Der Mann ist müde, furchtbar müde. Sein Alltag hat sich eingegraben, jeden Morgen ins Kraftwerk, durch einen Körperscanner, der nach nuklearen Spuren forscht, nicht aber nach Sehnsüchten oder Ängsten. Die Moderne hat dem Leben seine Emotionen ausgetrieben, der Mensch scheint wie der Wurmfortsatz einer Maschine, inmitten eines kalten Ambientes. André Hennicke, dem schon als jungem Schauspieler in einigen Defa-Filmen die Furchen des unweigerlich kommenden Ungemachs ins Gesicht geschrieben standen, spielt diesen Mann, der merkwürdig in sich gekehrt ist, nur noch einen kleinen Schritt vom lebenden Leichnam entfernt. Schon bald wird er erfahren, dass seine Tochter verschwunden ist: nicht mehr Kind, aber noch längst nicht erwachsen. Die geschiedene Frau bittet um Hilfe. So begibt er sich auf die Suche, tritt die Reise an, auf der wir ihn begleiten.

„Die Vermissten“ heißt der Film von Jan Speckenbach, und wenn es in der Berlinale-Sektion Perspektive Deutsches Kino eine Arbeit gibt, die ein Versprechen auf Künftiges ist, dann wohl vor allem diese. Der Film beginnt unspektakulär und langsam, vielleicht sogar behäbig. Doch dann mündet die Alltagsskizze in eine Science-Fiction-Parabel, die vollkommen ohne die herkömmlichen Zutaten eines utopischen Films auszukommen weiß und doch ein immer dichter werdendes Szenario der Bedrohung entwirft. Der Mann hat seine Tochter verloren, er wird auch die städtische Umgebung, das Geld, die Sprache verlieren: Fast wortlos durchstreift der Film das surrealistische Gefilde eines Universums, in dem sich die Kinder von den Erwachsenen separiert haben und die Väter, zu Bürgerwehren vereint, ihnen auflauern und sie töten, als ob sie sie nicht schon durch das tradierte Leben fast getötet hätten.

Man kann manches an diesen „Vermissten“ aussetzen. Etwa dass der Film die Spaltung der Welt in Arm und Reich und die daraus resultierenden Zusammenstöße zu einem Konflikt zwischen Eltern und Kindern verengt. Tatsächlich bleibt Speckenbach diesem Generationenkonstrukt sehr verpflichtet, anstatt den Zorn und die Trauer, die dem Stoff innewohnen, stärker in sozialen, ökonomischen, politischen Bedingungen wurzeln zu lassen. Und doch: Er beweist seine Kunst, zu einer verunsichernden Gesellschaftsvision vorzustoßen, in einer kühlen, klaren Form, die das junge deutsche Kino stilistisch bereichert und atmosphärisch belebt.

Überhaupt sind die Spielfilme der Perspektive in diesem Jahr stärker als die Dokumentarfilme. „Karaman“ etwa, von Tamer Yigit und Branka Prlic, ist das Porträt einer türkischen Familie, das viel mehr von dem einbringt, was Speckenbach fehlt: die konkrete politische Grundierung. Der Vater ist ein alter Militär, der nicht darüber reflektieren will, welche Untaten auch er nach dem Putsch von 1980 auf dem Gewissen hat. Die Kinder verweigern sich ihm auf verschiedene Weise: Die Tochter, eine moderne Studentin und selbstbewusste Muslima, will das Land verlassen. Der Sohn rettet sich in die Extase von Black-Metal-Musik und klettert in Höhlen, um dort zu neuem Licht vorzustoßen: viel Symbol, viel Unausgesprochenes; die Last der Vergangenheit kann die Zukunft zu Boden drücken, wenn man sich ihrer nicht bewusst wird.

Oder „Gegen Morgen“ von Joachim Schönfeld: Auch das eine beklemmende Studie der Einsamkeit und Verunsicherung. Ein Personenschützer beschattet einen vermeintlichen Mädchenmörder, aber sein Job wird ihm zum Gefängnis. Autos und Wohnungen wie Festungen, Brückenbögen als erdrückender Himmel: Die Schauplätze sind hier nicht nur Handlungsorte, sondern kehren die innere Verfasstheit der Hauptfigur nach außen. „Gegen Morgen“, mit Musik aus Richard Wagners „Ring“ unterlegt, lüftet bei weitem nicht alle Geheimnisse seiner Figur: Das Vage arbeitet im Kopf des Zuschauers fort.

Wie im letzten Jahr, als sich Annekatrin Hendels „Vaterlandsverräter“ als der stärkste Dokumentarfilm der Perspektive erwies, kümmert sich auch der beste dokumentarische Versuch dieses Jahres, „This Aint’t California“, um die DDR. Genauer gesagt: um Skateboarder, die hier „Rollbrettfahrer“ genannt wurden. Marten Persiel bringt die Freundinnen und Freunde eines 2011 in Kunduz gefallenen ehemaligen Skaters bei einem Lagerfeuer zusammen und rekonstruiert aus deren Erinnerungen ein Bild jugendlichen Ungestüms in der Honecker-Ära. Rollbrett statt Jugend-Spartakiade, Altbauwohnungen mit Sex und Rock und freiem Willen.

Der Film skizziert mit Hilfe von Super-8-Material und Zeichentricksequenzen ein buntes Bild des Ostens, beschreibt, wie staatliche Jugendfunktionäre die Szene zu zügeln und einzubinden versuchten und dass auch die Stasi ihr Auge stets auf diese wilde Garde geworfen hatte. Doch sehr viel mehr als um Bespitzelung und Drangsal geht es Persiel um das Gefühl von Freiheit und Ungebundenheit, das eben auch in der DDR seine Nischen fand. „This Ain’t California“ ist eine durchaus nostalgische Rückschau und zugleich veritable Trauerarbeit: Erst als die Hauptfigur in Afghanistan stirbt, besinnen sich die früheren Freunde auf ihre alte Gemeinschaft, rekonstruieren sie die Mär vom verlorenen Glück.

Perspektive Deutsches Kino Eröffnung am 10.2., 19.30 Uhr im CinemaxX 3