BerlinDas neue Ostkreuz ist fertig, die Straßenbahn dorthin nicht. Obwohl sie nur rund 1240 Meter lang werden soll, lässt die geplante Neubautrasse in Friedrichshain weiter auf sich warten. Am Donnerstag wurde im Verkehrsausschuss des Abgeordnetenhauses bekannt, dass das Projekt wahrscheinlich noch länger dauern wird – was auch für andere Vorhaben gilt. Der Terminplan musste erneut verschoben werden, sagte Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne). „Wir erwarten, dass die Strecke zum Ostkreuz im vierten Quartal 2022 eröffnet werden kann.“ Zuletzt war davon die Rede, dass der wichtige Verkehrsknotenpunkt Anfang 2022 mit der Linie 21 und der neuen Linie 22 wieder einen Straßenbahnanschluss bekommt. Manch einer erinnert sich aber noch daran, dass die Inbetriebnahme schon einmal für 2016 versprochen worden war.

Alles nicht so einfach – das war die wichtigste Botschaft, die Regine Günter und Verkehrs-Staatssekretär Ingmar Streese (ebenfalls Grüne) am Donnerstag im Ausschuss loswerden wollten. Die Gleisverlegung und das Aufstellen von Fahrleitungsmasten sei inzwischen fast schon der einfachste Part. Die Planungs- und Genehmigungsphasen, die dem Straßenbahnbau vorausgehen, wären viel komplizierter und aufwendiger. Diverse Gutachten seien einzuholen, Bürger zu beteiligen, hieß es. Alles sehr komplex!

Simulation: Renderwerke
Derzeit noch ein Wunschtraum – und ein Horror für manche Anwohner: Die geplante Straßenbahnstrecke in Friedrichshain soll durch die Holtei- und die Sonntagstraße zum Bahnhof Ostkreuz führen.

Nicht weniger als 1300 Einwendungen von Anwohnern sind zum Beispiel beim Ostkreuz-Projekt eingegangen. Anlieger fürchten Lärm sowie Erschütterungen – und manch einer wendet sich auch dagegen, dass entlang der Trasse in der Sonntagstraße mehr als 100 Parkplätze wegfallen sollen. Weitere Planungen sahen außerdem vor, acht Bäume zu fällen. Endgültige Festlegungen wird der Planfeststellungsbeschluss enthalten, der laut Senat nun für Juni 2021 erwartet wird. Dagegen darf dann aber noch geklagt werden.

2028 sollen wieder Straßenbahnen zum Potsdamer Platz rollen

„Im Schnitt dauern Straßenbahnprojekte von der Idee bis zum Bau acht Jahre“, so die Senatorin im Ausschuss. Als sie Ende 2016 die bislang von der SPD geführte Verkehrsverwaltung übernahm, „konnten wir auf keinerlei Vorbereitungen zurückgreifen“. Acht Stellen wurden geschaffen, von denen derzeit allerdings drei vakant sind. Intern hofft man, dass zumindest zwei Arbeitsplätze im kommenden Jahr  besetzt werden können. Aus heutiger Sicht war es „mutig“, den Berlinern für diese Wahlperiode fünf neue Straßenbahnstrecken zu versprechen, gestand Günther ein.

So, wie es derzeit aussieht, wird lediglich ein Tramvorhaben bis zu nächsten Wahl fertig. Es handelt sich um Adlershof II, den 2,7 Kilometer langen Lückenschluss zwischen der Wissenschaftsstadt Adlershof und dem Bahnhof Schöneweide. „Die Strecke ist im Bau, das Vorhaben auf einem guten Weg“, sagte die Senatorin. Rund 1,8 Kilometer Gleis sind bereits verlegt, momentan entstehen fünf Haltestellen. Im Herbst 2021 sollen die ersten Bahnen der Linien M17, 61 und 63 über die Neubautrasse im Südosten Berlins fahren. „Nach nur fünf Jahren“, wie der Staatssekretär betonte. Doch auch hier wurden frühere Termine gerissen. Ursprünglich sollte der Bau schon 2015 starten.

Nach voraussichtlich sechs Jahren, vom dritten Quartal 2022, könnten zwischen dem Hauptbahnhof und dem U-Bahnhof Turmstraße erstmals Straßenbahnen verkehren, so Regine Günther weiter. Für die geplante Verlängerung der Linie M10 nach Westen werde die Genehmigung für diesen Dezember erwartet. Hier musste der Terminplan angepasst werden, weil Gutachten fehlerhaft waren und die Planfeststellungsunterlagen erneut ausgelegt werden mussten. Zuletzt war das Projekt „kritisch“, sagte Verkehrs-Abteilungsleiter Hartmut Reupke. „Jetzt ist es auf einem guten Weg.“ Falls Anlieger klagen, könnte übrigens das neue Investitionsbeschleunigungsgesetz greifen. Dann dürften die Bauarbeiten beginnen, während das Gerichtsverfahren noch läuft.

