Berlin - Die Gleise liegen bereits, ein Großteil der übrigen Anlagen ist ebenfalls schon fertig. Das jüngste Neubauprojekt der Berliner Straßenbahn, die Verbindung zwischen der Wissenschaftsstadt Adlershof und Schöneweide, hat die Zielgerade erreicht. Jetzt haben die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) mitgeteilt, wie der Zeitplan aussieht. So soll in etwas mehr als zwei Monaten in der Fahrleitung der Strom eingeschaltet werden, sagte ein Sprecher. Und wie angekündigt werden Ende Oktober erstmals Züge mit Fahrgästen über die neue Trasse im Südosten Berlins rollen. Doch der Fahrgastverband IGEB hat noch einen Wunsch offen – sonst müssten Busnutzer Verschlechterungen hinnehmen, wie Artur Frenzel von der Abteilung Stadtverkehr warnte.

Der erste Spatenstich liegt nicht besonders lange zurück, er fand im Mai 2020 statt. Doch seitdem hat sich eine Menge getan, und es gibt Lob für Bauleute und Planer. „Entlang des Groß-Berliner Damms ist die Strecke zu circa 85 Prozent fertig gebaut“, berichtete Nils Kremmin von der landeseigenen BVG. Was ist jetzt noch zu tun? Unter anderem müssen die neuen Gleise mit den bestehenden Strecken im Umkreis verbunden werden, hieß es. Außerdem müssen an der Karl-Ziegler-Straße in der Wissenschaftsstadt Ampeln gebaut werden, die zusätzlich angeordnet wurden.

BLZ/Galanty, Hecher, Quelle: BVG

Der Nutzen des Bauvorhabens ist dreimal so hoch wie die Kosten

Über dem Abschnitt im Sterndamm, der von der Linie 60 befahren wird, fließt schon Fahrstrom. Auf der Neubaustrecke im Verlauf des Groß-Berliner Damms soll „voraussichtlich um den 15. September“ der Strom eingeschaltet werden, teilte die BVG nun mit. Mitte Oktober werde die neue Streckenanlage geprüft, Schulungsfahrten fürs Personal schließen sich an. Noch im selben Monat folgt dann der große Tag: die Eröffnung der 2,7 Kilometer langen Neubaustrecke mit ihren fünf Haltestellen. „Voraussichtlich Ende Oktober ist die offizielle Inbetriebnahme“, bekräftigte die BVG.

Zuletzt wurden die Kosten auf rund 40 Millionen Euro beziffert. Ein Gutachten weist nach, dass der Nutzen des von der Europäischen Union geförderten Straßenbahnprojekts dreimal so hoch ist wie die Kosten – laut Senat „der mit Abstand höchste Wert für so ein Vorhaben“. Je nach Streckenabschnitt werden bis zu drei Linien verkehren: die M17, 61 und 63. Erwartet wird, dass auf dem am stärksten genutzten Teilstück pro Tag mehr als 12.000 Fahrgäste unterwegs sein werden. Zum Vergleich: Die Busse auf dem Groß-Berliner Damm wurden vor fünf Jahren täglich von bis zu 1300 Menschen genutzt. Die neue Straßenbahnstrecke trägt zur Attraktivität des dortigen Neubaugebiets bei. Sie schafft Direktverbindungen unter anderem nach Karlshorst, Friedrichsfelde, Alt-Hohenschönhausen und Wartenberg. Nicht zu vergessen: Der Regionalbahnhof Schöneweide wird an Bedeutung gewinnen, auch dank einer kurzen Fahrzeit zum BER.

Fahrgastverband fordert neue Busspur am S-Bahnhof Adlershof

Natürlich ist auch beim Straßenbahnprojekt Adlershof II, wie der Lückenschluss zwischen der Karl-Ziegler-Straße und dem Sterndamm genannt wird, nicht alles Gold. So sollte der Bau ursprünglich schon 2015 beginnen. Auch die jetzige Strecke in die Wissenschaftsstadt Adlershof, an die das Neubauprojekt anschließt, hatte Verspätung: Dort sollte 1999 der Betrieb starten. Doch der damalige Stadtentwicklungssenator Peter Strieder (SPD) stoppte 2001 das Projekt noch vor dem Baubeginn – die Strecke am Stadtrand werde nicht gebraucht, gab er zu bedenken. Erst seit 2011 rollen Straßenbahnen von Adlershof über die Rudower Chaussee zur Karl-Ziegler-Straße.

Am S-Bahnhof Adlershof wird die Haltestelle in Richtung Adlergestell von Bussen und Straßenbahnen derzeit noch gemeinsam genutzt. „Bislang können die Busse den Stau vor der Kreuzung umfahren. Doch bald ist das nicht mehr möglich“, kritisierte Artur Frenzel vom Fahrgastverband. Weil eine zweite Straßenbahnlinie dazu kommt, müssen die Linienbusse auf die Fahrbahn ausweichen. Zudem benötigen sie künftig eine eigene Haltestelle, wofür aber im unmittelbaren Umfeld des S-Bahnhofs kein Platz sei. Folge: Umsteiger müssen ab Herbst längere Wege in Kauf nehmen.

„Unsere Forderung ist, dass in diesem Bereich eine Busspur eingerichtet wird“, sagte Artur Frenzel. Für den übrigen Verkehr in Richtung Adlergestell bliebe ein Fahrstreifen übrig. „Doch im Bezirksamt lehnt man das ab“, so der IGEB-Vertreter. Der Autoverkehr würde zu stark behindert, hieß es. Frenzel machte deutlich, dass er die Argumentation für anachronistisch hält. Damit die Mobilitätswende gelingt und dem Klimawandel entgegengesteuert werden kann, müsse der Straßenraum neu verteilt werden. Der Autoverkehr sollte über die Köpenicker Straße und den Glienicker Weg geleitet werden.

Im August startet der Streckenbau zur Turmstraße in Moabit

Aus Sicht der BVG ist die Debatte über mögliche Busspuren aber noch nicht beendet. „Gespräche finden derzeit noch statt“, hieß es. Aber: „Derzeit bleibt alles so, wie es ist.“

Seit 2015 ist in Berlin keine Straßenbahn-Neubaustrecke mehr eröffnet worden. Das ist immer wieder Anlass für Kritik an Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne): Während der gesamten Wahlperiode wurde das Tram-Netz nicht erweitert. „Aktuell planen wir 15 neue Strecken in den kommenden 15 Jahren. Das ist mehr als doppelt so viel wie bisher“, entgegnete Günthers Sprecher Jan Thomsen. „Wir erweitern das Berliner Straßenbahnnetz um fast 40 Prozent bis 2035. Und kaufen neue moderne Wagen, komfortabel, leise, barrierefrei, der Wagenpark wächst ebenfalls um knapp 40 Prozent.“

Das nächste Neubauprojekt ist schon in Sicht: Die Strecke zum Hauptbahnhof wird um 2,2 Kilometer zum U-Bahnhof Turmstraße verlängert – in den Westen Berlins. Am 11. August soll der erste Spatenstich gefeiert werden, am 23. August beginnen die Bauarbeiten, so der Senat. 2023 soll die Erweiterung der Linie M10 in Betrieb gehen.