Eine Frau greift sich mit der Greifzange einzelne Datteln aus dem Korb an der Kasse und stopft sie in ihre orangefarbene Plastikbox. Daneben füllt eine Mittzwanzigerin mit dem Löffel ein paar Gewürze in ihre mitgebrachten Gläser, während ein Mann ein paar Schritte weiter Müsli aus einem der riesigen Spender in seine Papiertüte rieseln lässt. In aller Ruhe erledigen sie ihren Wocheneinkauf. Es ist Normalität eingekehrt im Kreuzberger Supermarkt "Original unverpackt".

Das war vor einem halben Jahr noch ganz anders. Da hatten Sara Wolf und Milena Glimbovski ihren verpackungsfreien Supermarkt in der Wiener Straße gerade eröffnet und damit einen Nerv getroffen. Wochenlang pilgerten Touristen, Berliner und Neugierige in den Laden, viele einfach nur, um mal zu schauen. Medien aus Deutschland, den Vereinigten Staaten, Frankreich, Russland und Großbritannien berichteten über den Laden. Mit so viel Interesse hatten die beiden Frauen gar nicht gerechnet.

Inzwischen sind etwa 60 Prozent der Einkäufer Stammkunden, durchschnittlich kaufen sie Produkte für insgesamt 20 Euro ein. Es sind Familien mit Kindern, die den Eventcharakter des ungewöhnlichen Shoppens schätzen oder einfach Menschen, die Müll vermeiden und bewusster und nachhaltiger leben möchten. Denn alles, was man hier in der ehemaligen Fleischerei einkaufen kann, erhält der Kunde ohne Verpackung: Obst, Gemüse, Nüsse, Öl, Spülmittel, Gin, Nudeln, Gewürze, Gummibärchen, Mehl.

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Fast alles: „Nur bei der Butter haben wir inzwischen eine Ausnahme gemacht“, sagt Sara Wolf. „Viele decken sich morgens hier für ihr Frühstück ein und da fehlte die Butter im Sortiment. Wir arbeiten aber auch hier an einer Alternative“, sagt die Gründerin.

Die beiden Frauen sind inzwischen bei der Feinjustierung ihres kleinen Ladens angekommen. Es wurde umgebaut und umgestellt, Lieferanten wurden gewechselt, das Sortiment erweitert. Rund 450 Produkte gibt es mittlerweile zu kaufen – 100 mehr als noch vor sechs Monaten. „Wir probieren viel aus“, sagt Wolf. Was jedoch nicht angenommen wird, fliegt wieder aus den Regalen. So wie die Erbsen. Die Ladenhüter fanden kaum Liebhaber.

Nüsse in der Wollmütze transportiert

Besonders gut verkaufen sich dagegen Obst und Gemüse (die übrigens nach Farben sortiert aufgereiht sind), Tofu, Haarseife, Teelichter, Trockenfrüchte und Crunchy-Müsli. „Da kommen wir mit dem Nachfüllen kaum hinterher“, sagt Sara Wolf. Auch heute ist das Knuspermüsli wieder leer. Auch der Kaffee, der in Kreuzberg geröstet wird und der Vodka aus Berlin, den man sich selbst abzapfen kann, werden gut angenommen. Mehrere kleine Fläschchen gingen da einen Samstag schon mal über den Tresen.

Die Behälter zum Transportieren kann man im Supermarkt kaufen oder die Kunden bringen sie selbst mit ins Geschäft. „Viele sind da sehr kreativ. Eine Frau füllt ihr Müsli immer in leere Jack-Daniels-Flaschen, für die Nudeln nutzen manche alte Pringles-Chipsdosen“, erzählt Wolf. Ein Mann schleppte seine Nüsse neulich in seiner Wollmütze nach Hause, ein anderer eingewickelt in seinen Pullover.

Als Fehlinvestition hat sich das Kosmetikregal erwiesen. Die Flüssigseife und das Spülmittel waren so zäh, dass sie einfach nicht durch den Hahn flossen. „Da müssen wir uns etwas anderes einfallen lassen. Hier steht momentan nichts still“, sagt Sara Wolf. Es ist eine Gratwanderung zwischen Versuch und Irrtum.

„Wir können uns auf keine Erfahrungen stützen, denn so ein Unverpackt-Konzept gab es ja vorher noch nicht“, sagt Wolf. Zumal beide Frauen noch nicht mal aus dem Einzelhandel kommen. Milena Glimbovski war vorher Grafikerin und Sara Wolf unter anderem für die UNO tätig.

Über 100 Kunden am Tag

Ein Sprung ins kalte Wasser, der belohnt wurde. Denn ganz offensichtlich haben die Frauen ihren Laden gut im Griff. Schon jetzt schreiben sie schwarze Zahlen. Für ein neu gegründetes Unternehmen ist das enorm. „Der Laden trägt sich und wir können am Ende des Monats ein kleines Plus verzeichnen“, so Wolf.

Dieses Ziel hatten Sara Wolf und Milena Glimbovski in ihrem Businessplan für Ende des Jahres vorgesehen. Ein Grund dafür ist sicherlich die recht konstante Besucherschaft. Über 100 Kunden kaufen täglich ein, mehr als im Konzept angedacht. „Am Wochenende kommt man kaum noch durch die Gänge“, so Wolf. Manche Kunden kämen jeden Tag.

Dahinter steckt jedoch sehr viel Arbeit. Allein das Hygiene-Konzept umfasste 60 Seiten. Das Amt kam auch schon vorbei zur Kontrolle – hatte aber nichts zu beanstanden. Inzwischen verläuft auch das Leben der beiden wieder in etwas geregelteren Bahnen. „Es bleibt noch immer viel zu tun, aber zumindest haben wir jetzt sonntags wieder frei“, sagt Wolf und schiebt lächelnd eine Gemüsekiste zurecht.