Am größten ist der Rückstand bei der geplanten Neubaustrecke zum Bahnhof Mahlsdorf, über die jahrelang mit Bürgern und Politikern gestritten wurde. Hier möchten die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) die Vorplanung Ende dieses Jahres beenden. Das Genehmigungsverfahren könnte im März 2021 beginnen, so Günther. Baustart ungewiss.

Weitere Straßenbahn-Neubauprojekte werden vorbereitet, aber auch hier zeichnen sich zum Teil Verzögerungen ab. Für die Trasse, die vom Alexanderplatz über den Molkenmarkt und die Leipziger Straße zum Potsdamer Platz führen soll, nannte die Senatorin gestern 2028 als Eröffnungstermin. Zuletzt war von 2027 die Rede.

Weitere Beispiele: Die Verlängerung der geplanten Moabiter Straßenbahn über den U-Bahnhof Turmstraße hinaus nach Jungfernheide soll „Anfang der zweiten Hälfte der 2020er-Jahre“ in Betrieb gehen, teilte Abteilungsleiter Reupke mit. Die geplante Strecke vom U- und S-Bahnhof Warschauer Straße zum Hermannplatz könnte 2026 oder 2027 in Betrieb gehen, sagte Verkehrs-Staatssekretär Streese. Die Eröffnung der Trassen zum S-Bahnhof Blankenburg sowie zwischen Weißensee, Heinersdorf und Pankow ist für 2026 vorgesehen.

CDU-Abgeordneter: lieber mit der U-Bahn vom Hauptbahnhof nach Moabit

Auch Tramprojekte in Spandau, wo 1967 zum vorerst letzten Mal eine Straßenbahn gefahren war, wurden am Donnerstag genannt. Das sind die derzeit geplanten Inbetriebnahmedaten: Paulsternstraße – Gartenfeld 2029, Rathaus Spandau – Heerstraße Nord 2029, Rathaus Spandau – Falkenhagener Feld 2035. „Spandau wächst“, sagte der Spandauer SPD-Abgeordnete Daniel Buchholz. 15.000 Wohnungen würden gebaut. Die Straßenbahn sei wichtig, um die Verkehrsverbindungen zu verbessern.

„Von dem, was der Senat zu Beginn der Wahlperiode angekündigt hatte, sind wir heute weit entfernt“, bilanzierte der CDU-Verkehrspolitiker und Ausschussvorsitzende Oliver Friederici enttäuscht. Allerdings sollte die Zeit jetzt genutzt werden, um einige Projekte grundlegend in Frage zu stellen. So sollte zwischen dem Hauptbahnhof und dem U-Bahnhof Turmstraße keine Straßenbahn gebaut, sondern die U5 verlängert werden. „Das wäre wichtig vor die Vernetzung des Hauptbahnhofs“, so der Abgeordnete. An der Turmstraße gäbe es Anschluss an die U9. Auch Gunnar Lindemann von der AfD sprach sich dafür aus, auf dieser Verbindung eine U-Bahn zu bauen. Unter dem U-Bahnhof Turmstraße und im Anschluss an die heutige U55 und künftige U5 gebe es bereits Tunnelrohbauten, sagen Experten. Es handele sich um ein relativ einfaches Vorhaben.

Bei der Trasse zum Potsdamer Platz sei er sich „nicht sicher, ob sie überhaupt gebraucht werde“. Die  U-Bahn-Linie U2 verlaufe parallel. Ähnliches gelte für die ebenfalls  geplante Verlängerung der Straßenbahn über die Haupt-, Rhein- und Schlossstraße zum Rathaus Steglitz. „Das ist kein sinnvolles Projekt“, sagte Friederici. Wenn die CDU wieder im Senat beteiligt ist, werde es nicht fortgeführt. „Da sollte man lieber die S-Bahn-Linie S1 ausbauen.“ Die Potsdamer Straße wäre zu schmal für Gleise.

Präventiv schadenfroh sah der Christdemokrat auch das Vorhaben, durch Kreuzberg und Nord-Neukölln eine Straßenbahnstrecke zum Hermannplatz zu bauen – mitten durch dicht bewohnte Stadtviertel. Der Widerstand, auf den das Tramprojekt Ostkreuz bei den Anwohnern stößt, ist für Friederici ein Beispiel dafür, „was alles schiefgehen kann“. Er werde gespannt verfolgen, wie der Senat mit diesem Projekt scheitern wird.