Berlin - Am Sonntag gibt es Protest – und Gegenprotest. Wenn Umweltschützer gegen die geplante Straße von Marzahn nach Köpenick demonstrieren, müssen sie sich auf Reaktionen einstellen. Der CDU-Abgeordnete Christian Gräff bietet Anwohnern Plakate an, die für das Verkehrsprojekt werben. Er geht davon aus, dass viele dieser Poster entlang der Demoroute an Gartenzäunen hängen werden. „Die Resonanz ist groß“, sagt Gräff. Zahlreiche Menschen im Osten Berlins seien für die geplante Straße, weil sie sich weniger Durchgangsverkehr erhoffen. Der Streit um das Projekt spitzt sich zu.

Es geht um die Tangentialverbindung Ost, kurz TVO. Es ist ein Vorhaben, das schon 1969 im Generalverkehrsplan von Berlin, Hauptstadt der DDR, vorkam. Die Nord-Süd-Straße soll angrenzende Ortsteile wie Friedrichsfelde, Karlshorst, Biesdorf und Köpenick von Verkehr entlasten. Der Nordteil, die Märkische Allee, ist lange fertig. Auch im Süden rollt der Verkehr, vierspurig von der Straße An der Wuhlheide über die Spree hinweg zum Adlergestell. Doch dazwischen klafft eine Lücke, über deren Schließung seit den 1990er-Jahren diskutiert wird.

Umstieg in die U5 und S3 möglich

Im Norden soll die TVO westlich, später dann größtenteils östlich der Gleise des Berliner Außenrings verlaufen. Allerdings müsste ein Teil der Bahnstrecke verlegt werden, wenn dort auch noch zwei Gleise für die geplante Nahverkehrstangente gebaut würden. Die 7,2 Kilometer lange Straße soll zwei Fahrstreifen pro Richtung erhalten. Auch BVG-Busse sollen dort fahren. In Biesdorf-Süd und Wuhlheide können die Fahrgäste in U- und S-Bahn umsteigen. Flankiert würde die Straße von einem vier Meter breiten Zwei-Richtungs-Radweg und einem 2,40 Meter breiten Gehweg. Eine Schallschutzwand auf der Ostseite wird die Bürger in Biesdorf-Süd vor Lärm bewahren. Die Kosten wurden zuletzt mit 155 Millionen Euro beziffert.

Dass es trotz Klimadiskussion und Erderhitzung in Berlin immer noch Straßenbauprojekte gibt, stößt auf Kritik – auch an der Basis der Grünen-Partei, die in der rot-rot-grünen Koalition mitregiert. „Die Pläne für die TVO sind Teil einer autogerechten Stadt. Aber mehr Straßen ziehen mehr Verkehr an – und mehr Kfz-Verkehr verhindert klimagerechte und ökologische Alternativen“, heißt es in dem Aufruf zur Demonstration am Sonntag, den der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), die Grüne Liga, die Klimaliste sowie 22 weitere Organisationen unterzeichneten. Der Protestzug beginnt mit einer Fahrraddemo, die um 12 Uhr am S- und U-Bahnhof Wuhletal startet. Sie führt durch Wohngebiete, in denen viele Bürger für die TVO sind. Ein Protestzug zu Fuß startet gegen 13 Uhr am S-Bahnhof Spindlersfeld. Die Abschlusskundgebung ist für 14 Uhr am FEZ in der Wuhlheide vorgesehen.

Sachverständige warnen vor dem größten Waldverlust in Berlin seit Kriegsende

Die Forderung lautet, das Projekt zu stoppen. BUND-Geschäftsführer Tilmann Heuser äußerte Verständnis für die Anwohner. „Doch die Planung passt nicht mehr in die Zeit“, so Heuser. „Sie geht davon aus, dass der Autoverkehr weiter zunehmen wird. Dabei ist klar, dass wir dem Klimawandel nur dann begegnen können, wenn wir ihn einschränken.“ Laut Senat werde das Planfeststellungsverfahren, das zwei bis drei Jahre dauern wird, frühestens 2022 beginnen. Bei ihrer Fertigstellung wäre die Straße noch anachronistischer als heute.

Die Demonstranten stoßen sich auch an konkreten Planungsdetails. So warnt der Sachverständigenbeirat Naturschutz, der den Senat berät, vor dem größten Waldverlust in Berlin seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Würde die Vorzugsvariante realisiert, käme es zu einem „überaus schwerwiegenden“ Eingriff in die besonders wertvollen Eichenwälder der Wuhlheide. 14,6 Hektar Wald müssten fallen, hieß es. „Den ohnehin geschwächten Wald dem Straßenbau zu opfern, ist wie Öl ins Feuer zu gießen“, heißt es in dem Demo-Aufruf für den 25. April.

Würde die Bahntrasse verschoben, wäre viel weniger Wald zu fällen, entgegnete Christian Gräff. „Wir sind lauter als Schreihälse“, heißt es in seiner Petition „TVO bauen – Menschen schützen“. Bis Mittwochmittag hatten sich mehr als 750 Menschen bei Change.org eingetragen.

„Der Bau der TVO ist alternativlos und schon seit Jahrzehnten überfällig“, meint Jochen Brückmann, Präsident des Verbands Deutscher Grundstücksnutzer (VDGN). Sie bündele den Verkehr und entlaste Zehntausende Anwohner nachhaltig von Lärm und Luftschmutz. „Das Planfeststellungsverfahren muss daher schleunigst begonnen werden, damit der Bau endlich starten kann. Hierfür steht die Berliner Senatsverkehrsverwaltung in der Pflicht.“ Die TVO werde naturschonend gebaut und entlaste Wohngebiete, die schon seit Jahren unter massiven Staus leiden. „Ideologie ist daher fehl am Platz“, sagte Brückmann.