Bruno Kramm stammt aus Bayern, wohnt seit zwei Jahren mit Frau und Kind in Potsdam, nennt Finnland seine zweite Heimat und hat jetzt den Vorsitz der Berliner Piratenpartei übernommen. Wollte man böswillig sein, könnte man jetzt schreiben: Die Not der Berliner Piraten muss groß sein, dass sie in dieser großen Stadt niemanden finden. Das wäre auch zutreffend, denn der Hauptstadt-Landesverband der Partei ist nach zermürbenden Querelen zerfleddert. Trotzdem könnte sich Kramm als ein Glücksfall für das erweisen, was von der Partei noch übrig ist.

Mit zwei Dritteln der Stimmen wurde der 47 Jahre alte, gebürtige Münchner am Sonnabend bei der Landesmitgliederversammlung gewählt. Für die Piraten, die sich auch in zentralen Fragen selten einig sind, ist das ein gutes Ergebnis. Zumal Kramm der Wunschkandidat des Vorstands war, was durchaus zur Ablehnung des Kandidaten führen kann. Als Kandidat bei der Bundestags- und bei der Europawahl, als Sprecher in Urheberrechtsfragen und regelmäßiger Talkshowgast und mit seinem markanten Outfit – schwarzer Hut, oft rot gefärbte Haare – hat er es zudem zu einer gewissen Prominenz gebracht. Auch das kann sich bei den Piraten zum Nachteil wenden.

Aber Kramm ist nicht nur vielen Berliner Piraten eng verbunden. Er ist auch ein einnehmender Redner, rhetorisch seinen Herausforderern – dem Abgeordneten Gerwald Claus-Brunner und der Basisvertreterin Franziska Jentsch – deutlich überlegen. Bei seiner Vorstellung am Sonnabend beschwor er den Geist, der die Partei groß werden ließ, „die Aufmüpfigkeit, Unkonventionalität und Punkigkeit“. Zugleich versprach er: „Ich will Mut spenden, für das, was hier in Berlin begonnen hat.“ Und er teilte gleich gegen die ungeliebte Bundespartei aus: „Wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen von den Rufern außerhalb Berlins, denen die Stadt aus der Ferne fremd erscheint und die sie nur als touristische Attraktion kennen.“

Kramm kennt sich aus mit Auftritten. Vor mehr als zwanzig Jahren hat er in der fränkischen Provinz die Darkwave-Gruppe „Das Ich“ mitgegründet. Der Erfolg der Band war für ihn auch eine Wiedergutmachung für die Anfeindungen, denen er wegen seiner mitunter recht schrillen Outfits ausgesetzt war. „Ich bin auch deshalb Antifaschist, weil ich als junger Waver so oft von Nazis verprügelt worden bin“, sagte er am Sonnabend.

Heute ist er nicht nur Künstler, sondern auch Unternehmer. Kramm betreibt das Musiklabel Danse Macabre – und tritt dennoch für die Liberalisierung des Urheberrechts ein. Zeitweise stellte er sein Engagement bei den Piraten ein, aber ihm wurde langweilig, räumte er ein. Zu tun gibt es im neuen Ehrenamt genug. Nach dem Parteiaustritt seines Vorgängers Christopher Lauer liegt die Vorstandsarbeit in weiten Teilen brach, das Verhältnis zum Bundesvorstand ist zerrüttet, und 2015 beginnt in Berlin der Wahlkampf. Bei nur noch drei Prozent stehen die Piraten in den Umfragen. Aber das wird schon, glaubt Kramm. „In Berlin sind wir groß geworden, und hier schaffen wir auch in Zukunft Erfolge.“