Führermythos und Führerkult, deutsche Volksgemeinschaft, Rassenpolitik, Mord an den europäischen Juden, Raub- und Eroberungskrieg der Nationalsozialisten – das sind die Schwerpunkte der Dokumentation auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden. Dort, am „Täterort“, dem zweiten Regierungssitz Adolf Hitlers, lag seit 2009 der Arbeitsschwerpunkt des Historikers Axel Drecoll als Leiter jenes Lern- und Erinnerungsortes. Jetzt wird er dorthin wechseln, wo die Täter direkt auf ihre Opfer trafen, sie drangsalierten und ermordeten.

Als Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten übernimmt er eine international anerkannte Einrichtung, zu der so bedeutende Gedenkstätten wie die ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen und Ravensbrück, das frühere Zuchthaus Brandenburg, die Gedenkstätte Todesmarsch im Belower Wald gehören und die auch den Gedenkort Jamlitz betreut.

Der neue Direktor

Axel Drecoll wurde 1974 in Erlangen geboren, studierte Neuere und Neueste Geschichte, Geschichte Südosteuropas und Politische Wissenschaften. Er gehört zu den am Münchner Institut für Zeitgeschichte tätigen Wissenschaftlern, lehrte an der Universität München, hat eine Vielzahl von Publikationen vorzuweisen. Mit der Einrichtung der „Dokumentation Obersalzberg“ erwarb er sich große Anerkennung.

Aus Fachkreisen heißt es, Drecoll bringe einen starken Gestaltungswillen mit, lasse gleichwohl deutlich erkennen, dass er ein nach Antworten Suchender ist, der nicht mit vorgefertigten Meinungen daherkommt. Als kooperationsfreudig wird er beschrieben, als reflektierter Mensch, als jemand, der Gespräch, Austausch und Beratung sucht. Das werden seine vielen neuen Mitarbeiter sicherlich sehr gerne hören. Der 43-Jährige ist nach mehreren Bewerberrunden ausgewählt worden. Die beschriebenen Eigenschaften werden neben der wissenschaftlichen Qualifikation, der Erfahrung als Ausstellungsgestalter und dem guten Ruf der Obersalzberg-Dokumentation eine entscheidende Rolle gespielt haben.

Gegen eine „Hanswurstisierung“ Hitlers

Bei seiner Vorstellung am Donnerstag in Potsdam setzte er sogleich einen brandenburgisch beeinflussten Akzent: „Ich habe erlebt, dass von Besuchern der Gedenkorte häufiger rassistische und antisemitische Gedanken offen geäußert werden“, sagte er. Dem wolle er auch bei der Arbeit mit Besuchern der ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen und Ravensbrück entgegentreten.

In einem Interview, dass die Zeit 2015 mit ihm führte, sprach er über seine Beobachtung, dass die heranwachsende Generation nur rudimentär über die deutschen Großverbrechen Bescheid wisse, und über das Phänomen der „Hanswurstisierung“ Hitlers: „Man stutzt ihn auf ein vermeintliches Normalmaß zurecht und zeigt ihn als albernen Tropf. Und das war er mit Sicherheit nicht.“

Diese Einsicht, unter vielen anderen, weiterzureichen an die Besucher der Gedenkstätten, vor allem die vielen jungen, das ist nun seine Aufgabe. Am 1. Juni tritt Axel Drecoll die Nachfolge des überaus verdienstvollen Direktors Günter Morsch an, der in den Ruhestand tritt.