Eine U-Bahn fährt in den Bahnhof Kottbusser Tor in Kreuzberg ein. Noch endet die Linie U8 im Norden in Wittenau. Aber das könnte sich ändern.
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BerlinWo könnte Berlins U-Bahn-Netz wachsen? Auf dem Weg zu möglichen Erweiterungen ist eine wichtige Etappe geschafft. Machbarkeitsstudien im Auftrag des Senats haben ergeben, dass den diskutierten Verlängerungen der Linien U6, U7 und U8 zumindest baulich und technisch nichts im Wege steht.  Am Dienstag stellte Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) die Studien im Senat vor. Ob diese und andere Strecken wirklich gebaut werden, ist aber noch zu entscheiden. Zunächst stehen nicht nur weitere Analysen und Bewertungen an, sondern auch Diskussionen mit der Grünen-Basis sowie Teilen der SPD. Denn dort sind viele der Meinung, dass es wichtiger ist, das Straßenbahnnetz zu erweitern und bestehende U-Bahn-Tunnel zu sanieren.

Berlin wächst, das Verkehrsnetz soll mitwachsen. Auch die U-Bahn? Viele Sozialdemokraten halten es für nötig, das fast 147 Kilometer lange U-Bahn-Netz auszubauen – zu ihnen zählen Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller und der Verkehrspolitiker Tino Schopf. Doch bei Grünen und Linken überwiegen derzeit die Gegner. In der Koalition schwelt ein Streit.

Um sich Zeit zu verschaffen und die Diskussionsbasis zu verbreitern, gab Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) mehrere Machbarkeitsstudien in Auftrag. Eine Untersuchung, über die Günther nun dem Senat berichtete, befasst sich mit der möglichen Linie U65 im Nordwesten Berlins. Als Zweigstrecke der U6 soll sie die Entwicklungsgebiete anschließen, die auf dem heutigen Tegeler Flughafengelände entstehen sollen: die Urban Tech Republic mit Forschungsstätten und Start-ups sowie das Kurt-Schumacher-Quartier mit bis zu 5000 Wohnungen.

Einkaufszentrum ist im Weg

Je nach Variante würde die U6-Ausfädelung eine Länge von 2,9 bis 4,4 Kilometer erreichen, geht aus der nun vorgelegten Studie hervor. Die Kostenschätzungen bewegen sich zwischen 275 Millionen und 607 Millionen Euro. Zwei Varianten liefen auf eine Hochbahn heraus. In drei Fällen ginge es um Tunnel – wofür  das Einkaufszentrum „Der Clou“ am Kurt-Schumacher-Damm zum Teil abgebrochen werden müsste. Der Ersatzbau wird mit 40 bis 50 Millionen Euro kalkuliert. Auch müsste der Betrieb auf der U6 bei einem Tunnelbau für länger eingeschränkt werden, hieß es. Nur für eine der fünf Varianten liegt eine Schätzung der Nachfrage vor: 15 000 Fahrgäste pro Tag.

In der Machbarkeitsstudie zur U7 geht es um die diskutierte 3,3-Kilometer-Trasse von Rudow über Lieselotte-Berger-Platz und Schönefeld Nord zum Bahnhof Schönefeld. Als Tunnel würde die Fortführung der längsten Berliner U-Bahn-Linie 306,3 Millionen Euro kosten, wovon Berlin 155 Millionen Euro zu tragen hätte, heißt es. Für den Fall, dass die Strecke an der Landesgrenze aus dem Untergrund auftauchen und als Hochbahn nach Schönefeld weiterführen würde, rechnet die BVG mit 272,6 Millionen Euro. Dann beliefe sich Berlin-Anteil auf 154,5 Millionen Euro, so die Gutachter. In beiden Fällen werden 20 000 Fahrgäste pro Tag erwartet.

Mit der U8 nach Lübars oder Rosenthal

So viele wären es übrigens auch, wenn die Verlängerung der U7 schon nach knapp 1,4 Kilometern unter dem Lieselotte-Berger-Platz enden würde, sagen die Gutachter. Die Fortführung von dort zum Bahnhof Schönefeld würde zu "keinen nennenswerten Gewinnen an zusätzlichen Fahrgästen" führen. Es ist aber unklar, ob sich diese Vorhersage ändern wird, wenn eine Fortführung zum Flughafen BER berücksichtigt wird. Dieses Teilstück wird derzeit noch untersucht.

Für die Verlängerung der U8 ins Märkische Viertel haben die Fachleute drei Varianten geprüft. Am preiswertesten wäre es, den Tunnel um rund 830 Meter zum Märkischen Zentrum zu verlängern. Das würde 112 Millionen Euro kosten. Jedoch könnte der Busverkehr dann nur geringfügig verringert werden, und eine weitere Verlängerung wäre nicht möglich.  

Größer wäre die Erschließungswirkung, wenn bis zu 217 Millionen Euro in eine 1 450 Meter lange U-Bahn-Trasse inklusive Abstellanlage investiert würde. Der Endbahnhof würde ebenfalls im Märkischen Zentrum liegen, aber weiter östlich. Eingeplant ist dabei auch eine Station am Eichhorster Weg. Eine Verlängerung in Richtung Rosenthal, wo künftig die Niederbarnimer Eisenbahn hält, wäre möglich. 

Bis zu 386 Millionen Euro wären einzukalkulieren, wenn die U8 ins nördliche Märkische Viertel zum Senftenberger Ring führen würde. Dann würde die Strecke 2,2 Kilometer lang. Auch in diesem Fall wäre eine weitere Verlängerung möglich: in Richtung Lübars. Und wie in der vorangegangenen Varianten wird hier ebenfalls mit 25 000 Fahrgästen gerechnet, und auch hier wäre während des Baus eine temporäre Fahrbahn für den Wilhelmsruher Damm notwendig - was das Projekt kompliziert.

Nicht zu Lasten des Straßenbahnausbaus

Wie geht es weiter? Noch stehen weitere Machbarkeitsstudien aus. Die Untersuchung für eine weitere Fortführung der U7, die über den Bahnhof Schönefeld hinaus zum BER-Terminal führen würde, wird für das zweite Quartal 2020 erwartet. Mit der Studie für die U-7-Verlängerung ins Spandauer Wohngebiet Heerstraße Nord rechnet die Senatsverwaltung für das dritte Quartal 2020.

Wenn die beiden ausstehenden Studien vorliegen, will die Verkehrsverwaltung im Herbst 2020 alle untersuchten U-Bahn-Projekte bewerten. Das soll dann als Grundlage für eine Entscheidung dienen, ob das Netz tatsächlich erweitert wird. Falls ja, wären dann noch aufwändige Nutzen-Kosten-Analysen nötig, und auch Personal müsste angeheuert werden. Denn eines ist klar: Der U-Bahn-Ausbau dürfe nicht zu Lasten der Projekte im Regionalzugverkehr und bei der Straßenbahn gehen, betonte Senatorin Günther.

Originalton aus der Besprechungsunterlage für die Senatssitzung: Es ist "sicherzustellen, dass die weiteren Planungen nicht zu Lasten des Programms i2030 (Engpassbeseitigung auf den Pendlerstrecken und im Berliner S-Bahn-Netz) und der Planung neuer Straßenbahnstrecken gehen.  Mit der Entscheidung für die Weiterführung einer U-Bahn-Planung müssen finanziell, strukturell sowie personell die entsprechenden Ressourcen zusätzlich bereitgestellt werden, da diese bisher entsprechend der Richtlinien der Regierungspolitik nicht eingeplant worden sind."