Berlin - Immer leidenschaftlicher wird über Erderhitzung und Klimaschutz diskutiert. Doch die Zahl der Autos nimmt weiter zu – auch in Berlin. Das zeigt eine aktuelle Auswertung offizieller Zahlen, die das Center Automotive Research (CAR) in Duisburg vorgelegt hat. In der Liga der Autostädte spielt Berlin aber weiterhin nur ganz hinten mit. Denn obwohl der Motorisierungsgrad leicht gestiegen ist, landet die Hauptstadt in dem vorgestellten Deutschland-Ranking auf dem allerletzten Platz. In Wolfsburg ist die Zahl der Pkw pro tausend Einwohner mehr als dreimal so hoch wie in Berlin.

Dass Berlin in puncto Verkehr eine besondere Stadt ist, wissen Experten seit langem. Von Pjöngjang in Nordkorea einmal abgesehen, dürfte es weltweit kaum eine andere Metropole geben, die so schwach motorisiert ist – was Verfechter einer klimafreundlichen Mobilität nur gut heißen können. Viele Faktoren tragen dazu bei, vor allem die wirtschaftliche Situation, die lange Zeit nicht gut war, und die Demografie. Das Durchschnittsalter ist niedriger als anderswo, die vielen jungen Zuzügler bringen nur selten ein Auto mit oder kaufen sich hier eines. Zumindest vor Beginn der Pandemie wurde der Nahverkehr stark genutzt. Unverändert groß sind die Zuwachsraten beim Radverkehr.

Zahl der Pkw in Berlin ist um mehr als 13 Prozent gestiegen

Zwar geht aus den Berechnungen des CAR hervor, dass auch in Berlin der Motorisierungsgrad im Zeitraum von Anfang 2020 bis Anfang 2021 gestiegen ist. Doch mit einer Zunahme von 335 auf 336 Pkw pro tausend Einwohner fällt das Plus äußerst moderat aus. Der Vergleich mit den zwei Dutzend anderen Städten im Ranking zeigt zudem, dass die Pkw-Dichte in Berlin deutschlandweit weiterhin am niedrigsten ist.

Selbst in den anderen Millionenstädten in Deutschland erreicht sie deutlich höhere Werte, wie der Bericht zeigt. Danach sind in Hamburg pro tausend Einwohner 436 Pkw zugelassen, in Köln 453 und in München sogar 493. Der Vergleich mit anderen großen Städten im Osten des Landes fällt ähnlich aus. So gibt es im Leipzig 392 Pkw pro tausend Einwohner, in Dresden 416 und in Magdeburg 472 – ebenfalls mehr als in Berlin.

Noch krasser fällt der Unterschied zu Berlin aus, wenn man die deutschen Städte mit dem höchsten Motorisierungsgrad heranzieht. Spitzenreiter im Ranking des CAR ist Wolfsburg, das nicht nur einen touristischen Anziehungspunkt namens Autostadt hat, sondern dank des großen Volkswagen-Standorts generell eine Stadt der Autos ist. Zwar ist die Pkw-Dichte in der niedersächsischen Stadt von 1132 auf 1111 Autos pro tausend Einwohner gesunken, doch im Vergleich zu Berlin ist sie weiterhin sehr hoch. Ähnlich ist es im bayerischen Ingolstadt, wo Audi seinen Unternehmenssitz und Fabriken unterhält. Dort sank der Motorisierungsgrad ebenfalls – von 736 auf 709. Auch der jüngste Wert für die Pkw-Dichte ist immer noch mehr als doppelt so hoch wie in Berlin.

Wie erklärt CAR-Direktor Ferdinand Dudenhöffer den Rückgang auch bei der absoluten Zahl der Autos in den beiden Städten? „Hier macht sich nach unserer Einschätzung jetzt Corona bemerkbar. Ein Großteil der Fahrzeuge in den Autohochburgen sind Dienstwagen. In Zeiten des Lockdown braucht man offensichtlich weniger davon.“

In anderen Städten ist die Pkw-Dichte ebenfalls beachtlich, zum Beispiel in Braunschweig (573), Hannover (512), Essen (507), Dortmund (504) und Stuttgart (485).

Allerdings: Die Auto-Ära ist auch in Berlin noch nicht vorbei. Im Gegenteil: Die Zahl der Pkw steigt auch hier, wie die CAR-Zahlen zeigen. Hatten Anfang 2009 rund 1,088 Millionen Pkw ein Kennzeichen, das mit der Ortsmarke B wie Berlin begann, so waren es Anfang 2020 circa 1,221 Millionen und Anfang dieses Jahres bereits mehr als 1,234 Millionen. Das entspricht einem Anstieg um mehr als 13 Prozent.

Fahrrad wird im Stadtverkehr immer wichtiger

„Die Menschen in den Großstädten haben im Jahr 2021 ihren Pkw-Besitz vergrößert“, stellt Dudenhöffer in seiner Analyse fest. „Busse, Bahnen, Taxen, Carsharer, Vermieter, Radwege … alles schön und gut, aber das eigene Auto vor der Haustür scheint in Großstädten unschlagbar zu sein. Das Ereignis unserer Studie zeigt klar, dass die Menschen auch in den Großstädten das Auto schätzen.“ Autos bringen Komfort, den sich heute jeder leisten kann, so der CAR-Chef.

Deutschlandweit ist die Zahl der Pkw von 41,7 Millionen im Jahr 2010 auf 48,2 Millionen zu Beginn dieses Jahres gestiegen. Die Pkw-Dichte nahm von 510 auf 580 Pkw pro tausend Einwohner zu, heißt es in der Auswertung weiter.

Bemerkenswert ist aber, dass die Zahl der Kilometer, die jeder Pkw in Deutschland jährlich im Durchschnitt zurücklegt, sinkt – von 14.111 im Jahr 2014 auf 13.602 im Jahr 2019. „Da man weniger fährt, nutzen die Menschen alternative Verkehrsmittel. Dem Rad kommt dabei eine besondere Rolle zu“, so Ferdinand Dudenhöffer. „Eine Politik gegen das Auto macht wenig Sinn. Aber eine reine Autopolitik funktioniert auch nicht. Wichtig ist, in den Städten den Umstieg aufs Elektroauto schneller zu schaffen. Dabei spielt Lade-Infrastruktur in den Stadtzentren eine Schlüsselrolle. Wichtig ist aber auch, die Lebensqualität in den Stadtzentren zu erhöhen. Dabei spielen gute und sichere Rad- und Fußgängerwege eine Schlüsselrolle.“