Neue Verkehrsanalyse: Hohe Mieten treiben die Berliner in den Stau

Berlin - Stau auf der Treskowallee in Karlshorst, Stau auf der Gertraudenstraße in Mitte, Stau auf der Sonnenallee – um nur drei Beispiele zu nennen. Dienstag war ein ganz normaler Tag in Berlin. Wieder war die Lagekarte der Verkehrsinformationszentrale Berlin im Internet reichlich mit roten Flecken gesprenkelt, und rot bedeutet: Stillstand. Ein Hersteller von Navigationsgeräten hat nun errechnet, wie viel Zeit der durchschnittliche Berliner Auto-Pendler im vergangenen Jahr im Stau verloren hat: Es waren rund 103 Stunden. Das geht aus dem neuen TomTom Traffic Index hervor, der nun veröffentlicht worden ist.

So schlimm wie im indischen Mumbai, das in dem Negativ-Ranking unter weltweit 403 Städten den ersten Rang einnimmt, ist der Berliner Verkehr zwar nicht. Doch wenn die Analyse auf die 25 untersuchten deutschen Städte beschränkt wird, steht Berlin nicht gut da. Denn im nationalen Vergleich findet sich die Hauptstadt hinter Hamburg auf dem zweitschlechtesten Platz wieder.

Mobiltelefone liefern Daten

In Berlin mussten Autofahrer im vergangenen Jahr im Tagesdurchschnitt 31 Prozent mehr Fahrzeit einplanen, als wenn die Straßen völlig frei gewesen wären. Das ist ein Prozentpunkt mehr als 2017. Die hohen Mietsteigerungen, im Durchschnitt 6,47 Prozent, könnten dazu beigetragen haben, hieß es. Auch andere Städte, in denen die Wohnkosten stark zugenommen haben, schneiden in der Analyse schlecht ab. Möglicher Grund: Hohe Mieten treiben Menschen ins Umland. Die Pendlerstrecken werden länger, der Verkehr nimmt zu - Staus entstehen.

Wer in Berlin ausschließlich während der Stoßzeiten Auto fährt, hatte noch größere Fahrzeitverlängerungen zu ertragen: im Wochendurchschnitt morgens 48, abends sogar 56 Prozent. „Besonders viel Zeit haben Fahrer auf der Karl-Marx-Straße, der Leipziger Straße, der Hermannstraße, dem Tempelhofer Damm, der Hermannstraße und der Seestraße verloren“, so die Auswertung.

Doch auf welcher Grundlage fand die Analyse statt? „Wir schöpfen aus verschiedenen Quellen“, erklärte Firmensprecher Tobias Kuderna. Sie liefern anonymisierte Daten, die Aufschluss über die Belastung von Straßen und das dort gefahrene Tempo geben. Da sind zum einen die TomTom-Navigationsgeräte, die in vielen Autos fest eingebaut sind.

Die Navis gibt es auch als App. Dann übermitteln die Mobiltelefone die Daten – ebenfalls in einer Form, die keine Rückschlüsse auf die Besitzer ermöglicht. Auch die Strecken ließen sich nicht nachvollziehen, für die Auswertung werden die Routendaten in viele Abschnitte zerstückelt. Geräte des niederländischen Unternehmens lotsen auch Lieferwagen und anderen Fahrzeugflotten über die Straßen. Von dort aus werden weitere Informationen beigesteuert.

"Wer Straßen sät, wird Verkehr ernten"

So kam eine große Menge von Informationen zusammen. Jedesmal wurde verglichen, wie viel Zeit ein Fahrtabschnitt in Anspruch nähme, wenn die Straße leer wäre – und wie lange die Fahrt dann tatsächlich gedauert hat. „Insgesamt hat TomTom die Reisezeit von unglaublichen 3 305 251 000 Kilometer, die 2018 real auf deutschen Straßen zurückgelegt wurden, ausgerechnet“, erläuterte Kuderna. „Für Berlin waren es mehr als 400 Millionen Kilometer.“

Wegen der großen Datenbasis könnten externe Vergleiche schwierig sein, hieß es. In der Tat weichen andere Statistiken vom TomTom Traffic-Index ab. So hat der Verkehrsinformationsanbieter Inrix errechnet, dass Berliner Autofahrer im vergangenen Jahr im Schnitt 154 Stunden im Stau standen – mehr als bei TomTom. Auch Vergleiche mit früheren TomTom-Studien wären nicht ohne weiteres möglich, sagte Kuderna. So wurde im Traffic Index für  2015 berechnet, dass die Berliner in jenem Jahr im Schnitt 105 Stunden im Stau standen - länger als im vergangenen Jahr. Doch damals war die Datengrundlage deutlich schmaler, lediglich 129 Millionen gefahrene Kilometer wurden ausgewertet. Allerdings: Für 2017 wurden 107 Stunden kalkuliert - und die damalige Datengrundlage war mit der jüngsten Studie vergleichbar.

Aber was bringen solche Analysen überhaupt? Gehen sie nicht von unrealistischen Annahmen aus? Zumindest tagsüber sind Straßen nie so leer, dass dort niemand unterwegs ist. Ebenso unrealistisch ist die Einschätzung, dass sich die Staus durch einen massiven Ausbau des Straßennetzes auflösen ließ, sagte Heinrich Strößenreuther von der Initiative Clevere Städte. „Die Erfahrung zeigt: Jede neu gebaute Straße füllt sich rasch wieder" - getreu dem Spruch: Wer Straßen sät, wird Verkehr ernten. "Und: Wo gäbe es in Berlin Platz dafür?“ Richtig sei, dass das Berliner Straßennetz überlastet sei. Doch es gebe keine Alternative: weniger Autos, dafür mehr Platz für Verkehrsmittel, die den knappen Platz in der Stadt effizienter nutzen – Fahrräder, Busse, Bahnen, die eigenen Füße.

Autos blockieren sich oft selbst

„Die Ergebnisse für Berlin sind wenig erstaunlich“, pflichtete Tilmann Heuseer vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) bei. Wenn die Zahl der Einwohner sowie Erwerbstätigen zunimmt und das Wohnen im Zentrum dank steigender Mieten teurer wird, nehme der Verkehr zu – das sei „erwartbar“. Keinen Aufschluss gebe die Statistik es darüber, was zu dem Anstieg der Fahrzeitverlängerungen geführt hat. Trugen nicht auch Blockaden durch Zweite-Reihe-Parker dazu bei? „Der Autoverkehr blockiert sich selbst, gerade in einer wachsenden Stadt.“

Der FDP-Verkehrspolitiker Henner Schmidt hält neue Straßen „punktuell“ für nötig. Zwischen Marzahn und Köpenick müsse die Lücke in der Tangentialverbindung Ost geschlossen, die Autobahn A 100 weiter in den Osten Berlins verlängert werden, forderte er. Auch das Bahnnetz sei unzureichend: Das Wachstum findet auch immer mehr im Umland statt“, stellte Schmidt fest. „Darum braucht Berlin einen schnellen Ausbau des Schienenverkehrs dorthin.“