Berlin - Sie fühlen sich stärker gestresst, schlechter bezahlt und sozial kaum abgesichert: Berliner Beschäftigte bewerten ihre Arbeitsverhältnisse nach einer aktuellen Studie in vielen Punkten kritischer als der Bundesdurchschnitt. Das ergibt eine repräsentative Studie mit dem Titel „Gute Arbeit“, die die zuständige Senatsverwaltung in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) 2018 erstmals für Berlin durchführen ließ. Die Ergebnisse stellte Arbeitssenatorin Elke Breitenbach (Linke) am Montag vor.

1000 Berliner zwischen 15 und 64 Jahren, die in Berlin wohnen und in unterschiedlichen Branchen arbeiten, wurden für die Erhebung von Januar bis Juni 2018 befragt. Im Zentrum standen die Fragen: Wie nehmen die Beschäftigten ihre Situation wahr? Wie zufrieden sind sie mit ihren Arbeitsbedingungen?

Furcht vor (Alters-)Armut

Ein zentrales Problem der Berliner: Ihr Einkommen genügt vielen nicht für ein gutes Leben. 42 Prozent der Befragten gaben an, dass ihr Gehalt nicht oder gerade so ausreiche, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Deutschlandweit fällt dieser Negativ-Wert mit 38 Prozent um vier Punkte niedriger aus. Auch der Blick in die Zukunft ist für viele Berliner düster: 46 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass die gesetzliche Rente im Alter für sie nicht ausreichen wird. 36 Prozent glauben, dass sie „gerade ausreichen“ wird. Lediglich 18 Prozent sind der Meinung, dass sie von ihrer Rente „gut“ oder „sehr gut“ werden leben können.

Eng verknüpft mit der Furcht vor der (Alters-)Armut ist ein anderes Problem: Unternehmen in der Hauptstadt übernehmen nach der Studie nur wenig Verantwortung, wenn es um die soziale Absicherung ihrer Angestellten geht. 37 Prozent der Befragten erhalten von ihren Arbeitgebern gar keine Angebote zur Verbesserung der Altersvorsorge, zum Beispiel durch eine Betriebsrente oder Beihilfen zur Vermögensbildung (Bund: 29 Prozent). Auch Sozialleistungen wie Essens- und Fahrtkostenzuschüsse bleiben 58 Prozent der Beschäftigten vorenthalten (Bund: 57 Prozent).

55 Prozent sind häufig gehetzt oder stehen unter Zeitdruck

Für Christian Hoßbach, DGB-Vorsitzender für Berlin-Brandenburg, sind die Gründe für die sozial schwache Performance der Unternehmen vor allem in der speziellen Betriebslandschaft der Hauptstadt zu suchen. In Berlin gebe es nur wenige Unternehmen mit hoher Mitarbeiterzahl und kaum Industrie, die gewerkschaftlich klassisch stark aufgestellt ist. Stattdessen dominiert die Dienstleistungsbranche. Tarifverträge seien selten. „Die Strukturen zur Interessensvertretung fehlen“, sagt Hoßbach. Er schätzt die Situation von Berliner Beschäftigten als „kritisch“ ein, das Einkommen wie die Arbeitsbelastung betreffend.

Generell fühlen sich die Berliner nämlich nicht nur schlecht gesichert, sondern stehen auch unter besonderem Stress. 55 Prozent der Befragten sind häufig gehetzt oder stehen unter Zeitdruck. Darunter leiden nicht nur die Beschäftigten selbst: Fast 30 Prozent geben an, Abstriche bei der Qualität ihrer Arbeit machen zu müssen, um ihr Pensum bewältigen zu können. Auch die Arbeit außerhalb der üblichen Bürozeiten ist in der Hauptstadt eher Normalität als Ausnahme: Mit 60 Prozent arbeiten Berliner häufiger an Wochenenden, auch an späten Abenden und mitten in der Nacht sind sie besonders häufig fleißig.

Einkommen entwickeln sich gut

Arbeitssenatorin Breitenbach fordert wie Gewerkschafter Hoßbach die Umsetzung einer sogenannten Anti-Stress-Verordnung, die regelt, unter welchen Bedingungen Angestellte arbeiten. Auf Bundesebene wurde sie von Gewerkschaften und der Linken initiiert, aber bisher nicht umgesetzt. Auch die Bundeskammer für Psychotherapeuten plädiert für eine solche Regelung.

Ganz anders sieht das Alexander Schirp, Geschäftsführer der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg: „Der DGB versucht, die Arbeitsbedingungen schlechter zu machen, als sie sind“, sagt er mit Blick auf die neue Studie. Deutschland gehöre zu den Ländern mit den kürzesten tariflich vereinbarten Arbeitszeiten in Europa, die Einkommen entwickelten sich gut. Die Orientierung an den Bedürfnissen der Mitarbeiter spiele in Zeiten des Fachkräftemangels eine immer größere Rolle.

Viele Arbeitnehmer scheinen davon bisher wenig zu spüren. Der Studientitel „Gute Arbeit“ jedenfalls kann eher als Ziel verstanden werden denn als Bestandsaufnahme.