Ist die Luft im Klassenraum voller Schadstoffe, dösen Schüler oft ein, sind unkonzentriert oder klagen gar über Übelkeit. Norman Heise, der Vorsitzende des Landeselternausschusses, fordert deshalb, dass die Raumluft in den Klassenzimmern wenigstens alle zwei Jahre überprüft wird, und zwar dann, wenn die zuständigen Bezirksämter die Schulen ohnehin begehen. „Bisher wird auf die Luftqualität gar nicht geachtet“, sagt Heise.

Aktueller Anlass für diese Forderung des obersten Berliner Elternvertreters ist eine neue Studie des TÜV Rheinland, die am Freitag in Berlin vorgestellt wurde. Demnach übersteigt die Schadstoffbelastung in einem gerade eingerichteten, konventionellen Klassenzimmer die Richtwerte des Bundesumweltamtes um ein Vielfaches. Insbesondere der Wert der flüchtigen organischen Verbindungen erreicht nach Möblierung und Sanierung eines herkömmlichen Klassenzimmers über 81 000 Mikroliter pro Kubikmeter Luft, geht dann wieder zurück.

Allerdings ist nach den Richtwerten des Bundesumweltamts die Nutzung eines Raumes bereits ab 25 000 Mikrolitern zu unterlassen, schon ab 3 000 Mikrolitern höchstens noch für einen Monat zulässig. Denn die flüchtigen organischen Verbindungen, die in Lacken, Holzbeschichtungen oder Weichmachern vorkommen, können Reizungen, Allergien, Atemwegserkrankungen und Kopfschmerzen verursachen und stehen im Verdacht, Krebs auszulösen.

„Schüler und Lehrer werden als Probanden in die Klasse geschickt“, sagt der Chemiker Walter Dormagen, der die Studie für den TÜV gefertigt. „Erst wenn sie krank werden, wird etwas getan.“ Der TÜV hatte für die Studie ein herkömmliches Klassenzimmer aufgebaut und mit normalen, zufällig ausgewähltem Mobiliar eingerichtet. Daneben wurde ein zweites Klassenzimmer mit schadstoffgeprüften Produkten eingerichtet. Dort fiel die Belastung wesentlich geringer aus, die Einrichtung war zwei Prozent teurer.

Rundschreiben zurückgezogen

Allerdings sind Schulen bei Ausschreibungen gehalten, den günstigsten Anbieter auszuwählen, merkte Nuri Kiefer vom GEW-Vorstand an. Unklar ist, inwieweit bei den vorgefertigten Ergänzungsbauten, die nun vielerorts geplant sind, bewusst schadstoffarme Produkte verbaut werden. Dormagen betonte, dass auch bei Renovierungsarbeiten Gebäude zuvor unbedingt auf Schadstoffe untersucht werden müssten. Sonst würden womöglich Asbest, Holzschutzmittellösungen oder Schimmelpilze freigesetzt.

Dem Weltklima, nicht aber dem Raumklima ist es dabei zuträglich, dass viele Neubauten und energetisch sanierte Gebäude mittlerweile so dicht mit Dämmstoffen verpackt sind, dass kaum noch ein Luftaustausch stattfindet. Und immer weniger Fenster lassen sich einfach so öffnen. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hatte deshalb im vergangenen Jahr einen Leitfaden in Kraft gesetzt, um den hohen Kohlendioxid-Anteil in Klassenzimmern zu reduzieren. Eine „maschinelle Belüftung mit Wärmerückgewinnung“ sollten Schulen erhalten. Doch im Februar wurde das Rundschreiben wieder außer Kraft gesetzt. Zu teuer, so das Argument.