Berlin - Allen familienpolitischen Anstrengungen zum Trotz sinkt in Berlin und Umgebung die Zahl der Familien mit Kindern. Die Paare aber, die sich für Nachwuchs entscheiden, bekommen oftmals mehr Kinder als vor zehn Jahren. Das geht aus einer am Mittwoch veröffentlichten Erhebung des Landesamtes für Statistik hervor.

Danach lag in Berlin der Anteil an Haushalten mit minderjährigen Kindern im vergangenen Jahr bei nur 17 Prozent – ein Punkt weniger als noch 2005. In Brandenburg ging die Quote um drei Prozentpunkte auf 19 Prozent zurück. Zugleich nahm die Zahl der Kleinfamilien ab.

Schlechte Schulen, teure Wohnungen

Dennoch lebt in den meisten Berliner Familien weiterhin nur ein Kind. Dieser Anteil verringerte sich aber um vier Prozentpunkte auf 57 Prozent, gleichzeitig ist der Anteil der Großfamilien mit drei und mehr Kindern auf elf Prozent gewachsen (plus drei Punkte). Noch deutlicher zeigt sich diese Entwicklung in Brandenburg: Mit 58 Prozent sank der Anteil der Ein-Kind-Haushalte stark um acht Prozentpunkte. Neun Prozent der Haushalte mit Kindern bestehen aus Großfamilien (plus drei Punkte).

Nach Einschätzung der Berliner Caritas-Chefin Ulrike Kostka sind vor allem soziale Ursachen dafür verantwortlich, dass nicht mehr junge Menschen Familien gründen. „In Berlin sind die Schulen schlecht, bezahlbarer Wohnraum fehlt. Und Berlin ist immer noch Hartz-IV-Hauptstadt“, sagt Kostka.

Zunahme von Single-Haushalten

Bei diesen ungünstigen Rahmenbedingungen sei es nicht erstaunlich, dass Paare es sich gut überlegen würden, ob sie Kinder wollen. Auch die Zunahme von Single-Haushalten sei eine Erklärung dafür, weshalb der Anteil von Familien mit Kindern sinkt.

Um die Gesellschaft kinderfreundlicher zu gestalten, sei „die Bekämpfung der Kinderarmut ein entscheidender Hebel“, sagt die Caritas-Direktorin. „Für den neuen Senat muss Prävention von Kinder- und Familienarmut ganz weit oben stehen.“

Nach einer aktuellen Bertelsmann-Studie leben in Berlin 32,2 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Elternhäusern, die auf staatliche Transferleistungen angewiesen sind. Der Anteil der Großfamilien liegt sogar bei 36,4 Prozent. In keinem anderem Bundesland ist die Quote so hoch. In Brandenburg wachsen vergleichsweise nur 17 Prozent der Minderjährigen in armen Familien auf, bundesweit beträgt der Anteil 14,7 Prozent.

Kostka verweist auf das überdurchschnittlich hohe Armutsrisiko von Großfamilien. „In diesen Haushalten reichen die Einkommen oft nicht aus, die Wohnverhältnisse sind schlecht“, sagt sie. Der Anstieg kinderreicher Familien sei zudem auf die gewachsene Zahl von Migranten zurückzuführen, die in Berlin leben. „Aber insgesamt ist das ein positives Signal“, sagt Kostka. „Mehr Familien haben Lust auf mehr Kinder“, sagt Kostka. „Auch in Mittelschichtsfamilien geht der Trend zu mehr Kindern.“

Experten sehen Stadt im Umbruch

Regine Schefels, Geschäftsstellenleiterin des vom Berliner Senat berufenen Familienbeirats, rechnet ungeachtet der aktuellen Statistik sogar mit einem Anstieg des Anteils der Haushalte mit Kindern. „Wir sind im Umbruch. Die Stadt wächst von Jahr zu Jahr. Und mit dem Zuzug von Flüchtlingen kommen auch viele Familien“, sagt sie. Das zeige sich an der stark gewachsenen Nachfrage nach Kita- und Schulplätzen.

Der scheidende Senat habe zu wenig konkrete Schritte zur Armutsbekämpfung unternommen. Auch Schefels erwartet von einer rot-rot-grünen Koalition, „dass Berlin nicht nur IT-Hauptstadt ist, sondern auch eine familienfreundliche Metropole wird“. Familien seien der Kitt der Gesellschaft. „In diesem Bereich muss viel investiert werden“, sagt Schefels.