BerlinWenn der Aufzug nicht funktioniert, die Puste nicht für die Treppe reicht, der Bahnsteig mit Rollstuhl oder Kinderwagen unerreichbar scheint – dann wird in Berlin dafür gesorgt, dass die Fahrt trotzdem angetreten werden kann. Das will der Senat künftig garantieren. Mit einem Pilotprojekt, das Ende des kommenden Jahres beginnt und sich zunächst auf zwei U-Bahn-Abschnitte beschränkt, soll der neue Service erprobt werden. Bewährt sich die Mobilitätsgarantie, soll sie 2023 auf das gesamte Berliner Stadtgebiet ausgedehnt werden. „Wir wollen ein bundesweit einmaliges System etablieren, mit dem jede mobilitätseingeschränkte Person in Berlins öffentlichem Nahverkehr in jeder Situation vorankommt. Auch wenn mal die Technik streikt oder Baustellen zum Umweg zwingen“, sagte Verkehrssenatorin Regine Günther.

„Wie sich dieses System optimal organisieren lässt, werden wir mit dem Pilotprojekt auf zwei U-Bahn-Linien erproben und evaluieren“, so die Grünen-Politikerin. Testgebiet der „alternativen barrierefreien Beförderung“, kurz ABB, sollen die U5 zwischen Frankfurter Allee und Tierpark sowie die U8 auf ganzer Länge zwischen Hermannstraße und Wittenau sein. Im vierten Quartal 2021 soll es losgehen, Ende 2022 wird der Modellversuch abgeschlossen. „Mit den Erfahrungen, die wir dort sammeln, soll das System dann ab 2023 auf ganz Berlin ausgedehnt werden“, sagte Günther.

Und so soll die Mobilitätsgarantie funktionieren: Wer an dem U-Bahnhof, an dem sie oder er einsteigen will, zum Beispiel wegen eines kaputten Fahrstuhls nicht zum Bahnsteig gelangt, kann sich telefonisch oder per App an eine Zentrale wenden. Dort wird geprüft, welche zumutbaren Alternativen es gibt. Wenn der Fahrgast mit bis zu zweimaligem zusätzlichen Umsteigen und mit maximal 20 Minuten Reisezeitverlängerung ans Ziel kommt, wird er auf diese Möglichkeit verwiesen. Falls die Reise komplizierter wird und länger dauert, schickt die Zentrale einen Kleinbus, der ihn zur nächsten barrierefrei erreichbaren Station bringt. Von dort kann er die Reise fortsetzen. Auch wenn schon vor der Reise absehbar ist, dass es Lücken oder Störungen in der barrierefreien Beförderung gibt, soll der Service genutzt werden können.

Es handelt sich also nicht um einen Taxiverkehr, der Fahrgäste von Tür zu Tür fährt. Ziel sei es nicht, der ohnehin schon darbenden Taxibranche Konkurrenz zu machen, hieß es im Senat. Die 41 Kleinbusse, die für ganz Berlin benötigt werden, sollen nur Abschnitte überbrücken. Ein von der BVG beauftragter Dienstleister soll sie betreiben. Und wer darf die Mobilitätsgarantie in Anspruch nehmen? Der Personenkreis soll möglichst weit gefasst werden. So sollen nicht mit Menschen mit Schwerbeschädigtenausweis, sondern zum Beispiel auch Eltern mit Kinderwagen den Service nutzen dürfen.

„Das neue Versprechen ist: Jede und jeder kommt voran, entweder mit einem zumutbaren Umweg – oder aber wir schicken einen Kleinbus los, der die Menschen zur nächsten barrierefreien Station bringt“, sagte die Senatorin. „Niemand soll mehr umkehren müssen, weil er oder sie im Rollstuhl sitzt, keine Treppe mehr schafft oder schlecht sieht. App oder Anruf genügt.“ Das Vorgehen sei mit den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) im neuen Verkehrsvertrag vereinbart worden, es wurde auch mit Vertretungen und Verbänden von Menschen mit Behinderungen abgesprochen, so Günther.

Mit dem Berlkönig der BVG und des US-Unternehmens Via Van, der im östlichen Stadtzentrum Fahrgäste zwischen tatsächlichen und virtuellen Haltestellen befördert, hat das geplante neue Angebot nichts zu tun. Der Ridepooling-Service, der nach mehrmaligen Verlängerungen nun bis mindestens Ende Januar 2021 unterwegs ist, komme im neuen Verkehrsvertrag nicht vor. Im Senat wird er skeptisch gesehen – auch weil er offenbar nicht dazu beitrage, dass die Zahl der Autos sinkt.

Rufbusse, die in Außenbezirken Fahrgäste zu den Bahnhöfen bringen oder dort aufpicken, sind dagegen im BVG-Verkehrsvertrag vorgesehen. Wie berichtet will das Landesunternehmen dazu eine Ausschreibung starten. Das Vergabeverfahren für die „alternative barrierefreie Beförderung“, das die Senatorin Günther nun vorgestellt hat, soll demnächst beginnen.

Im U-Bahn-System sind rund 80 Prozent der Bahnhöfe mit Aufzügen ausgestattet, bei der S-Bahn sind es innerhalb Berlins mehr als 93 Prozent, so der Senat.

Linke fordert: die ganze U5 einbeziehen!

Kristian Ronneburg, verkehrspolitischer Sprecher der Linken im Abgeordnetenhaus, kritisierte die Beschränkung des Pilotprojekts auf einen Abschnitt der U5. „ Von Tierpark bis Hönow verfügen die Bahnhöfe, bis auf den Bahnhof Kienberg, nur über Rampen, die zu steil für viele Menschen sind, die auf Rollstühle oder Rollatoren angewiesen sind. Ganz zu schweigen von Eltern, die mit Kinderwagen unterwegs sind“, so der Abgeordnete am Freitag. „Ich fordere die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz und die BVG auf, den Test auf die gesamte Linie der U5 auszuweiten, damit vor allem die Bahnhöfe ohne Aufzüge in die Pilotphase einbezogen werden. Die alternative barrierefreie Beförderung muss doch gerade dort zur Verfügung stehen, wo Aufzüge nicht vorhanden sind.“