Berlin - SPD-Bildungssenatorin Sandra Scheeres musste am Mittwoch eine zweite Niederlage vor dem Arbeitsgericht hinnehmen. Ihr Versuch, den 18 Jahre lang amtierenden künstlerischen Leiter der Staatlichen Ballettschule Gregor Seyffert mittels einer fristlosen oder ordentlichen Kündigung loszuwerden, scheiterte. Seyffert und sein Anwalt Jens Brückner hatten auf Weiterbeschäftigung geklagt. Der Richter Arne Boyer am Arbeitsgericht versuchte zunächst zu ermitteln, was das Land bewogen habe, die strengen Fristen so stark zu überdehnen. Die Freistellung von der Arbeit erfolgte am 17. Februar, die Kündigung am 8. Juni. Die beiden Anwälte des Landes argumentierten, es sei schwierig gewesen, Zeugen zu finden für die Vorwürfe. Man habe die Ergebnisse der Expertenkommission und der Clearingstelle abwarten müssen, die die anonymen Beschuldigungen aufklären sollten.

Der Anwalt Jens Brückner widersprach – kein einziger Hinweis der Kommissionen sei für die Kündigungen verwertet worden. Ja, genau, stimmten die Landes-Anwälte zu, das habe man aber nicht vorher wissen können. Im Klartext: Das Land hatte mithilfe der Kommissionen nach Kündigungsgründen für die Leiter der Schule gesucht, aber keine gefunden.

Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres, Gregor Seyffert, Künstlerischer Leiter der Staatlichen Ballettschule Berlin, und Ralf Stabel, Geschäftsführender Leiter der Staatlichen Ballettschule Berlin (v. li). Im Zuge von Untersuchungen nach anonymen Vorwürfen wurden der Schulleiter und der Künstlerische Leiter vom Dienst freigestellt.
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Anschließend schlugen die Anwälte des Landes vor Gericht einen anderen Ton an, machten deutlich, dass Seyffert auf keinen Fall weiter beschäftigt werden solle. Er habe „als geiler Stelzbock einer 17-jährigen Schülerin nachgestellt“. Aus dem sexistischen Verhalten sei Korrumpierbarkeit ablesbar. Anwalt Brückner reagierte verärgert: „Ich dachte, wir setzen uns inhaltlich auseinander. Stattdessen versuchen Sie, das Bild eines sexistisch übergriffigen Menschen aufzubauen. Den gibt es nicht. Hier wird Stimmung gemacht.“

Zum Hintergrund. Er führt zurück in den Dezember 2012. Damals bahnten sich engere Kontakte an zwischen dem künstlerischen Leiter und einer 19-jährigen Studentin, die noch im selben Monat die Ballettschule verließ. Seyfferts Klageschrift gegen seine Kündigung liegt der Berliner Zeitung vor. Sie führt aus, dass Seyfferts Beziehung zu der Tänzerin über drei Jahre dauerte, aber erst im Frühjahr 2013 begann, als sie längst am Staatsballett engagiert war. Heute nun wird der Vorgang Gegenstand einer Kündigung, die sogar aus intimen Chat-Verläufen zitiert.

Der Richter fragte daraufhin, welche Gefahr wohl heute von dem Kläger ausgehe? Seyffert habe damals eine lange Beziehung angestrebt und kein Wochenendvergnügen. Er sei heute 53, kein Grabscher, kein Sexist. Dennoch könne man vielleicht die Frage stellen, ob er als künstlerischer Leiter nicht länger tragfähig sei.

Die Zurückweisung der Kündigung hatte sich schon beim gescheiterten Gütetermin im Mai zwischen der Verwaltung und Gregor Seyffert angebahnt. Damals empfahl der Richter einen Vergleich, auch, um das Waschen von „schmutziger Wäsche“ in der Öffentlichkeit zu vermeiden. Aber die zuständige Senatorin und ihre mit dem Fall im Einzelnen befasste Staatssekretärin Beate Stoffers wollten es auf einen öffentlich geführten Rechtsstreit ankommen lassen.

Dies ist schon die zweite Niederlage der Bildungsverwaltung in ihrem seit neun Monaten geführten Kampf gegen das Spitzenpersonal der Staatlichen Ballettschule und Schule für Artistik. Anfang September scheiterte Scheeres bei dem Versuch, den Schulleiter Ralf Stabel zu kündigen. Stabel ist seit 13 Jahren im Amt, wie Seyffert im Rang eines Professors. Das Arbeitsgericht hatte der Widerspruchsklage Stabels stattgegeben und dem Land in einem scharfen Schriftsatz grobe Schludrigkeiten vorgeworfen: Es sei nicht akzeptabel, eine Kündigung anzunehmen, wenn das Land „nicht einmal grundlegenden Anforderungen eines substantiierten Vortrages nachkommt“.

Abschließend erklärte am Mittwoch einer der Senatsanwälte, dass man weitere Kündigungsgründe finden würde. Tatsächlich ist die nächste, völlig abstruse Klage schon angekündigt. Sie scheiterte bisher an der Zustimmung des Personalrats. Darin droht die Verwaltung dem Schulleiter mit Rausschmiss, weil er nicht auf einen Elternbrief von 2018 reagiert haben soll. Ein Brief freilich, von dem die Verwaltung einräumt, dass er nicht abgeschickt wurde. Das Land ist bereit, dafür juristisches Personal ohne Ende auf beiden Seiten zu beschäftigen.