Neuer Bezirksbürgermeister: Ist Martin Hikel Neukölln gewachsen?

Der Tag, an dem Martin Hikel einen Karrieresprung macht, hat etwas Atemloses an sich. Morgens noch Mathelehrer, abends Bürgermeister. An diesem Morgen muss er noch einmal in seine Schule. Es ist die John-F.-Kennedy-Schule in Zehlendorf. Hikel nimmt Abiturprüfungen ab. Am Abend leistet er dann den Amtseid im BVV-Saal in Neukölln. Dort erhielt er bei der geheimen Wahl 27 Ja-Stimmen von 49 abgegebenen. Ein aufregender Tag also für Hikel. Der Terminplan ist so eng, dass er keine Zeit für ein Telefonat findet. Man kann es verstehen. Und trotzdem hätte man doch gern gewusst, wie er sich fühlt an diesem Tag und ob er ein wenig Angst hat vor der neuen Aufgabe.

Es ist bereits viel geschrieben worden über Martin Hikel. Auch die Berliner Zeitung druckte ein Porträt. Aber alle Texte erschienen erst in den letzten paar Tagen. Denn Martin Hikel kannte noch vor einer Woche kaum jemand. Dann allerdings wurde die bisherige Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey überraschend Bundesfamilienministerin und Hikel bewarb sich um die Nachfolge. Jetzt wollen ihn plötzlich viele Menschen kennenlernen. Es sind so viele, dass Martin Hikel in den nächsten Tagen erstmal ausgebucht ist. „Ich seh mal, was sich machen lässt“, sagt eine nette Frau von der SPD-Fraktion am Telefon.

Bezirk mit schlechtem Ruf

Martin Hikel ist 31 Jahre alt. Er hat erst im Jahr 2005 selbst Abitur gemacht. In Britz. Aufgewachsen ist er in Großziethen. Zum Studium zog er in den Norden Neuköllns. Dort wohnt er heute noch, im Körnerkiez. Seit 2016 ist er als Lehrer tätig. In der SPD ist er schon etwas länger. 2005 trat er in die Partei ein. Seit zwei Jahren führt er die Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung.

Es hat also eine gewisse Logik, dass man ihn gefragt hat, ob er Franziska Giffey nachfolgen will. Und trotzdem fragt man sich, ob er seiner Aufgabe gewachsen sein wird. Die Bildzeitung hat heraus gefunden, dass der Neue in Neukölln 2,08 Meter groß ist. Das ist groß. Aber wird das reichen?

Diese Frage hat eigentlich nur sehr wenig mit Martin Hikel zu tun. Wie jeder neue im Amt an der Spitze einer Behörde oder eines Berliner Bezirks wird er sich bewähren müssen. Es hat mit Neukölln zu tun. Diesen Bezirk kennt deutschlandweit jeder. Es ist der Ruf von Großstadt in ihrem negativsten Sinne, der dem Bezirk vorauseilt. Neukölln ist das, wovor man Angst hat in der Provinz. Ein Synonym für die Entstehung von Parallelgesellschaften. Für ein gescheitertes Schulsystem. Bandenkriminalität. Eine desaströse Sozialstruktur. Der failed State, der gescheiterte Staat.

Auch für Hipster und Künstler

Das ist ungerecht. Denn Neukölln ist viel mehr. Es ist auch Hipster-Bezirk, Künstlerrefugium, berlinerisches Berlin, Hochaussiedlung und Blumenviertel mit Rabatte und Einfamilienhaus. An dem schlimmen Ruf ist Hikels Vorvorgänger Heinz Buschkowsky mitschuldig. Er prägte den Slogan „Neukölln ist überall“. Es ist der Titel seines Buches und er analysiert darin seinen Bezirk und die Prägung durch Einwanderer. Multikulti sei gescheitert befand Buschkowsky und zog fortan als Mann für klare Kante durch Fernsehtalkshows.

Auch Franziska Giffey war dafür bekannt, Neuköllner Zustände nicht zu beschönigen. Sie setzte weiter Wachschützer an Schulen ein, thematisierte die Probleme mit arabischen Clans und die Vermüllung auf den Straßen. Sie brachte dazu aber eine herzliche und bürgernahe Art mit.

Die Taz hat Hikel gefragt, wer von beiden eher ein Vorbild für ihn sein könnte. Hikel blieb diplomatisch. Die klare Sprache Buschkowskys gefalle ihm, sagte er und auch die Herzlichkeit und Bürgernähe von Franziska Giffey.

Weiter wie bisher

Ansonsten will er erstmal alles fortführen wie bisher. Die Wachschützer an Schulen sollen bleiben, damit Unterricht überall möglich ist. Er findet es richtig, auf Bildungspolitik einen Schwerpunkt zu setzen. Er ist Lehrer, da erwartet man das. „Bildungserfolg darf nicht von der sozialen Herkunft abhängig sein. Deshalb müssen die besten Schulen in die härtesten Kieze. Bildung bleibt in Neukölln unser wichtigster politischer Schwerpunkt“, sagt er.

Aber auch sonst bleibt er erstmal auf der Linie von Buschkowsky und Giffey. Integrationsmaßnahmen müssten konsequent das Ziel haben Menschen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. „Wer sich allerdings gegen unser friedliches Miteinander stellt, kann nicht mit unserer Unterstützung rechnen. Klare Grenzen müssen hier gezogen werden. Die enge Zusammenarbeit zwischen Justiz, Polizei, Ordnungs- und Gewerbeamt unterstützt uns dabei, diese Grenzen zu ziehen und sie durchzusetzen“, sagt Hikel. Die Anti-Müll-Strategie des Bezirks verfolge das Ziel ein Ordnungsbewusstsein für die Stadt herzustellen. „Wenn unsere Müllsheriffs Müllsündern ein Stoppsignal zeigen, dann tun sie das für alle Menschen im Bezirk, denen etwas an unserem öffentlichen Raum liegt“, sagt er. In Interviews hat er rechte Übergriffe verurteilt und eine Verlängerung der U7 bis zum BER gefordert.