hertz-Zentrale über eine Ersatzleitwarte – den Tresorraum. Von hier aus kann das Stromnetz ebenfalls gesteuert werden. Auf einer großen Bildschirmwand ist das Netz dargestellt. Buchstabenkombinationen bezeichnen die Städte, auch Umspannwerke sind zu erkennen. Durch mindestens zwei grüne Leitungen sind sie jeweils miteinander verbunden. Das bedeutet, die Stromtrasse ist in Betrieb und doppelt abgesichert. Wird an einer Leitung gebaut, leuchtet sie rot auf.

Die Ersatzleitwarte RCC, die Abkürzung steht für remote control center, ist in der Konzernzentrale tatsächlich etwas Besonderes, denn sie kann für mindestens zehn Tage unabhängig von der Außenwelt arbeiten. Sie verfügt über eine eigene Stromversorgung, hat ein eigenes Klimasystem und ist an einen separaten Wasserbrunnen angeschlossen. Zu dem bunkerartigen Tresor gehört auch eine Küche mit Lebensmitteln. „Das ist insgesamt kein normaler Raum. Gestalterisch haben wir das bei der Ausstattung mit komfortablen Stühlen, den Wandverkleidungen und mit dem Bodenbelag berücksichtigt“, sagt Chris Middleton vom Büro Kinzo, das die Innengestaltung der 50Hertz-Zentrale übernommen hat.

Zwölf Büroetagen hat der Neubau an der Heidestraße. Er wurde seit 2014 für mehr als 55 Millionen Euro errichtet, weil der bisherige Standort in Treptow zu klein geworden war. Außerdem wurden mehrere Standorte von 50Hertz in der Zentrale zusammengefasst.

Keine Schießschartenoptik

Das neue Haus sieht sehr modern aus, auch gewagt. Die Fenster sind überall raumhoch. Davor liegen diagonal die Stahlstützen, die zugleich eine Art Sinuskurve darstellen. Dieses Motiv passt ganz gut zu dem Stromnetzbetreiber, hatte das Büro von Love architecture aus Graz schon vor Jahren für seinen Entwurf geworben und einen städtebaulichen Wettbewerb gewonnen. „Wir machen keine Schießschartenarchitektur“, sagt Architekt Mark Jenewein. „Unser Haus ist transparent. Die Mitarbeiter sehen von ihren Arbeitsplätzen auf die Stadt und sind nicht in einem Bunker eingeschlossen.“ Zugleich gibt es auf jeder Etage im Sockelgebäude große Terrassen, auf denen die Mitarbeiter ihre Pausen verbringen können, auf denen aber auch mal ein Meeting stattfinden kann.

650 Beschäftigte arbeiten in der Zentrale. Sie durften in einem bestimmten Rahmen mitbestimmen, wie ihr künftiger Arbeitsplatz aussehen soll. „Jede Abteilung hat für sich entschieden, wie sie arbeiten will und wie zum Beispiel die Schreibtische aufgestellt werden“, sagt Christian Oblasser von 50Hertz.

Einzelbüros gibt es keine, sondern nur Großraumbüros, die aber sehr geräumig wirken und teils durch Treppenaufgänge unterteilt sind. Die Schreibtische, mal zwei, mal drei nebeneinander, stehen dicht an den Panoramafenstern. Sie sind höhenverstellbar und haben Verkleidungen aus grauem Filz. Auch die Regale haben zusätzliche Aufbauten aus Filz, die als Sicht- und Schallschutz dienen. Im Konzept von Chris Middleton gibt es extra schallisolierte Arbeitsräume, die vom Großraum mit Glas abgetrennt sind. Die Konferenzräume wiederum folgen einem speziellen Farbkonzept, die Töne etwa der Wandverkleidung sind entweder lindgrün, brombeer oder erdfarben.

50Hertz versteht sich auch als ein kulturvolles Haus, mit dem Hamburger Bahnhof wurde eine Kooperation für Ausstellungen junger Künstler vereinbart. Dussmann betreibt in der Zentrale einen Kulturkindergarten mit 25 Plätzen, 10 davon stehen für andere Firmen der Europacity bereit. Gerade erst wurde nun der Tresorraum in Betrieb genommen. 50Hertz verbreitet damit in der Europacity die Botschaft: Wir sind angekommen.