Kaiserin-Augusta-Allee 4 in Moabit, Donnerstagvormittag. Vor dem Haus mit der weiß-grau-orange-farbenen Fassade parken ein halbes Dutzend Transporter und Kombis. Junge Leute tragen Umzugskisten und Koffer ins Haus.

Aus einem der Fahrzeuge steigt die 24-jährige Katrin Stevens, einen Eimer mit Putzzeug in der Hand. Sie ist eine von 200 Studenten und Auszubildenden, die an diesem Tag in das neu errichtete Apartmenthaus einziehen. „Ich finde es super“, sagt sie.

Morgens um 5.30 Uhr hat bei Katrin Stevens der Wecker geklingelt. Dann ist sie im Auto mit ihrem Freund von Wolfsburg nach Berlin gefahren. Mit dabei: Zwei Koffer, zwei Rucksäcke, zwei Taschen und zwei Umzugskisten. Möbel hat Katrin Stevens nicht dabei. Denn die sind schon da.

Die 296 Apartments sind alle möbliert: Bett, Schrank, Regale und ein Schreibtisch mit Stuhl stehen in den Wohneinheiten. Dazu gehört eine kleine Kochecke mit Spüle, Mikrowelle und zwei Herdplatten. Außerdem gibt es ein Badezimmer mit Dusche. Groß sind die Apartments jedoch nicht: im Schnitt haben sie 20 Quadratmeter. „Es ist zwar etwas klein“, sagt Katrin Stevens. „Aber Lehrjahre sind keine Herrenjahre.“

Nach einem Volontariat beim Wolfsburger Kurier fange sie jetzt an der Beuth-Hochschule ein Studium im Fach Druck- und Medientechnik an. Sie sei sehr glücklich, dass sie das Apartment bekommen habe. Mit dem Fahrrad sei sie in 15 Minuten in der Uni.

Auf das Apartmenthaus sei sie zufällig im Internet gestoßen, sagt Katrin Stevens. Sie habe nicht lange gezögert, sich beworben – und den Zuschlag bekommen. 480 Euro Miete kostet ihre Bleibe. Strom, Heizung und eine Internet-Flatrate sind schon mit drin.

Komplett vermietet

„Das Haus ist vom ersten Tag an komplett ausgebucht“, sagt Michael Blind von der gemeinnützigen FDS-Stiftung. Sie vermietet die Unterkünfte unter der Marke „Smartments student“. Die Preisspanne für die Apartments reicht von 465 Euro bis zu 520 Euro in den oberen Etagen – im Schnitt werden 490 Euro fällig. 

„Rechnet man die Nebenkosten heraus, entspricht das einer vergleichbaren Kaltmiete etwa zwischen 330 und 380 Euro“, sagt Blind. Bundesweit gibt es 14 Apartmenthäuser, die über die Stiftung an Studenten und Auszubildende vermietet werden. Vier weitere sind im Bau, zwei davon in Wien und Graz.

Der Einzug der jungen Leute im Neubau an der Kaiserin-Augusta-Allee wurde penibel geplant. Von 8.30 Uhr bis 18 Uhr treffen jeweils sechs bis zehn Studenten und Auszubildenen im Halbstundentakt ein. Im Foyer des Hauses erhalten sie die schlüssellosen Türöffner. „Welcome“ steht zur Begrüßung auf einer großen Tafel.

Janik Martinetz, 19 Jahre alt, kommt aus Oerlinghausen in der Nähe von Bielefeld. „Ich freue mich sehr auf Berlin“, sagt er. Hier wird er an einer privaten Uni in der Nähe vom Potsdamer Platz Digitale Wirtschaft und Datenwissenschaften studieren.

Gut ein halbes Jahr habe er nach einer Wohnung gesucht, berichtet der 19-Jährige, dann habe er das Haus in Moabit gefunden. Das Apartment wirke minimalistisch. „Das gefällt mir gut“, sagt er. Janik Martinetz hat ein Keybord mitgebracht. Stehen lassen, kann er das nicht im Apartment. „Das muss ich auf- und abbauen“, sagt er.

Sara Battke, 33 Jahre, ist aus Münster nach Berlin gekommen. Sie promoviert im Fach Arabistik und wird als Integrationsberaterin arbeiten. Das Apartment in Moabit hat sie über das Internet gefunden.

Anders sei es fast unmöglich, derzeit eine Wohnung in Berlin zu bekommen, berichtet sie. Der Mietpreis sei für Berlin „okay“. Münster sei auch nicht günstiger. Sara Battke ist gleich mit zwei Fahrrädern nach Berlin umgezogen. Ihre Erklärung: „Eins hat immer einen Platten.“

Etwa 30 Prozent der Mieter im Apartmenthaus in Moabit sind ausländischer Herkunft. Einer von ihnen ist der 20-jährige Adam Barredo. Er kommt aus Miami im US-Bundesstaat Florida. Sein Vater stammt aus Mexiko, seine Mutter ist US-Amerikanerin. „Ich studiere an der Freien Universität Politikwissenschaften“, sagt er. Schon acht Monate lebt er in der Stadt. Gerne wäre er in eine WG gezogen, doch hat er keine gefunden.

Bisher wohnte er in Prenzlauer Berg, in einer hotelähnlichen Unterkunft. Dort bekam er den Tipp auf das Apartmenthaus in Moabit. Er freue sich, dass er nun mit anderen Studenten in einem Haus wohne, sagt er. Über das österreichische Salzburg und München kam er nach Berlin. Was ihn hier reizt? „Die Internationalität“, sagt er. „Sprachen sind meine Leidenschaft.“ Er spricht Russisch, Deutsch, Spanisch, Französisch und Englisch. Später will er vielleicht mal für eine Nichtregierungsorganisation arbeiten, sagt er.

Zu geringes Angebot

Dass private Anbieter wie in Moabit Apartments für Studenten ohne Probleme zu hohen Quadratmeterpreisen vermieten, liegt am akuten Mangel an preiswerten Alternativen. Das Studierendenwerk vermietet gerade mal 9428 Wohnplätze in 33 Wohnanlagen. Die Nachfrage ist jedoch viel höher. „Gegenwärtig warten 4089 Studierende auf einen Platz in einem Wohnheim“, sagt der Sprecher des Studierendenwerks, Jürgen Morgenstein. 

Kein Wunder: Ein Wohnplatz beim Studierendenwerk kostet im Schnitt nur 227 Euro. WLAN ist dabei allerdings noch nicht drin. Zwar will der Senat die Zahl der preiswerten Studentenwohnungen um 5000 erhöhen, doch geht das nicht so schnell. Die landeseigene Berlinovo, die 2500 der Wohnplätze schaffen soll, hat im vergangenen Jahr gerade die ersten 129 Apartments fertiggestellt.

Die 16 Quadratmeter kleinen Unterkünfte werden voll möbliert überwiegend für 340 Euro monatlich vermietet. In Pankow und Lichtenberg sind drei weitere Projekte mit 750 Plätzen geplant.

Das Studierendenwerk baut unterdessen am Dauerwaldweg in Grunewald 50 Wohneinheiten. Sie sollen Ende 2018 fertig sein. In der Mollwitzstraße in Charlottenburg sind weitere 86 Wohnplätze geplant. Sie sollen 2019 fertig werden. Schon Ende März 2018 sollen die Arbeiten für 17 Wohnplätze in der Brentanostraße abgeschlossen werden.

Katrin Stevens plant unterdessen schon weiter. Wenn ihr Freund zum Studium aus Braunschweig nach Berlin wechselt, will sie mit ihm eine eigene Wohnungen beziehen. Für zwei ist ihr Apartment zu klein.