Die besten Milieustudien entstehen im öffentlichen Nahverkehr. Wer Berlin kennenlernen möchte, sollte deshalb einfach einmal eine komplette Runde mit der Ringbahn im Kreis fahren. Vorbei an den Plattenbauten im Osten und den Schrebergärten im Westen. Oder aber auf der Innenstadttrasse von der Warschauer Straße zum Savignyplatz fahren, vorbei an Wahrzeichen wie dem Berliner Dom und der Gedächtniskirche.

Über insgesamt 331,5 Kilometer ziehen sich S-Bahn-Gleise durch die Stadt. Sie verbinden Gegensätze und eröffnen Bahnhof für Bahnhof neue Mini-Universen. Am Fenster rauschen die großen und kleinen Dramen der Stadt vorbei, ihre Bausünden, ihre Absurditäten, ihre skurrilen Liebenswürdigkeiten. Und mit im Wagon immer dabei: ihre Menschen.

Wir haben uns in den Zug gesetzt und Eindrücke gesammelt. Herausgekommen ist eine ganz eigene kleine Milieustudie von Streckenabschnitten und Haltestellen. Unternehmen Sie mit uns eine virtuelle Reise mit der Berliner S-Bahn.

VON SÜDKREUZ BISTREPTOWER PARK

Eingestiegen am Südkreuz, das mit seinen hohen Decken, silbernen Verkleidungen und gebohnerten Böden an ein charakterloses Riesenraumschiff erinnert, geht es auf die gefühlt längste Reise im Berliner Nahverkehrsnetz: Für die Strecke zwischen Tempelhof und Hermannstraße braucht die S-Bahn eine kleine Ewigkeit.

An den Bahnhöfen Hermannstraße und Neukölln macht im Anschluss jeder, was er gerade will: sich betrinken, die Handy-Musik auf volle Lautstärke drehen, Tigerleggins tragen, ein Tourette-Syndrom ausleben oder allerlei Dinge von polnischen Zigaretten bis hin zu Antiquitätenmöbeln verkaufen.

Richtig beschaulich wirkt dagegen der Bahnhof Sonnenallee mit seinem kleinen Dorfplatz. Kurz hinter dem Treptower Park eröffnet sich für Reisende der schönste Ausblick Berlins: Von der Elsenbrücke hinüber zur Oberbaumbrücke, die Kreuzberg und Friedrichshain verbindet.

VON OSTKREUZ BIS GESUNDBRUNNEN

Das Ostkreuz stellt das zweite charakterlose Raumschiff dar, seine Bäcker und Zeitungsshops sind so austauschbar wie die Filmrollen von Bruce Willis. Die Frankfurter Allee bietet die letzte Möglichkeit, sich vom Stadtrauschen berieseln oder vom Imbissgeruch einräuchern zu lassen. Im Anschluss scheint die Zivilisation zu enden - die Bahnhöfe Storkower Straße und Landsberger Allee liegen umzingelt von Baumärkten, Discountern und anderen großflächigen Verkaufshallen im Nichts.

Was sich an der Greifswalder Straße bereits andeutet (wenn man die Augen von Industrie-Schornsteinen und Betonruinen abwendet), vollzieht sich final am Bahnhof Prenzlauer Allee: der Wiedereintritt in die Hochkultur, die sich mit einem für Prenzlauer Berg typischen Bio-Supermarkt direkt neben dem Bahnhof bemerkbar macht.

Wer an der Schönhauser Allee aus der S-Bahn aussteigt, den schiebt der Menschenstrom scheinbar direkt in die Umkleidekabine einer Bekleidungskette. Am Gesundbrunnen schließlich steigt man meist nicht einfach aus, sondern um - zum Beispiel in eine der zu jeder Tages- und Nachtzeit vor dem Eingang wartenden Mitfahrgelegenheiten.

++ Lesen Sie im nächsten Abschnitt die Strecke von Wedding bis Schöneberg nach. ++