Dreieinhalb Jahre noch, dann soll die U-Bahn-Baustelle Unter den Linden endlich abgebaut werden. Doch wer glaubt, dass es nach der Fertigstellung der U5 erst mal keine Buddelei in der Innenstadt mehr geben wird, der irrt. Planer bereiten das nächste große Verkehrsprojekt vor. Ein internes Papier, das der Berliner Zeitung vorliegt, nennt Details. So entsteht vor dem Brandenburger Tor eine große Baugrube, darum können „verkehrliche Einschränkungen nicht vermieden werden“. Auch S-Bahn-Fahrgäste sind betroffen. Im Tunnel wird der Zugverkehr unterbrochen.

In der fast 70 Seiten umfassenden „Hintergrundinformationen“, die der Senat und die Deutsche Bahn (DB) herausgegeben haben, geht es um die S 21. So lautet der Arbeitstitel eines Projekts, von dem die meisten Berliner nichts wissen, das aber von enormer Bedeutung ist. S 21 – das ist die zweite Berliner Nord-Süd-S-Bahn. „Sie wird dringend benötigt“, sagte ein Planer.

Das Motto lautet: ab durch die Mitte – untendurch. Die 6,4-Kilometer-Strecke beginnt am S-Bahn-Ring. In einem Tunnel wird sie unter dem Hauptbahnhof und der Spree hindurch zum Potsdamer Platz führen. Am Landwehrkanal soll die Trasse wieder auftauchen. Sie unterquert das Gleisdreieck, wo ein Umsteigebahnhof zur U 1 entsteht, um nahe der Yorckstraße an die heutige S 1 und S 2/ 25 anzuschließen.

Videokameras zur Sicherheit

In Berlin gibt es schon einen S-Bahn-Tunnel. Wird eine zweite Nord-Süd-Trasse wenige hundert Meter nebenan wirklich gebraucht?

Unbedingt, sagen die Planer. Der Umsteigeknoten Bahnhof Friedrichstraße muss entlastet werden. Zudem sind der Hauptbahnhof sowie andere Ziele im Parlaments- und Regierungsviertel heute teils schwer erreichbar. Erst mit der S 21 könne der Hauptbahnhof, der immerhin 700 Millionen Euro kostete, seine „volle verkehrliche Wirkung entfalten“, so das interne Papier.

Das am schwersten wiegende Argument lautet: In Berlin, wo 2030 rund 3,85 Millionen Menschen leben werden, braucht der Verkehr mehr Kapazitäten. „Nur mit dem S 21-Tunnel sind dringend notwendige Taktverdichtungen auf den in Nord-Süd-Richtung verlaufenden S-Bahn-Linien möglich“, heißt es.

Die S 21 ist ein besonderes Projekt. Nicht nur, dass in Berlins Mitte Grundwasser, Findlinge und Alt-Munition Bauleuten zu schaffen machen. Die Strecke wird am Reichstag und der US-Botschaft vorbeiführen. Sicherheitsvorkehrungen sind nötig: Videokameras werden den Tunnel überwachen ebenso wie Einfahrten und Notausgänge. Vielerorts sind andere unterirdische Bauwerke im Weg. Und so wird die S 21 zu einer kurvigen Berg-und-Tal-Bahn, die über als auch 22 Meter unter der Oberfläche verlaufen wird. Das hat seinen Preis. „Der Senat geht derzeit von Gesamtkosten von zirka 900 Millionen Euro aus“, so Verkehrs-Staatssekretär Jens-Holger Kirchner (Grüne).

Zwischen Ring zum Hauptbahnhof ist der erste Abschnitt bereits in Bau. Es gibt Probleme mit Grundwasser, so dass unklar ist, wann der erste Zug unter der Invalidenstraße hält. Vielleicht 2020? Schweigen.

Doch die nächste Etappe wird schon in Angriff genommen. „Für den zweiten Bauabschnitt wird derzeit die Entwurfsplanung erstellt“, so Kirchner. Das 1,9 Kilometer lange Teilstück vom Hauptbahnhof zum Potsdamer Platz, das schätzungsweise 199 Millionen Euro kosten soll, gilt als das komplizierteste Teilprojekt. Baudauer: rund sechs Jahre.

Verkehr wird unterbrochen

Aus neun Konzepten wurde Nummer 7 als die „weitaus günstigste Variante“ ausgewählt, heißt es. Damit im Reichstag nicht die Regale vibrieren oder Baulärm die Debatte stört, soll der zweite Abschnitt im Schildvortrieb entstehen. Eine Tunnelbohrmaschine wird die 4,9 Meter hohen Röhren bauen – davon wird man über der Erde so gut wie nichts spüren. Die Beeinträchtigungen werden sich „allenfalls im kaum wahrnehmbaren Bereich bewegen“. Die Besonderheit: Weil im Untergrund Platz fehlt, verlaufen die Tunnelröhren, wie berichtet, nicht nebeneinander. Sie nehmen den Reichstag in die Zange – eine verläuft westlich, die andere östlich.

Während die Abgeordneten weiter in Ruhe tagen können, müssen Fußgänger und Autofahrer mit Umwegen und Sperrungen rechnen. Im Bereich Dorotheenstraße/ Scheidemannstraße/ Brandenburger Tor entsteht eine Baugrube. Um den neuen Tunnel an die bestehende unterirdische S-Bahn-Strecke anzuschließen, müsse er dort dicht unter der Oberfläche verlaufen – und das schließe eine Tunnelbohrung aus.

Der Anschluss an den heutigen Tunnel wird auch Sperrungen auf den Linien S 1, S 2 und S 25 erfordern. Erste Berechnungen gehen von insgesamt bis zu 22 Monaten aus. „Doch wahrscheinlich wird es schneller gehen“, sagte ein Experte.

Wann der zweite Abschnitt gebaut werden kann, steht noch in den Sternen. Gut möglich, dass es erst in der zweiten Hälfte der 2020er-Jahre so weit sein wird.

Gut möglich, dass der 2,1 Kilometer lange dritte Abschnitt früher fertig wird. Hier werden die Planungen bald beginnen, so Kirchner. Wichtig wird der Umsteigebahnhof am Gleisdreieck. Er wird das Herz der geplanten „Urbanen Mitte“, die mehrere Hochhäuser umfasst.