Das Leben als Clubmacher ist nicht nur Zuckerschlecken. Zugezogene Anwohner klagen wegen Ruhestörung, Immobilienhaie fordern Büros statt Beats, die Polizei überrascht mit Drogenrazzien und das Finanzamt mit Steuernachforderungen, für vier Jahre rückwirkend. Doch all das ist Kleinkram, verglichen mit der Tarifreform, welche die Gema plant, die Verwertungsgesellschaft für Musik in Deutschland.

Zum 1. Januar 2013 soll sich der Gebührenkatalog für „Unterhaltungs- und Tanzmusik mit Tonträgerwiedergabe mit Veranstaltungscharakter“ ändern. Wo früher elf verschiedene Tarife auf unterschiedliche Formen von Events zugeschnitten waren, gelten dann nur noch zwei. Monatspauschalen, wie sie die Clubs lange Jahre zahlten, fallen weg, künftig wird jeder Abend einzeln abgerechnet.

Was die Gema gerne als „Vereinfachung“ ihrer Tarifstruktur darstellt, würde für das Gros der Clubs eine Vervielfachung der Gema-Gebühren bedeuten, abhängig von Raumgröße und Eintrittspreis.

Dr. Motte wird laut

Das Schwuz am Mehringdamm beispielsweise rechnet mit einem Anstieg von 10.000 auf 90.000 Euro im Jahr. „Dieser Betrag ist von uns nicht zu erwirtschaften und bedeutet eine Gefährdung unserer Existenz“, sagt Clubchef Marcel Weber. Steffen Hack, Betreiber des Watergate, erwartet eine Steigerung der Gema-Gebühren zwischen 500 und 1 500 Prozent – und ist entsprechend sauer: „Man kann einem Unternehmen nicht von einem zum nächsten Jahr eine Mehrbelastung von mehreren hundert Prozent auferlegen. Das hat mit einer wirtschaftlichen Grundordnung nichts mehr zu tun, das ist Wucherei und sittenwidrig.“

Ähnlich sieht es Dr. Motte, der kürzlich bei einer Diskussionsrunde die anwesenden Gema-Vertreter lauthals anging und nun für die auf Youtube dokumentierte Aktion viel Zuspruch erhält. „Ich bin richtig aufgebracht, hier wird nachhaltig ein Kulturgut zerstört“, sagt der Loveparade-Gründer. Mit der Initiative „Fair Play – Gemeinsam gegen GEMAinheiten“ hat er für Montagabend zur Demonstration vor dem Frannz-Club in Prenzlauer Berg aufgerufen, wo zeitgleich ein Gema-Mitgliederfest stattfindet.

Nicht für einen Ramschpreis

Der Ton verschärft sich indes auch auf Seiten der Gema: „Die Clubs sollen Musik nicht für einen Ramschpreis spielen. In manchen Clubs zahlen die Betreiber derzeit mehr für die Ausstattung der Toiletten als für die Gema“, so Sprecherin Gaby Schilcher. Die Verwertungsgesellschaft argumentiert, die Clubs hätten bislang „viel zu wenig gezahlt“ und hat sich zum Ziel gesetzt, eine Beteiligung am Eintrittsgeld von zehn Prozent für die Urheber der Musik zu erreichen.

Berechnet wird in den meisten Fällen jedoch einiges mehr, denn neben einem Aufschlag für die Nutzung von Laptops kommen kuriose Zeitzuschläge hinzu, wenn die Veranstaltung länger als fünf Stunden dauert – im Club ist das der Normalfall.

Die Bereitschaft, für die Vergütung von Künstlern mehr zu zahlen, ist auf Clubseite durchaus vorhanden, die sprungartige Erhöhung jedoch würde vielen wirtschaftlich das Genick brechen. Zudem herrscht großer Unmut über die Intransparenz der Gema. Denn wie genau die Einnahmen aus den Clubs verteilt werden, ist unklar.

Das Geld verschwindet im Dunkeln

Die Gema beruft sich hierbei auf die sogenannte „Blackbox“, die sie laut eigenen Angaben bundesweit in 120 Clubs installiert hat. Jedes Gerät schneidet wöchentlich eine Stunde des Clubprogramms mit, die gespielten Songs werden von der Firma Media Control analysiert und für die Ausschüttung von Tantiemen aufs Jahr hochgerechnet. Ein Verfahren, dem kaum einer in der Branche traut und zu dem Media Control keinerlei Auskunft gibt.

„Das Geld verschwindet im Dunkeln und kommt bei vielen Mitgliedern überhaupt nicht an“, so Dr. Motte. Fakt ist außerdem, dass ein großer Teil der Clubmusik – etwa unveröffentlichte Stücke und Bootlegs – gar nicht Gema-pflichtig ist.

Technoproduzent Dapayk, der regelmäßig Clubtracks veröffentlicht, kann aus der vierteljährlichen Abrechnung, die er von der Gema bekommt, nicht viel herauslesen: „Ob ein Stück von mir häufig im Club gespielt wird oder nicht, ist nicht nachweisbar.“

Star-Anwälte gegen den Blödsinn

Dabei wäre die Technik durchaus vorhanden, jede Veranstaltung per Sounderkennung genau auszuwerten, meint Dimitri Hegemann vom Tresor: „Jeder Song, der heute digital abgespielt wird, verfügt über eine eigene Audio-ID, damit wäre ein äußerst genaues Monitoring machbar. Dafür müssten die Clubs verkabelt und an einen Großrechner angeschlossen werden, der die Daten zu den Songs sammelt.“

Auch Steffen Hack kann sich vorstellen, ein solches System im Watergate zu installieren. „Wichtig ist Transparenz bei der Ausschüttung. Der Bürger ist heute nicht mehr der hörige Sklave, der einem Monopolisten wie der Gema widerstandslos hinterherläuft. Das müssen auch die alten Herrschaften mit dem Krawattenknoten endlich kapieren.“

Doch momentan sind die Fronten verhärtet. Da Verhandlungen zwischen Gema und der Bundesvereinigung der Musikveranstalter über die Tarifreform scheiterten, läuft ein Schiedsstellenverfahren, bei dem das Deutsche Patent- und Markenamt klären muss, ob die von der Gema verlangten Tarife angemessen sind. „Wenn das durchkommt, gehe ich vor Gericht“, kündigt Hack an. „Eher werde ich 400 000 Euro investieren, um Star-Anwälte zu bezahlen, als dass ich diesen Blödsinn mitmache. Und wenn mir dann ein deutsches Gericht sagt, dass so eine Erhöhung rechtens ist, dann ist das kein Rechtsstaat mehr, dann muss ich wohl auswandern.“

Demonstration gegen die Tarifreform am Montag, 25.6., 18–22 Uhr, Schönhauser Allee, Höhe Kulturbrauerei/Frannz-Club.