Berlin-Mitte - Sie gehört zu den am stärksten befahrenen Ost-West-Verbindungen in der Berliner Innenstadt. Auf der Leipziger Straße in Mitte herrscht Tag für Tag dichter Verkehr, und nicht selten gibt es lange Staus. In Zukunft könnte eine Autofahrt dort noch mehr Zeit in Anspruch nehmen. Erste Pläne für die Straßenbahnstrecke vom Alexanderplatz zum Potsdamer Platz, die der Senat nun vorgestellt hat, sehen zum Teil spürbare Kapazitätseinschränkungen für den Kraftfahrzeugverkehr vor.

Eine Variante läuft darauf hinaus, dass es auf dem 22 Meter schmalen Abschnitt zwischen der Charlottenstraße und dem Leipziger Platz künftig nur noch einen (wenn auch 5,80 Meter breiten) Fahrstreifen pro Richtung gibt - den sich Autos und Straßenbahnen zudem teilen müssen. Bis es so weit ist, wird allerdings noch viel Wasser die Spree hinunterfließen. Frühestens 2027 könne der Betrieb beginnen, sagte Berlins oberster Verkehrsplaner Hartmut Reupke, bevor er am Mittwochabend Bürgern in der Marienkirche die Pläne vorstellte. „Wir wissen, dass es auch später werden kann. Ich bin aber optimistisch, dass es Ende der 2020er-Jahre klappt.“

U-Bahn oder Tram - das war die Frage

So viel steht fest: Was den Nahverkehr anbelangt, ist die Gegend rund um die Leipziger Straße schlecht erschlossen. Auf der Ost-West-Magistrale sind Busse der Linie M48 unterwegs, doch der Verkehr auf der von Mitte bis Zehlendorf reichenden Linie ist unzuverlässig - nicht zuletzt wegen der Staus. „Wir haben derzeit ein unzureichendes Angebot“, sagte Reupke. Als zur vorletzten Jahrhundertwende die heutige U-Bahn-Linie U2 geplant wurde, sollte der Tunnel zunächst unter der Leipziger Straße verlaufen. Doch weil dort damals noch viele Straßenbahnlinien verliefen, wich die U-Bahn der Konkurrenz aus und machte einen Bogen. Unzureichend sei die Anbindung aber auch im Nordosten Berlins, zum Beispiel in Weißensee, hieß es. Wer sie von dort in den Westen oder Südwesten Berlins will, muss mehrmals umsteigen.

Seit Jahrzehnten denken Planer darüber nach, wie die Situation verbessert werden könnte. Immer wieder waren U-Bahn-Trassen unter der Leipziger Straße im Gespräch, die zum Beispiel bis Weißensee weiterführen könnten. Beim Bau des Nord-Süd-Bahntunnels unter dem Potsdamer Platz wurde Vorsorge getroffen, dass dort später ein U-Bahnhof entstehen kann. Der Tunnelrohbau für die U3 kann heute für Partys gemietet werden.

Kurz vor der Jahrtausendwende wurden Pläne, in der Leipziger Straße wieder Straßenbahnen fahren zu lassen, konkreter. Zwar wurden die Überlegungen 2003 erst einmal wieder eingestellt, doch inzwischen haben sie erneut an Fahrt aufgenommen. Nun konnten den Bürgern erste Vorplanungen für die 4,1 Kilometer lange Neubaustrecke vom Alexander- zum Potsdamer Platz und eventuell weiter zum Kulturforum präsentiert werden. Sie stammen vom Planungsbüro Obermeyer.

Radfahrer sollen endlich breite Wege bekommen

Auf großen Teilen der Strecke  soll das Doppelgleis auf einer eigenen abgegrenzten Trasse, die begrünt wird, verlaufen. Auf dem schmalen Abschnitt rund um die Kreuzung Friedrichstraße wird das allerdings nicht möglich sein. Dafür wurden Planungsideen vorgestellt, von denen eine Gruppe  als „gestaltungsorientierte Variante“ bezeichnet wird.

