Am Abend einschlafen, am Morgen viele hundert Kilometer weit entfernt aufwachen: Das ist das Prinzip Nachtzug. Auch in Berlin war diese umweltfreundliche Form des Fernverkehrs auf dem Rückzug. Doch zum Fahrplanwechsel im Dezember wird das Angebot erstmals wieder aufgestockt. Drei Nachtzugrouten sollen hinzukommen: nach Wien, Budapest und über Krakau in den Südosten Polens. „Es wird neue Verbindungen geben“, sagte Kurt Bauer, Fernverkehrschef bei den Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB). Dank der zusätzlichen Übernachtrouten werde sich der internationale Verkehr von und nach Berlin deutlich verbessern.

Na klar, mit dem Flugzeug geht es nicht selten schneller und billiger. Aber dafür muss man auch sehr früh aufstehen, wenn man am Morgen ankommen möchte. Am Flughafen Schlange stehen ist ebenfalls nicht jedermanns Sache. Wie anders beginnt die Reise in einem Schlafwagenabteil: Die Tür zum Gang wird geschlossen, die Flasche Wein geöffnet, und dann geht es auch schon zu Bett. Wenn dann noch Lokführer und Rangierer ihre Arbeit sanft verrichten, gibt es ein gutes Erwachen.

Konkurrenz durch Bus und Flieger

Jahrzehntelang waren Schlafwagenzüge auch in Berlin das bevorzugte Verkehrsmittel für Reise in die Ferne. Vor dem Zweiten Weltkrieg konnte man vom Anhalter Bahnhof ohne Umsteigen nach Cannes an der Côte d’Azur, Rom und Neapel fahren. Vom Alexanderplatz ging es nach Wiesbaden und Den Haag, vom heutigen Ostbahnhof nach Ostende und Paris. Noch in den 90er-Jahren gab es eine große Auswahl an Nachtzügen mit Schlafwagen – die längste Route führte mehr als 5600 Kilometer weit nach Nowosibirsk in Russland.

Doch die Deutsche Bahn (DB) zog sich Zug um Zug aus dem Geschäft zurück. Hohe Kosten für die Streckennutzung und Steuernachteile für den Zugverkehr, aber auch die Konkurrenz durch Billigflieger und Fernbusse trugen dazu bei. Eine Verbindung nach der anderen fiel weg, bis Ende 2016 auch in Berlin Schluss war. Immerhin: Die ÖBB übernahm die Verbindung nach Freiburg, Basel und Zürich. Ihr Nachtzug mit Sitz-, Liege- und Schlafwagen ist einer der erfolgreichsten Nightjets der Österreicher. Dann gibt es noch die Nachtzüge der Russischen Eisenbahn RŽD nach Paris und Moskau, nicht zu vergessen der Saisonzug nach Malmö. Aber das ist es dann auch schon.

Sitz-, Liege- und Schlafwagen

Zum Fahrplanwechsel am 9. Dezember kehrt sich der Trend jedoch um, die Zahl der Nachtverbindungen steigt wieder an. Bereits berichtet wurde, dass die ÖBB die Ende 2017 eingestellte Nachtzugverbindung Berlin–Wien wieder belebt, mit einer veränderten Streckenführung. Um 18.40 Uhr geht es in Berlin los. Über Frankfurt (Oder) und Zielona Góra (Grünberg) erreicht der Zug gegen 23 Uhr Wrocław (Breslau) und kurz vor 7 Uhr Wien.

Zurück geht es um 22.10 Uhr, die Ankunft in Berlin ist für 9.15 Uhr geplant. Auf der Strecke Berlin–Breslau bietet der Nightjet in beiden Richtungen eine Tagesrandverbindung, was es bisher nicht gab. „Zwischen Berlin und Wien setzen wir einen Sitz-, einen Liege- und einen Schlafwagen ein“, sagte Kurt Bauer von der ÖBB. Das Wagenmaterial für den Nightjet 456/ 457 wird aus anderen Nachtzügen zusammengesammelt – ein Beleg dafür, für wie wichtig die Österreicher die Berlin-Verbindung halten.

Auf dem Weg zur Nummer eins

Doch der Nachtzug, der täglich in Berlin in Richtung Südosten startet, wird nicht nur aus drei Wagen bestehen. „Damit er wirtschaftlich erfolgreich wird, wird er weitere Wagen mitführen“, erklärte der ÖBB-Fernverkehrschef. Geplant sei, dass ein Teil von dem polnischen Fernzugbetreiber PKP Intercity gestellt wird, was von einer DB-Sprecherin bestätigt wurde. Dem Vernehmen nach soll es mindestens einen Sitzwagen und eventuell auch einen Schlafwagen geben. Sie werden in Wrocław an einen Zug gehängt, der über Krakau nach Przemysl an der Grenze zur Ukraine fährt.

Damit bekommt Berlin erstmals seit Jahren wieder eine durchgehende Zugverbindung in die polnische Metropole Krakau, die immer mehr Touristen anzieht. Die Polen hatten den Nachtzug „Stanisław Moniuszko“, der Wagen Berlin–Krakau mitführte, Ende 2009 eingestellt, trotz guter Nachfrage. Seit 2012 gibt es auf der Route auch tagsüber keine direkte Zugverbindung mehr.

„Der neue Nightjet wird ein Konglomerat, das viele Wünsche abdeckt.“

Laut ÖBB wird es noch eine weitere Wagengruppe geben. Sie wird in Breclav in Tschechien zum Nachtzug nach Budapest überstellt. Dem Vernehmen nach will die ungarische Bahn MÁV ebenfalls Sitzwagen und mindestens einen Schlafwagen auf die Strecke schicken. Damit wird auch die Nachtverbindung Berlin– Budapest reaktiviert. Ende 2017 hatte der „Metropol“ zum letzten Mal beide Hauptstädte verbunden.

Bauer: „Der neue Nightjet wird ein Konglomerat, das viele Wünsche abdeckt.“ Ziel sei, dass auch er seine Kosten einspielt und Gewinn abwirft. Die Österreicher wollen ihren Nightjet zum Marktführer in Europa aufbauen. Nun gehen sie einen weiteren Schritt in diese Richtung.