Berlin - In dem hellen Direktorenzimmer scheint die Welt in Ordnung. Die Sonne lacht durch die großen Fenster auf den langen Schreibtisch. Erich Honecker blickt von einem Porträtbild in den Raum. Das Beige seines Sakko-Revers’ korrespondiert hervorragend mit dem bräunlichen 70er-Jahre-Tapetenmuster. Aus dem Nebenzimmer, dessen schallisolierte Tür weit offen steht, ist das Klacken einer Schreibmaschine zu hören. Die Chefsekretärin hat einen Brief an das Ministerium für Staatssicherheit aufgesetzt. Durch das „umsichtige Verhalten“ der Wärter sei der Suizidversuch eines Häftlings verhindert worden, heißt es in dem Schreiben von 1986, dessen Zeilen ein Beamer nach und nach an die Wand projiziert.

Es ist das Büro von Siegfried Rataizick, zwischen 1963 und 1989 Leiter des Stasi-Untersuchungsgefängnisses in Hohenschönhausen. Der Raum, der den Besucher recht wirkungsvoll in die Vergangenheit transportiert, ist Teil der neuen Dauerausstellung „Gefangen in Hohenschönhausen – Zeugnisse politischer Verfolgung 1945 bis 1989“, die am Freitag im Beisein unter anderen des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit (SPD) eröffnet wurde. Der Raum befindet sich im Gebäudetrakt der Gefängnisleitung, die auch die Hoheit über alle anderen Stasi-Gefängnisse der DDR hatte. 2011 war mit seinem Umbau begonnen worden, um Platz für die neue Ausstellung zu schaffen.

„Viel hören, ohne selbst bemerkt zu werden“

Diese Schau zeigt die „Täterwelten“ und den Kern der Ausstellung – die Erfahrungswelten der Häftlinge mit Verhören, Gewalt und Einzelhaft – fast in direktem Nebeneinander. Vom hellen Direktorenzimmer erreicht man die ehemalige Materialhalle und Großküche des Gefängnisses. In die etwa 700 Quadratmeter großen, zur Ausstellung umfunktionierten Halle gelangt so wenig Sonnenlicht wie in die fensterlosen Zellen des früher als „U-Boot“ berüchtigten Untergeschosses.

Im Dämmerlicht steht Wolfgang Warnke neben dem Original-Guckloch einer Zellentür. Es ist eines der rund 500 Exponate, von denen viele erstmals der Öffentlichkeit gezeigt werden. Schaut man durch den Türspion, sieht man auf eine Leinwand. Darauf ist Warnke zu sehen, er sitzt in der Zelle Nummer 115, die Hände flach auf dem Tisch, das Gesicht zur Tür gerichtet.

Die einzige Bewegung: das Blinzeln der Augen. „Wir mussten genau in dieser Position sitzen, damit uns die Wärter auf Gesicht und Hände schauen konnten“, sagt der 69-Jährige, der 1975 wegen Fluchthilfe vier Wochen in Hohenschönhausen und eineinhalb Jahre in Bulgarien inhaftiert war. Der in West-Berlin lebende Warnke wollte einem Bekannten aus der DDR zur Flucht über Bulgarien verhelfen.

Ausgestattet mit einem Audioguide, erfährt der Besucher an dem Zellen-Guckloch, wie die Stasi die Überwachung der Häftlinge auf die Spitze trieb. „Viel hören, ohne selbst bemerkt zu werden“, sagt eine Stimme im Kopfhörer. „Auf den eigenen Schatten achten“, nicht husten oder niesen“. Es sind Anweisungen, wie die Wärter die sogenannten Sicht- und Horchkontrollen durchzuführen hatten. Vor allem die Gespräche von Häftlingen in Zweier-Zellen wurden intensiv belauscht.

„Die Wachleute hatten die Aufgabe, den Vernehmern vor den Verhören Infos zuzuspielen“, erklärt Museums-Kurator Andreas Engwert. Außerdem habe man große Angst gehabt, dass sich Häftlinge das Leben nehmen könnten.

In der Zellen-Szene zeugen Warnkes Gesichtszüge von starker Beklommenheit. Er habe sich nicht verstellen müssen, als die Ausstellungsmacher im Frühjahr die Situation mit ihm nachstellten. „Ich hatte starkes Herzklopfen, als ich wieder in meiner Zelle saß“, sagt er. Dann gesellt sich ein anderer Ex-Häftling dazu. „Die Zelle war ja deluxe“, sagt der Mann, der sich als Günter Apel vorstellt.

Er und seine Frau saßen ab 1964 zweieinhalb Jahre wegen angeblicher Spionage ein. „Damals hatten wir nicht mal ein Waschbecken. Es gab nur ein Bett, einen Hocker und einen Eimer als Toilette“, sagt Apel. Er und seine Frau durften sich nur vier Mal im Jahr Briefe schreiben – genau 21 Zeilen. Die Schatulle, in der seine Frau die Briefe heimlich aufbewahrte, ist auch in der Ausstellung zu sehen.