Sie  erforderten „mehr Mut“, sagte Senatsplaner Holger Kölling-Orb – Mut gegenüber den Kraftfahrern. Nicht nur, dass die Zahl der Fahrstreifen für Autos halbiert würde: Ampelschaltungen sollen erreichen, dass Kraftfahrzeuge die Bahnen, mit denen sie sich die Spur teilen, nicht behindern. „Ampeln dosieren den Zufluss“, hieß es.  Die Autos werden angehalten, die Bahn fährt vor, die Autos folgen pulkweise. Fachbegriff: dynamische Straßenraumfreigabe.

Bei der „bestandsorientierten Variante“ und ihren Untervarianten blieben den Autofahrern auf dem schmalen Abschnitt der Leipziger Straße zwei Fahrstreifen pro Richtung - die aber mit jeweils 2,75 Meter recht schmal ausfielen.

Denn in jedem Fall ist klar: Radfahrer sollen mehr Platz bekommen. Heute ist die Leipziger Straße für sie „gefährlich“, gestand Reupke ein. Künftig soll es breite Radwege geben –  ob als mit Pollern geschützte Radfahrstreifen auf der Fahrbahn oder auf der Gehwegebene ist noch nicht entschieden. Präsentiert wurden Pläne mit 2,10 bis 2,85 Meter breiten Radfahrstreifen – die sich aber an den Haltestellen auf einen  Meter breite Überfahrten verengen.

Muss die Gertraudenbrücke abgerissen werden?

Grund dafür ist, dass die Haltestellenborde wie Gehwegerweiterungen an die Gleise heranreichen sollen, damit auch Rollstuhlfahrer oder Fahrgäste mit Rollatoren bequem ein- und aussteigen können. Denn auch dieses Ziel müssten die Planer im Auge behalten, hieß es. „Die neue Strecke soll barrierefrei nutzbar sein“, sagte Kölling-Orb.

Manches ist noch zu klären, hieß es. Zum Beispiel, ob die Strecke in der Potsdamer Straße auf dem Mittelstreifen östlich der Ben-Gurion-Straße endet - oder erst am Kulturforum. Eine Fortführung in diese Richtung ist ohnehin vorgesehen, denn künftig (von 2030 ist die Rede) soll die Straßenbahn bis Steglitz weiterfahren. Auch Strecken zum Bahnhof Zoo und nach Neukölln sind langfristig geplant.

Ungewiss ist derzeit auch noch, ob außer der Mühlendammbrücke auch die Gertraudenbrücke abgerissen und neu gebaut werden muss, bevor dort Straßenbahnen verkehren können. „Es wird untersucht, ob sie tragfähig wäre“, sagte Kölling-Orb. Falls ja, müsste das Bauwerk verstärkt werden.

„Boulevard der Stars“ verschwindet

Ebenfalls unklar ist,ob die schwingungsgedämpften Gleise, die der damalige Stadtentwicklungssenator Peter Strieder (SPD) 2000 auf dem 530 Meter langen Teilstück zwischen der Mauerstraße und dem Potsdamer Platz schon mal verlegen ließ, für die Neubaustrecke genutzt werden können. „Das wird noch geprüft“, erklärte Kölling-Orb. Der Rechnungshof hatte die 1,85-Millionen-Euro-Investition in seinem Bericht von 2013 gerügt, weil die planungsrechtlichen Voraussetzungen nicht vorlagen.

Klar ist dagegen, dass der „Boulevard der Stars“, der 2010/11 auf dem Mittelstreifen der Potsdamer Straße entstand, verschwindet. Damalige Kosten: mehr als zwei Millionen Euro. Er ist der Trasse im Weg, bekräftigte Reupke.

Neue Direktverbindungen für den Nordosten Berlins

Entschieden ist auch, welche Tramlinie künftig auf der Leipziger Straße verlaufen wird. „Die M4“, sagte Reupke. „Damit schaffen wir neue Direktverbindungen“ - zum Beispiel für die Menschen in Hohenschönhausen und Weißensee. Auch bessere Umsteigerelationen würden geschaffen - etwa zur U6 oder zur Nord-Süd-S-Bahn. Und so gehen die Planer davon aus, dass die Bahnen voll sein werden. Kölling-Orb: „Prognosen zufolge werden 10.000 Fahrgäste pro Tag erwartet.“ Die Erfahrung zeigt aber, dass solche Vorhersagen in der Praxis übertroffen werden. Klar ist aber auch: Einen durchgehenden Busverkehr wie heute mit dem M48 wird es künftig in der Leipziger Straße nicht mehr geben, sagte Reupke.

