Handyticket – ja bitte. „Immer mehr Fahrgäste kaufen ihre Tickets digital, flexibel im Internet“, sagte Susanne Henckel, Geschäftsführerin des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg (VBB), im Gespräch mit der Berliner Zeitung. „Das führt dazu, dass die Ansprüche an uns steigen und wir über neue Tarifmodelle nachdenken.“

Nicht ausgeschlossen, dass es künftig auch Fahrscheine gibt, die nach Reisezeit abgerechnet werden. Nach dem Motto: Wer lange unterwegs ist, zahlt mehr. Wer sich kurz in Bahn oder Bus aufhält, zahlt weniger – und könnte im Vergleich zu heute Geld sparen.

„Wir prüfen, ob zeitbasierte Tarife in größerem Maße als derzeit möglich wären“, teilte Henckel mit. Der Einzelfahrschein für Berlin gilt derzeit zwei Stunden im gesamten Stadtgebiet, für sehr kurze Fahrten kann eine Kurzstreckenkarte gelöst werden. Doch dazwischen gibt es derzeit nichts, für mittellange Strecken und mittellange Reisezeiten innerhalb der Region Berlin fehlen Ticketangebote. Je nachdem, wie die Untersuchungen der VBB-Tarifexperten ausgehen, könnte sich das ändern.

Vorbild Prag

In der tschechischen Hauptstadt Prag wird es so gehandhabt: Wer keine Stammkundenkarte hat, kann zwischen einem 30-Minuten- und einem 90-Minuten-Fahrschein wählen. Wie ein zeitbasierter Tarif in Berlin und Umland im Detail aussehen könnte, dazu will man beim Verkehrsverbund aber noch nichts sagen.

Doch klar ist: „Wichtig ist uns, dass der Tarif einfach bleibt und jeder Fahrgast ohne großen Aufwand kalkulieren kann, wie viel eine Fahrt mit Bus und Bahn kostet“, sagte Susanne Henckel.

Der Verbund, dem die Länder Berlin und Brandenburg, Landkreise und kreisfreie Städten angehören, setzt wichtige Standards für den Nahverkehr in der Region. Er bestellt zum Beispiel nicht nur Zugfahrten und kontrolliert die Leistungen der Betreiber, sondern sorgt auch für einen einheitlichen Tarif.

Kilometertarife verworfen

Wie berichtet hat der VBB bereits geprüft, ob Kilometertarife in Berlin sinnvoll wären. Nach diesem Schema würde eine Tour von Mahlsdorf nach Spandau spürbar mehr kosten als eine Fahrt von Buch nach Pankow. Es ist eine Idee, die vor Jahrzehnten von den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) untersucht wurde. Damals gab es aber noch keine Handytickets oder andere Arten des Internetverkaufs, die es einfacher machen, so eine Tarifstruktur mit Leben zu erfüllen.

Heute ist das anders – und so erproben der Rhein-Main-Verkehrsverbund sowie der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr neue Tarifmodelle, bei denen die Abrechnung nach Kilometern mit anderen Faktoren kombiniert wird. Kritiker wenden aber ein, dass es oft als schwierig empfunden werde, den Fahrpreis vorab zu bestimmen. Das ist auch der Grund, warum der VBB zu einem skeptischen Fazit gekommen ist. Solche Modelle „kommen für uns zurzeit nicht in Frage“, teilte die Chefin nun mit.

Wenn Fahrpreise nach Reisezeit abgerechnet würden, wäre ebenfalls eine gerechtere Tarifstruktur möglich, meinen Beobachter. Doch auch hier gibt es Einwände. Wer an einer Schnellbahnstrecke lebt, würde profitieren – wer mit Bussen, die langsamer sind, vorlieb nehmen muss, hätte Nachteile.

Fahrgastverband ist dagegen

Der Berliner Fahrgastverband IGEB lehnt zeitbasierte Tarife ab. „Aus unternehmerischer Sicht ist es immer toll, wenn man die Zahlungsbereitschaft eines jeden Kunden individuell abschöpfen kann. Nichts anderes kommt hier von der Verbund-Chefin“, so Sprecher Jens Wieseke. „Aber: Öffentlicher Nahverkehr ist kein Gebiet, auf dem man sich in gewinnorientierten Verkaufsstrategien ausprobieren soll.“

Es gehe darum, Verkehrs- und Umweltprobleme sowie Probleme einer wachsenden Stadt zu lösen, sagte Wieseke. „Das geht nur mit einfachen, niedrigen, einheitlichen Ticketpreisen“, mahnte der IGEB-Vize.

Aufgeschlossener zeigte sich die BVG. „Wir sind offen für neue Tarifideen, die dazu beitragen, die Attraktivität des Berliner Nahverkehrs weiter zu steigern“, sagte Markus Falkner, Sprecher des Landesunternehmens. „Wichtig dabei ist – ganz gleich, ob wir über strecken- oder zeitbasierte Modelle nachdenken – dass die Fahrgäste sie annehmen.“

Auch deshalb sei es entscheidend, dass das Tarifsystem einfach und nachvollziehbar bleibt. „Und natürlich können neue Tarife im Großraum Berlin und Umland nur als Verbundlösung funktionieren“ – wenn alle Verkehrsunternehmen, auch die BVG und die S-Bahn, mitziehen.

Über eine Milliarde Fahrgäste

Gegen moderne Vertriebsformen wie Apps und Chipkarten hat der Fahrgastverband nichts. „Aber aber eben nicht individualisiert mit möglichst hohem Daten-Gewinn, sondern um eine einfache, durchschaubare Mobilität für alle zu sichern“, forderte Jens Wieseke. Anders als in anderen Städten sind elektronische Tickets in Berlin allerdings weiterhin die Ausnahme.

Ob Papier- oder Chipkarte: In der wachsenden Hauptstadt können sich die Verkehrsunternehmen über mangelnden Zuspruch nicht beklagen. Am Dienstag veröffentlichte die BVG ihre jüngsten Unternehmenszahlen. Danach ist die Zahl der Fahrgäste im vergangenen Jahr um 19 Millionen auf 1,064 Milliarden gestiegen.

Bei der U-Bahn nahm die Zahl der Nutzer um zehn Millionen zu – auf 563 Millionen. Die Busse wurden im vergangenen Jahr für 441 Millionen Fahrten genutzt, das ist ein Plus von acht Millionen. Die Straßenbahnen hatten 197 Millionen Fahrgäste, ein Zuwachs um rund dreieinhalb Millionen.