Sie hatte vorgesorgt: Warm verpackt, in einer wattierten Skihose, einem Anorak und robusten Bergstiefeln stand Annett Mueller am Sonntagmittag vor der Neuen Nationalgalerie und wartete auf Einlass. „Ich habe mir schon gedacht, dass wir wieder Schlange stehen müssen“, sagte die Designerin, die mit ihrer Familie für die Gerhard-Richter-Ausstellung extra aus Leipzig gekommen war. Das sei ja nichts Neues in Berlin. „Bei den ,Gesichtern der Renaissance’ standen wir mehr als fünf Stunden an.“

Vor und hinter Familie Mueller warteten am Mittag noch etwa zweihundert weitere Kunstfreunde in der Kälte. Viele waren vom Andrang am ersten Ausstellungstag überrascht. „Normalerweise dauert es doch immer ein paar Tage, bis sich so ein gewisser Hype aufbaut“, sagte eine Frau. Geduldig fügten sich viele in ihr Schicksal. Bei minus sieben Grad trippelten sie von einem Bein aufs andere, um sich aufzuwärmen, oder schlürften heißen Kaffee aus Pappbechern. Die durchschnittliche Wartezeit im Freien betrage dreißig bis 45 Minuten, hieß es unterdessen am Eingang.

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„Richter ist mir das wert“, sagte Mandy Frömmel, Kunstlehrerin und wie die Muellers extra aus Leipzig angereist. „Er ist einfach einer der bedeutendsten Maler.“ Andere Wartende schwärmten von Richters Vielfältigkeit, seiner Experimentierlust, seinem Ausnahmekönnen.

Für die Ausstellungsmacher hagelte es dagegen Kritik. Sie hatten angekündigt, dass niemand in der Kälte warten müsste. Aber das war wohl voreilig gewesen. Der Kassenbereich im Inneren sei überfüllt, sagte der Kontrolleur am Eingang immer wieder. Ruppig wies er alle zurück, die hinein ins Warme drängten.

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Besonders ärgerten sich viele Richter-Fans, die ihre Karten vorab im Internet gekauft hatten und sich trotzdem in die Schlange einreihen mussten. Reservierte Zeitfenster wie bei anderen Schauen gibt es für Online-Tickets diesmal nicht. „Obwohl wir Karten haben, durfte nicht mal unsere 84-jährige Oma reingehen“, ärgerte sich Gisela Vonhof, die mit ihrer Familie extra aus Hamburg gekommen war. Selbst Schwerbehinderte mussten anstehen. „Ich kann das aber nicht“, sagte eine 58-jährige, gehbehinderte Frau aus Lichterfelde. Enttäuscht machte sie sich wieder auf den Heimweg.