Potsdam - Das hätte man also auch aus dem Skelett des Palasts der Republik machen können – wenn mehr Fantasie, mehr Sparsamkeit und ein größerer Wille geherrscht hätten. Das denkt man sich jedenfalls schnell beim Anblick der neuen und doch auch alten Stadt- und Landesbibliothek (SLB) in Potsdam.

Dieser so weiß strahlende Neubau am Platz der Einheit ist nämlich eigentlich ein Altbau. Einer, den man nach dem von dem Berliner Architekten Reiner Becker entworfenen Umbau allerdings kaum noch als DDR-Architektur von 1974 erkennt. Nur das strenge Raster aus Pfeilern und Trägern bildet sich außen noch ab. Vor ihm hing einst eine Betonstab- und Plattenfassade, wie sie immer noch die benachbarten Bauten der Fachhochschule zeigen. An der SLB hingegen sind die kleinen Fenster nun durch wandgroße Scheiben ersetzt worden, vor denen farbige Glasfelder den strengen Eindruck des Rasters auflockern.

An diesem Wochenende wird die Stadt- und Landesbibliothek als Teil des „Bildungsforums“ mit den neuen Räumen der Volkshochschule eröffnet. Großes Fest, Spiele, Lesungen, Musik sind annonciert. Schließlich gehen drei Jahre Exil in der Bibliothek der Fachhochschule zu Ende. Direktorin Marion Mattekat hat in ihrem neuen alten Haus noch alle Hände voll zu tun. Dieses Bild muss weggestellt, jener Kasten eingeräumt werden, Tische stehen nicht da, wo sie sich diese vorstellt. Etwa an der breiten Fensterwand hin zum Platz, durch die das Grün der Bäume tief ins Haus reflektiert.

Strahlend weiß

Im Erdgeschoss erlauben weite Glasscheiben den Blick in die neue, strahlend helle Bücherhalle, die an Stelle des einst so düsteren Foyers und des Buchladens entstanden ist. Im Oktober soll hier ein Café aufmachen – vielleicht, hofft eine ältere Dame, die sich gerade noch die Nase platt gedrückt hat an den Scheiben, kann man dann ja noch draußen sitzen. Verschwunden ist der für Lesungen und Feste beliebte Innenhof im Obergeschoss.

Stattdessen weitet sich die große, quadratische Halle, umgeben von einer Galerie für die 180.000 Bücher des Freihandbestands und die etwa achtzig locker verteilten Arbeitstische. Alles ist nach dem Wunsch der Architekten sehr weiß geraten, bis hin zu den Regalen. In manchen deutschen Bibliotheken herrscht derzeit offenbar regelrechte Angst vor Farbe, wie die neue Stadtbibliothek in Stuttgart oder die des Archäologischen Zentrums in Berlin zeigen. Andererseits: Diese Strenge gefällt offenbar. In Stuttgart hat sich die Nutzerzahl binnen Jahresfrist verdoppelt.

Die Strenge der Halle wird durch die Schatten des hohen Glasdachs aufgelockert. Und durch kräftig vorspringende Rundungen: Vom Balkon der Jugendbibliothek im ersten Stock hat man einen prachtvollen Herrscher-Blick auf die Erwachsenen-Romane im Erdgeschoss. Wie ein halbrunder Turm steht der Körper des neuen Vortragssaals in der Halle, obenauf eine Terrasse mit leichten Sesseln zum Lesen, drinnen 70 Plätze und ein Flügel. Knapp bemessen ist das für Konzerte und Debatten. Schließlich belebt die stählerne Wendeltreppe das Bild, dunkel wie eine Skulptur. Leider wurde sie sehr leicht und damit auch recht laut hallend konstruiert.

Aber vielleicht geht das ja künftig im Lachen aus der Kinderbibliothek unter. Dort stehen von der Berliner Bildhauerin Kerstin Vincent entworfene kleine Piratenboote aus Holz. Fühlbilder an den Wänden laden ein zum Tasten, ein quietsch-oranges Labyrinth lädt ein zum Verirren, Reliefs mit dem „Lesewolf“ können zum Wandpuppentheater verwandelt werden.

Allerdings: Auch hier ist alles recht beengt. Die Stadt hat sparen müssen. Bis hin zum Treppenhaus hoch zur VHS, das mit seinem Neonlicht, der knallharten Akustik und den grauen Stufen nur als Strafe für jeden Benutzer zu bezeichnen ist. Um die 14 Millionen Euro waren die Obergrenze. Drei Millionen kamen von der Europäischen Union – ohne die in Ostdeutschland kaum noch ein Kulturbau möglich wäre – sechs Millionen vom Land, fünf von der Stadt. Nicht viel Geld für einen Bau, in dem 4800 Quadratmeter für die Bibliothek, 1350 für die Volkshochschule und 1320 für die „Wissensetage“ mit einer Dauerausstellung zur Wissenschaftsgeschichte Brandenburgs untergekommen sind.

Fast schon billig

Kaum 1 800 Euro pro Quadratmeter kostete also der Umbau. Nur das statische Skelett blieb vom einstigen Vorbildbau des DDR-Bibliothekswesens erhalten. Und das große Wandgemälde von Karl-Heinz Kühn „Weg des Spartakus“. Es wurde in drei Teile zerlegt und neu gehängt. Im Vortagsaal wirkt das vorzüglich, im Café muss man abwarten, der Gemäldeteil in der Musikabteilung wird von Regalen zugestellt. Da muss neu gedacht werden.

Kurz: Hier wurde das erhalten, was man brauchen kann, der Rest nach den Interessen, den Möglichkeiten und dem Geschmack der Zeit umgestaltet. Wie es seit Jahrtausenden üblich ist. Ein Vorbild auch für den Umgang mit der benachbarten Fachhochschule. Abreißen, das zeigt die neue SLB, ist fast immer die banale, die langweilige Lösung.