Die Anweisung ist unmissverständlich formuliert. „Sollte die Mutter vollverschleiert sein, können Sie sie darum bitten, sich auszuweisen.“ Der Satz stammt aus einem am Dienstag vorgestellten Handbuch für Lehrer. Es soll im Umgang mit muslimischen Schülern helfen, die dabei sind, sich zu radikalisieren oder sich gar dem Salafismus zuzuwenden. Getestet wird der Leitfaden an einer Grundschule in Neukölln.

Rita Schlegel hat täglich mit den Problemen zu kämpfen, die aus patriarchalischen Traditionen und religiösen Überzeugungen erwachsen. Seit mehr als drei Jahrzehnten arbeitet sie an der Hermann-Sander-Schule. Mittlerweile, so berichtet die Rektorin, gibt es 560 Kinder aus 30 Nationen an ihrer Schule, 92 Prozent davon mit Migrationshintergrund.

Oft müssen sich Schlegel und ihre Kolleginnen damit auseinandersetzen, dass selbst Grundschüler islamistische Attentate rechtfertigten, Mitschülerinnen auffordern, sich zu verschleiern oder Israel das Existenzrecht absprechen. Die jetzt vom Counter Extremism Project (CEP; Büros in New York und London) und der Brüsseler European Foundation for Democracy (EFD) erarbeitete Handreichung „Integration fördern, Radikalisierung erkennen“ soll die Neuköllner Lehrer in ihrem schwierigen Alltag unterstützen. An der Herstellung des Leitfadens war der ehemalige Präsident des Bundesnachrichtendienstes, Dr. August Hanning, beteiligt.

80 Prozent der Kinder bekommen Zuwendungen vom Staat

Behandelt werden insgesamt 26 Fragen, unter anderem zum Umgang mit Antisemitismus. Oder was zu tun ist, wenn eine Schülerin zwangsverheiratet werden soll. Wie reagieren, wenn einer zum Beispiel sagt:„Keiner weint für Bagdad oder Beirut, aber alle weinen für Paris“. Es geht um Rat in fachlich, rechtlich und emotional herausfordernden Situationen.

„Pädagogik bedeutet in diesen Fällen aushalten zu können, was für Meinungen Schüler zu diesen Themen vortragen. Eine gute Ausgangssituation ist, gemeinsam mit ihnen eine Debattenkultur zu schaffen, die auf gegenseitigem Respekt und einem festgelegten Regelwerk, inklusive Sanktionen, aufbaut“, so CEP-Direktor David Ibsen. Lösungen können sein, offen die Vollverschleierung der Mutter abzulehnen oder konsequent zu handeln, wenn das Kind aufgrund des Freitagsgebets die Schule schwänzt.

Ob der Leitfaden in Neukölln Erfolg hat, wird sich zeigen. Schließlich lebt der Bezirk seit Jahrzehnten mit verschiedensten Kulturen. Die in den vergangenen Jahren gestiegene Brisanz resultiert laut Schulleiterin Rita Schlegel vor allem aus der sozialen Herkunft der Schüler. „Über 80 Prozent der Kinder sind lehrmittelbefreit, das bedeutet, sie kriegen Zuwendungen vom Staat. Diese Kombination mit dem Migrationshintergrund ist das Besorgniserregende.“ Für sie ist vor allem „konsequentes Hingucken und die frühe Erziehung zur Demokratie“ wichtig. Schlegel ist der Meinung, dass Veränderungen der Kinder schnell bemerkt werden müssen, „um unmittelbar schauen zu können, was dahinter steckt“.

Einige schaffen es auszubrechen

Gefahren bestehen nach Einschätzung der Pädagogin schon im Kindesalter. Sie berichtet etwa von einem Mädchen, das sich plötzlich weigerte, im Musikunterricht mitzusingen. Es sei nicht gottesfürchtig, erklärte die Fünftklässlerin. Es stellte sich heraus, dass die Schülerin und ihre Eltern in einem von Sicherheitsbehörden beobachteten Moscheeverein aktiv sind. „Im Grundschulalter geht es nicht darum herauszufinden, wer sich in den nächsten Monaten einen Bombengürtel umbindet. Dennoch haben wir unsere Kontaktpersonen bei der Polizei und im Bezirksamt informiert.“

Schlegel und das Handbuch wollen Alternativen zur Radikalisierung zeigen. Etwa die, einen Beruf zu erlernen, zu studieren, oder nicht mit der Volljährigkeit viele Kinder zu bekommen. Rita Schlegel: „Einige schaffen es durch uns aus ihrem strengen Familienkontext auszubrechen und nach unserem Weltbild zu leben.“