Im neuen Berliner Nahverkehrsplan ist von Kosten in Höhe von 65 Millionen Euro die Rede. Viele Planungsschritte sind noch zu gehen. So gehen die Planer davon aus, dass die Straßenbahnstrecke erst 2027 fertig wird - nach einer ein- bis zweijährigen Bauzeit. Ursprünglich sollten die ersten Züge 2006 fahren. Auf vielen Stufen werden Bürger angehört und beteiligt, versprachen die Senatsvertreter. So können sie ab sofort auf mein.berlin.de die Pläne einsehen und ihre Meinung äußern.

In der Tat gab es bei der Infoveranstaltung in der Marienkirche schon erste Kritik. Während Tram-Fans das Projekt viel zu lang dauerte, befürchteten Anwohner Stau und Lärm. „Nach wie vor teilt die Straßenbahn die Menschen in Befürworter und Gegner“, sagte Reupke. „Es gibt viele Ängste“ - auch deshalb, weil Straßenbahnen „in der Vergangenheit nicht immer gut geplant worden sind“. Doch wenn dieses Projekt gelinge, werde die Stadt profitieren. Kölling-Orb pflichtete ihm bei: „Der Kraftfahrzeugverkehr wird abnehmen.“

Radlobby will eigenen Plan präsentieren

Doch die Autolobby bleibt bei ihrer Kritik. Wenn die Strecke wie vorgestellt gebaut wird, werde das den Autoverkehr auf dieser wichtigen Ost-West-Verbindung „massiv einschränken“, warnte Sandra Hass vom ADAC. Auf dem schmalen Abschnitt seien täglich mehr als 50 000 Fahrzeuge unterwegs. „Schon jetzt stockt es regelmäßig, vor allem  im Berufsverkehr. Kaum vorstellbar, wie es dort aussieht, wenn Autos nur noch auf einer Spur je Richtung unterwegs sein können, dann noch im Pulk hinter der Straßenbahn. Wir befürchten extreme Rückstaus  weit über den genannten Abschnitt hinaus.“ Der ADAC bekräftigte eine Forderung aus den 1990er-Jahren, auf der Französischen Straße Gleise zu verlegen. Henner Schmidt von der FDP sekundierte: „Die Idee, auf einer stark belasteten Straße eine Spur wegzunehmen und Tram und Autos gemeinsam auf eine verbleibende Spur zu zwingen, ist nicht radikal, die ist irre“, sagte der Abgeordnete im Landesparlament. 

Doch es gab auch Lob. „Klimaschutz und SmartCity ist, wenn man Platz für den Radverkehr und die neue Straßenbahn macht und die Autos mit cleverer Ampelschaltung den Trams im Rudel folgen lässt. Bravo!“, kommentierte Heinrich Strößenreuther von der Agentur für clevere Städte. „Gute Pläne: Vorrang für flächeneffiziente Verkehrsmittel“, so Denis Petri von Changing Cities.  „Berlin braucht eine radikale Wende bei der Verkehrspolitik. Wenn es in der Leipziger Straße klappt, dann klappt es überall in Berlin“, twitterte Jens Wieseke vom Fahrgastverband IGEB.

„Wir finden es gut, was der Senat plant“, sagte Stefan Lehmkühler vom Netzwerk Fahrradfreundliche Mitte. Dass Radfahrer auch in der Leipziger Straße eigene Wege bekommen, sei dringend überfällig. Kritisch sieht er aber de Führung des Radverkehrs an den Tram-Haltestellen. Auf den dort nur ein Meter breiten Radspuren drohten Konflikte mit Fußgängern, hieß es. Das Netzwerk will dazu eine Alternativplanung präsentieren.

Viele Berliner fühlten sich von dem starken Autoverkehr beeinträchtigt, sagte Verkehrs-Staatssekretär Ingmar Streese (Grüne). „Die Tram ist ein Stück Verkehrswende.“ Sie trägt zu mehr Lebensqualität bei. „Die Furcht, dass Autos keinen Platz mehr haben werden, ist unbegründet. Aber es wird weniger Platz für Autos geben - weil künftig weniger Autos durch die Straßen fahren werden.“