Die neue U-Bahn für Berlin: Die Simulation zeigt einen Zug im U-Bahnhof Alexanderplatz. Die für das Großprofi (Linien U5 bis U9) konzipierten Fahrzeuge heißen Baureihe J.
BüroStaubach; Stadler Pankow

BerlinPatrick Sefzik, Vertriebsleiter von Stadler Pankow, ist kein Mann großer Worte. Doch wenn es um den Auftrag für den Bau der kommenden Berliner U-Bahn-Generation geht, macht er eine Ausnahme. „Das ist ein wichtiges Projekt - nicht nur für uns, sondern auch für den Industriestandort Berlin“, sagte Sefzik am Montag. Mit einem Volumen von bis zu drei Milliarden Euro wird es sich um einen der größten Lieferaufträge handeln, die in Europa jemals vergeben worden sind. Der Großteil der Wertschöpfung findet in der Hauptstadt-Region statt - konzentriert in einem Unternehmen, das in Berlin-Wilhelmsruh und Velten bereits jetzt rund 1300 Beschäftigte hat.

Um bis zu 1500 U-Bahn-Wagen für alle Linien geht es in dem Rahmenvertrag, für den der deutsche Ableger des schweizerischen Schienenfahrzeugherstellers Stadler demnächst den Zuschlag erwartet. Der Kontrakt umfasst auch die Ersatzteilversorgung über 32 Jahre, einen relativ langen Zeitraum. Die Fahrzeuge werden das Bild des größten deutschen U-Bahn-Betriebs immer stärker prägen, hieß es bei Stadler Pankow. „Es ist absehbar, dass in Zukunft die gesamte U-Bahn-Flotte aus unserer neuen Baureihe J/JK besteht“, so Sefzik.

Zunächst möchten die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) 606 Wagen für 1,2 Milliarden Euro bestellen. Damit die erste Tranche (376 Wagen) abgewickelt werden kann, laufen nun trotz Corona die Vorbereitungen an.  Dabei profitieren die Ingenieure von Investitionsentscheidungen, die schon im vergangenen Jahr getroffen wurden und sich auf 70 Millionen Euro summieren. So ist damit begonnen worden, eine neue Produktionshalle auf dem früheren Bergmann-Borsig-Gelände zu bauen. Absehbar ist, dass die Zahl der Beschäftigten bei Stadler Pankow weiter zunehmen wird, sagte Patrick Sefzik. . „Wir werden weiter wachsen“, so der Vertriebschef.

1:1-Modell aus Holz soll in einem Jahr fertig sein

Der erste Vertreter der neuen U-Bahn-Generation wird aus Holz bestehen. Es handelt sich um ein Mockup, ein begehbares Modell im Maßstab 1:1 - das gab es schon bei der Vorgängerbaureihe IK und der neuen Berliner S-Bahn. Für diese Fahrzeugtypen zeichnet Stadler Pankow ebenfalls als Produzent verantwortlich, und ihr Design stammt ebenfalls von Büro+Staubach in Berlin. Das lebensgroße Muster der ersten neuen U-Bahn soll im ersten Quartal 2021 fertig werden, sagte Sefzik. Nicht nur Abgesandte der BVG und des Landes Berlin werden es inspizieren, das lebensgroße Muster soll auch der Diskussion mit Fahrgast- und Behindertenverbänden dienen. Ist die Gestaltung praktikabel? Wo muss noch etwas verändert werden?

Neu im Vergleich zur Vorgängerbaureihe ist zum Bespiel, dass sich das Mehrzweckabteil hinter dem Fahrerstand im ersten Wagen befinden wird. Fahrgäste mit Kinderwagen und Fahrräder sowie Rollstuhlfahrer könnten sich dann leichter orientieren, sagte Sefzik.

„Die neue U-Bahn-Generation wird auch ein verbessertes Raumgefühl bieten“, versprach er. Zwar werden die Eingänge auch bei den neuen Zügen 1,30 Meter breit sein, aber daneben werden sich keine breiten Türsäulen mehr befinden. Das verbessere nicht nur die Sicht in den Wagen, es trage auch dazu bei, dass Fahrgäste schneller ein- und aussteigen können, erklärte der Stadler-Manager.

Klimaanlagen wurden nicht bestellt

Auf die Kritik, wonach die Monitore für die Fahrgastinformation in der Baureihe IK ebenfalls die Sicht versperren, wurde ebenfalls reagiert. In den neuen U-Bahnen werden sich die Bildschirme nicht in den Türbereichen befinden, sagte Sefzik. Ob sie stattdessen in den Fensterbereichen oder an den Decken montiert werden, sei noch zu entscheiden. In einem Punkt werden die neuen Züge den bisherigen U-Bahnen gleichen: Klimaanlagen werden auch sie nicht bekommen. Die BVG hat sie nicht bestellt. Der Stromverbrauch wäre hoch,und die warme Abluft würde in den Tunneln zu Problemen führen, hieß es. Im Untergrund herrschten meist angenehme Temperaturen.

Halt im UBahnhof Olympia-Stadion. Diese Simulation zeigt eine neue U-Bahn fürs Kleinprofil (Linien U1 bis U4).
Büro+Staubach, Berlin; Stadler Pankow


Und wie die Baureihe IK, so erhalten auch die künftigen Wagen der Generation JK  eine Bombierung - die Außenwände sind etwas nach außen gewölbt, um innen Platz für die Fahrgäste zu gewinnen. Generell soll sich das Design nicht wesentlich von dem Vorgängertyp unterscheiden: „Wir wollen Evolution, nicht Revolution“, sagte Sefzik. 

Kritik am Vergabeverfahren

„Was die konkreten Liefertermine anbelangt, sind wir noch in der Abstimmung mit der BVG“, so der Vertriebschef. Ursprünglich sollten die Vorserienfahrzeuge Ende 2021 geliefert werden. Doch weil Alstom vor die Vergabekammer und dann (ebenfalls erfolglos) vor das Kammergericht zog, hat sich die Zuschlagerteilung bereits rund zehn Monate verzögert. Nun sollen die Prototypen 2022 kommen, hieß es.

Acht Fahrzeuge sollen es sein - für das Klein- und Großprofil jeweils zwei Vierteiler und zwei Zweiteiler. Anders als bei der Baureihe IK sollen die Vorserienfahrzeuge aber nicht ein Jahr getestet werden, sondern einige Monate lang. 2023, so die jetzige Planung, könnten die ersten Vertreter der neuen U-Bahn-Generation erstmals Fahrgäste befördern.

Die Fahrgäste werden es danken. Weil in Zeiten des Sparens Investitionen aufgeschoben wurden, summiert sich das Durchschnittsalter der Berliner U-Bahn-Flotte mittlerweile auf rund 28 Jahre. Eine Erneuerung des Fahrzeugparks wird schon seit Jahren diskutiert. Allerdings hat das Vergabeverfahren erst Ende 2016 begonnen- und nicht nur bei Alstom Kritik ausgelöst. Wie berichtet gab das Konsortium Bombardier/ Siemens Bedenken zu Protokoll, weshalb es kurz vor dem Ende des Verfahrens von der Teilnahme ausgeschlossen wurden. Nach Meinung der beiden Unternehmen würden auf den Ausschreibungsgewinner schwer kalkulierbare Risiken warten. So wolle die BVG den Hersteller dazu verpflichten, 32 Jahre lang den zuverlässigen Betrieb der neuen Bahnen zu garantieren. Normal seien Fristen von bs zu zehn Jahren.