Berlin - So etwas geschieht selten – zumal im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, dessen Bewohner als kritisch gelten. Während einer Versammlung hat sich die Mehrheit der Bürger für ein staatliches Projekt ausgesprochen. Auch Baustadtrat Hans Panhoff (Grüne), meist kein Freund von Senatsplänen, signalisierte Zustimmung. Es geht um das Vorhaben, die geplante Straßenbahn zum Ostkreuz durch die Sonntagstraße zu führen. Der Senat setzt es nun um. Die Strecke wird aber wohl erst 2018 fertig – nach Fertigstellung wesentlicher Teile des Bahnhofs.

Eigentlich hätte das 15-Millionen-Euro-Bahnprojekt das Zeug, im Südosten Friedrichshains zu einem weiteren Streitthema zu werden. „Der Veränderungsdruck ist hier schon sehr groß“, sagt Carsten Joost, der bei „Mediaspree versenken“ zu den Hauptprotestierern gehörte, geschasst wurde und nun gegen die Sonntagstraßenbahn opponiert.

Die Mieten steigen, im nächsten Jahrzehnt soll ein Autobahntunnel zur Frankfurter Allee entstehen. Das Ostkreuz wird zu einem der wichtigsten Bahnhöfe Berlins ausgebaut, in dem ab 2017 Regionalzüge halten werden. Deshalb plant der Senat auch noch eine Straßenbahn. Wie berichtet hat die jüngste Prüfung ebenfalls ergeben, dass sie zweigleisig von der Holtei- durch die Sonntag- zur Marktstraße führen sollte.

Baubeginn wohl erst 2017

„Eine Fehlplanung“, entgegnete Claus-Eric Ott vom Ideenaufruf Zukunft Ostkreuz. Am Wühlischplatz müssten die Züge zwei Kurven fahren – unter ohrenbetäubendem Quietschen. Die Trasse verliefe auch am Annemirl-Bauer-Platz vorbei, ebenfalls eine Grünfläche mit Spielplatz. Auf dem 5 600 Quadratmeter kleinen Ostkreuz-Vorplatz würden die Gleise viel Raum okkupieren – was weitere Gefahren beschere. Ott, Joost und Mitstreiter wollen die Strecke in der Boxhagener Straße belassen, am Victoria-Center sollte eine Stichstrecke abzweigen, die am Ostkreuz in einem Kopfbahnhof endet. In einer ersten Untersuchung hatte ihr Vorschlag 32,9 Punkte bekommen, die Senatsvariante kaum mehr: 33,7. Die jüngste Prüfung ergab dagegen nur 29 Punkte für den Alternativplan. Die Sonntagstraßentrasse erhielt nun 37,6 Punkte.

Sie ermögliche es, am Ostkreuz auch das Umsteigen zwischen Bus und S-Bahn zu erleichtern, so Rainer Döge von den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG). Der Kopfbahnhof koste Zeit: Mindestens vier Minuten wären einzuplanen, bis der Fahrer den Führerstand gewechselt habe und dann wieder ausfahren kann. Zwar fielen in der Sonntagstraße 80 Parkplätze weg (wovon 50 im Umfeld ersetzt werden könnten), auch kreuze die Strecke drei Mal den Straßenverkehr. Doch unterm Strich habe sie das größte „Gewinnerpotenzial“, bilanzierte Hans Panhoff. Auch weil sie dabei helfen könne, den Autoverkehr zu verdrängen.

Sie wäre die zügigste Verbindung zum Ostkreuz, sagte Tobias Trommer vom Bürgerforum Stralau. Nur so könne die BVG mit dem Autoverkehr, der nach der Verlängerung der A 100 zunehmen werde, konkurrieren. Ein Rummelsburger stimmte ihm zu. Bis zur Kosanke-Siedlung soll alle zehn Minuten eine Straßenbahn der Linien 21 oder 22 fahren.

„Betrachten Sie das Thema aus Sicht der gesamten Stadt“, rief Jens Wieseke vom Fahrgastverband IGEB den Anwohnern zu. Doch bis der Bau beginnt, wird noch Zeit vergehen, hieß es im Senat. Erst müsse die Bahn ihre Baustelle am Ostkreuz räumen – voraussichtlich 2017.