Berlin - Neues Jahr, neue Projekte. 2021 werden in Berlin weitere geschützte Radfahrstreifen entstehen, auf denen Radfahrer dank Pollern oder Trennelementen sicher vorankommen. Von weiteren Pop-up-Radwegen, mit denen Berlin während der ersten Welle der Corona-Pandemie international Schlagzeilen machte, steht in den Listen allerdings nichts. Die Fahrradlobby fordert mehr Tempo – auch angesichts der Tatsache, dass im September gewählt wird. „Mit der Verkehrswende kann man Wahlen gewinnen – oder verlieren“, sagt Ragnhild Sørensen, Sprecherin von Changing Cities.

Mehr Tempo: Wenn sie solche Forderungen hört, seufzt Christiane Heiß hörbar. Das Corona-Jahr 2020 war hart, sagt die Stadträtin, die in Tempelhof-Schöneberg für Straßen zuständig ist. „Wir mussten Mitarbeiter ans Gesundheitsamt ausleihen.“ Mangels Technik war die Arbeit im Lockdown oft nur schwer zu organisieren, so die Grünen-Politikerin weiter. Trotzdem sei man jetzt so weit, dass im April damit begonnen werden kann, auf dem Tempelhofer Damm geschützte Radfahrstreifen zu bauen – nach langer Vorbereitung.

Die bis zu zwei Meter breiten Poller-Radwege werden zwischen Alt-Tempelhof und Ullsteinstraße auf beiden Seiten entstehen. Dafür fallen rund 300 Parkplätze weg. Auf den Fahrstreifen links daneben werden „temporäre Lieferzonen“ markiert. Sie können zu bestimmten Tageszeiten in Anspruch genommen werden. Solang sie gelten, bleibt dem fließenden Verkehr nur ein durchgehender Fahrstreifen pro Richtung, sagte Heiß. Gewerbetreibende können auch den „Micro Hub“ auf einem benachbarten Park-and-Ride-Platz nutzen, wo Waren auf Lastenräder umgeladen werden können.

Nicht mehr von Autos gejagt

Das Netzwerk Fahrradfreundliches Tempelhof-Schöneberg hatte sich darüber beschwert, dass die Vorbereitung mehr als 40 Monate in Anspruch genommen hat. Mangelnden Willen lasse sie ihrem Team aber nicht vorwerfen, entgegnete Heiß. Solche großen Vorhaben dauern in den jetzigen Strukturen und Rechtsrahmen drei bis vier Jahre. Immerhin sei es dem Bezirk ebenfalls nach mehr als drei Jahren endlich gelungen, das Team zu erweitern und zwei Radverkehrsplanerinnen zu gewinnen.

Auch anderswo in Berlin sollen geschützte Radfahrstreifen 2021 angelegt werden, sagt Constanze Siedenburg, Pressereferentin von Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne). In Lichtenberg sollen sie in der Scheffel- und der Siegfriedstraße entstehen, in Mitte auf der Westseite der Amrumer Straße. In Charlottenburg-Wilmersdorf seien Protektionsabschnitte am Hohenzollerndamm zwischen Fehrbelliner Platz und Sächsische Straße sowie in der Fasanenstraße im Bereich der Ampeln geplant. Auch die Lindenstraße und Möckernstraße bekommen „Protected Bike Lanes“, sagte Sara Lühmann, Sprecherin des Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzberg.

Gelbe Klebefolie auf der Fahrbahn, rot-weiße Warnbaken: Fertig ist der Pop-up-Radweg. Die Kottbusser Straße und der Kottbusser Damm in Kreuzberg bilden einen der ersten Straßenzüge, die im vergangenen Jahr provisorische Radfahrstreifen bekommen haben. Seitdem müssen sich dort Radfahrer nicht mehr von Autos gejagt neben parkenden Fahrzeugen vorankämpfen. Folge ist, dass der Radverkehr zugenommen hat. „In diesem Jahr gehen wir nun daran, diese Anlage zu verstetigen“, so Lühmann. Aus der provisorischen Anlage werde eine endgültige. Künftig würden Poller die Radfahrer vor Autos schützen.

Asphalt statt Kopfsteinpflaster

Auch die Pop-up-Radwege entlang der Kanaluferstraßen werden in dauerhafte Anlagen umgewandelt. Dort werden aber keine Poller, sondern flache „Protektionselemente“ eingesetzt. Sie können von Einsatzfahrzeugen im Notfall überfahren werden und sie fallen im Stadtbild nicht so auf. Am Halleschen Ufer werden rund 40 Zentimeter breite grüne Schwellen eines mexikanischen Produzenten montiert, eine Berlin-Premiere. Die Trennelemente heißen „Armadillos“ – das ist das englische Wort für Gürteltiere. Am Schöneberger und am Tempelhofer Ufer wird es ebenfalls Schwellen geben. Doch es gibt auch Bedenken. Der Fahrradlobby reichen sie als Schutz vor dem Autoverkehr nicht aus. Die Unfallforschung der Versicherer wiederum warnt vor Sturzrisiken.

2021 sind viele weitere Radverkehrsprojekte geplant. Für Tempelhof-Schöneberg nennt die Stadträtin Heiß Beispiele: So wird im Priesterweg und in der Torgauer Straße, wo viele Radfahrer unterwegs sind, Kopfsteinpflaster unter Asphalt verschwinden. Die Handjerystraße und die Belziger Straße werden zu Fahrradstraßen erklärt, in denen Tempo 30 gilt und nebeneinander geradelt werden darf. Für die Monumentenstraße sei das ebenfalls vorgesehen. In Friedrichshain wird der Holperradweg auf der Südseite der Stralauer Allee durch einen Neubau ersetzt, heißt es im zuständigen Bezirksamt. In der Karl-Marx-Allee werden die Radwege zwischen der Straße der Pariser Kommune und dem Strausberger Platz verbreitert.

Foto: imago images/Andreas Friedrichs
Hier dürfen Radfahrer nebeneinander radeln, und es gilt Tempo 30. Die Palisadenstraße in Friedrichshain ist seit 2020 eine Fahrradstraße. In diesem Jahr soll aus dem Provisorium eine dauerhafte Einrichtung werden.

Was erwartet die Radlobby im neuen Jahr? „Platz, Poller, Blitzer, Schilder, Farbe, Trennelemente“, sagt Lisa Feitsch vom Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC). „Wir wünschen uns, dass die angekündigten Konzepte und Planungen schneller auf der Straße zu sehen sind und Rad fahren für die Gemütlichen, für die Schnellen, für Berufstätige und für Kinder endlich sicher und attraktiv ist. Wir wünschen uns eine Radweg-Offensive und wir wollen endlich ein gutes, lückenloses Radverkehrsnetz, wie es laut dem Mobilitätsgesetz schon seit Juli 2019 hätte vorliegen sollen.“