Berlin - Sie berät türkische Eltern, deren Kinder die Schule schwänzen, hilft Familien beim Abbau von Schulden oder erklärt Müttern, wieso zu viele Chips und Dauerfernsehen nicht gut für die Gesundheit der Kinder sind. Seit knapp drei Jahren engagiert sich Serap Gündar ehrenamtlich für Migranten-Familien im Kiez um die Kochstraße in Kreuzberg. Sie ist eine von vielen Stadtteilmüttern, die wegen ihrer Kenntnisse der Sprache und Kultur bessere Kontakte zu türkischen Bewohnern haben als deutsche Amtsmitarbeiter.

Wenn Serap Gündar nach den Feiertagen zurückkehrt in das Familien-Café der Kita Krümel, wo sie tätig ist, wird sie ihre Beratungsarbeit fortsetzen. Dennoch beginnt für sie ein völlig neues Leben: Zum ersten Mal hat die 41-Jährige einen richtigen Berufsabschluss. Nach 16 Monaten Fortbildung ist sie eine staatlich geprüfte Sozialassistentin.

Interkulturelle Arbeit als Modell

„Ich bin sehr stolz, dass ich den Abschluss geschafft habe“, sagt die schlanke Frau mit den langen dunklen Haaren. Nachdem sie 1983 nach Berlin gekommen sei, habe sie weder Zeit noch Gelegenheit zu mehr als dem erweiterten Hauptschulabschluss gehabt.

Serap Gündar ist eine von 19 Frauen, die am Donnerstag in Kreuzberg ihre Zeugnisse als Sozialassistentinnen erhielten. Die Frauen mit türkischer, kurdischer, arabischer oder bosnischer Herkunft sind zwischen 30 und 51 Jahre alt, alle waren sie arbeitslos, viele hatten ihre Ausbildung irgendwann abgebrochen. Die meisten von ihnen waren zuletzt Stadtteilmütter. Sie wollten aktiv sein, etwas tun.

Die 16-monatige Fachschulausbildung durch das Diakonische Bildungszentrum Lobetal umfasste Unterrichtsfächer wie Psychologie, Kommunikation, Pflege, Pädagogik und Kunst. Die Frauen vervollkommneten auch ihre Deutschkenntnisse, übten Familienberatung in Rollenspielen und dachten sich altersgerechte Spiele für Kinder aus. Die Ausbildung ist ein Modellprojekt. Erstmals wurden dabei Sozialassistentinnen nicht nur für die Altenpflege ausgebildet, sondern auch für die sogenannte interkulturelle Familienbegleitung. Das heißt, die Sozialassistentinnen unterstützen reguläre Sozialarbeiter bei der Arbeit. Dass sie Migrantinnen sind, erleichtert den Zugang zu ausländischen Familien enorm, wie Serap Gündar sagt: „Wir können die Sprache und kennen die Kultur, uns vertraut man.“

Weiterbildung zur Erzieherin

Das Berufsbild der Sozialassistentin für interkulturelle Familienbegleitung wurde vom Jugendamt Friedrichshain-Kreuzberg entwickelt. Die Finanzierung erfolgte hauptsächlich über das Jobcenter, das Bildungsgutscheine bereitstellte. „Für diese Arbeit gibt es einen Riesen-Bedarf. Ich bin froh, dass wir das hinbekommen haben“, sagt die Jugendstadträtin von Friedrichshain-Kreuzberg, Monika Herrmann (Grüne). Eigentlich habe man „nur ein Stück Normalität für Integration organisiert.“ Sie hofft, dass jetzt die freien Träger der Jugendhilfe entsprechende Stellen schaffen. Bislang haben neun der 19 frisch gebackenen Sozialassistentinnen einen Arbeitsplatz – es sind jeweils halbe Stellen im Johannisstift und bei der Diakonie. Fünf Frauen beginnen im Januar sogar damit, den Mittleren Schulabschluss nachzuholen. Danach wollen sie Erzieherin werden.