Tourismus-Trend: Warum normale Berliner jetzt gefragte Reiseleiter sind

Geheimtipps für Bars, Clubs, Restaurants, private Berlin-Geschichten: Lokal-Kompetenz ist bei Touristen gefragt. Wer kann von diesem Trend profitieren?

Bitte dem Roten Schirm nach! Touristen am Brandenburger Tor.
Bitte dem Roten Schirm nach! Touristen am Brandenburger Tor.Imago

Eine Gruppe von Touristen läuft durch das Holocaust-Mahnmal in Berlin, währenddessen erzählt die Touristenführerin Hannah eine beinahe unglaubliche Geschichte: Sie handelt von zwei Teenagern – einem deutsch-jüdischen Mädchen und einem Jungen. Sie lernen einander vor 80 Jahren im Konzentrationslager in Riga kennen. Sie verlieben sich ineinander, fliehen gemeinsam unter abenteuerlichen Umständen, und als sie in Sicherheit sind, heiraten sie. Hannah sagt auf Englisch: „Sie haben einen Sohn bekommen, dieser Sohn war mein Vater.“

Alle in der Gruppe halten die Luft an. Es sind die persönlichen Geschichten und Verbindungen, die eine Tour an historische Orte interessant machen. Die Geschichte von ihr und Millionen anderer Familien zu erzählen, das ist für Hannah einer der Gründe, aus denen sie vor Jahren nach Berlin gezogen ist. Am Ende der Tour teilt sie mit den Gästen einen QR-Code, dahinter befindet sich ein Link zu einer Berlin-Landkarte, mit ihren ganz persönlichen Empfehlungen für die Stadt. „Sind gute Bars dabei?“, fragt einer der Touristen. Hannah nickt lächelnd und alle Gäste scannen den Code.

Annabelle E. bei der Arbeit: Sie weiß, wo es in Berlin langgeht.
Annabelle E. bei der Arbeit: Sie weiß, wo es in Berlin langgeht.Patrice Diaz.

Lokal-Kompetenz ist für Touristen bares Geld wert. Vor allem junge Menschen wollen oft nicht in solche Bars, die in Reiseführern empfohlen werden. Sie wollen dahin, wo Menschen sind, die genauso drauf sind wie sie selbst. Sie wollen den Lieblingsort, die Lieblingsbar, das beste Café. Tourveranstalter wie ToursByLocals, Withlocals oder City Unscripted wissen, dass Touristen genau dieses authentische Erlebnis suchen.

Matthijs Keij ist der CEO von Withlocals. Sein Unternehmen hat 15.000 Reiseleiter in Städten auf der ganzen Welt. Rund 35 Prozent von ihnen machen das hauptberuflich, haben eine Ausbildung. Der Rest macht es nur nebenher. „Reisende wollen einen einzigartigen Einblick in das Land bekommen“, sagt Keij, „sie wollen Orte sehen, die sie sonst nicht finden würden.“

Aus einem Koch wird ein Reiseleiter

Einheimische, die Touren als Nebenjob anbieten, sind ein Trend, der weltweit schnell wächst. Einer der Reiseleiter von Withlocals ist zum Beispiel eigentlich Koch, der in einem Restaurant arbeitet und deshalb viel über Essen in Berlin weiß. Aber es gibt auch Architekten, die sich gut mit Berlins Baugeschichte auskennen. „Manchmal sind es auch Studenten, die zwei oder drei Tage die Woche bei uns arbeiten“, sagt Keij.

Annabelle E. (37) hat Industriedesign studiert und als Designerin im Marketing gearbeitet. Doch nachdem sie von Paris nach Berlin zog, verliebte sie sich in die Geschichte der Stadt. „Du redest so viel, du wärst eine gute Reiseleiterin“, sagte einer ihrer Freunde hier vor zehn Jahren zu ihr. Dieser Satz blieb bei ihr hängen, denn jetzt hat sie ihren eigenen Tourismusbetrieb. Ihre beliebteste Tour führt die Menschen auf alternative Spuren: Sie zeigt weniger bekannte Orte, will auf Pfade von Berlins Geschichte hinweisen, die noch nicht so ausgetreten sind.

Annabelle hat einen „lokalen“ Blick, obwohl sie zugezogen ist. Genau wie Hannah aus den USA, die Menschen zur Holocaust-Geschichte viel erzählt. Viele Berlin-Guides sind nicht hier geboren oder aufgewachsen. „Ich hab schon meinen Berliner Freunden eine Führung gegeben“, sagt Annabelle, „weil ich manchmal mehr über ihre eigene Stadt weiß.“ Für sie ist die Stadt wie eine Schatzsuche, bei der sie an jeder Straße und Ecke neue und interessante Geschichten findet.

Hannah bei der Arbeit: Sie erklärt am Holocaust-Mahnmal auch die Geschichte ihrer Familie.
Hannah bei der Arbeit: Sie erklärt am Holocaust-Mahnmal auch die Geschichte ihrer Familie.Ode Maria Punamäe

Jahrelang machte Annabelle ihre Touren über die Stadtgeschichte als Nebenjob, bis sie anfing, ihre Touren auf der Plattform Airbnb anzubieten. „Es gibt dort eine Funktion ‚Experiences‘, die hat es mir ermöglicht, Vollzeit zu arbeiten“, sagt sie. Jetzt könne sie jeden Tag mehrere Touren machen, manchmal gibt es sogar zu viele Buchungen, aber mehr als eine Tour pro Tag sei für sie nicht möglich. Airbnb nimmt 20 Prozent des Preises, den die Reiseleiter festlegen, bei Tripadvisor sind es 25 Prozent.

Annabelle verlangt derzeit 49 Euro für eine Tour, die dreieinhalb Stunden dauert. „Ich verlange einen höheren Preis, aber ich habe kleinere Gruppen und die Leute, die kommen, achten auf Qualität“, sagt sie. Auf ihren Touren will sie nicht, dass sie allein spricht und alle anderen zuhören müssen. Eine Tour, das sei für sie vielmehr ein Gespräch, sagt sie. „Ich bin kein Roboter, der andere Roboter mitnimmt und ihnen jedes Mal die gleiche Geschichte erzählt.“ Sie beendet die Tour immer mit einem Getränk oder einer Mahlzeit, damit die Touristen nach weiteren Empfehlungen fragen können.

Als Airbnb im Jahr 2016 das Feature „Experiences“ einführte, löste dies eine Welle von immer spezifischeren und personalisierten Touren aus. Für jedes Thema gibt es lokale Spezialisten. Es gibt solche, die helfen, in die angesagten Clubs zu kommen. Andere wissen, wo es die beste japanische Pizza oder den besten Flohmarkt gibt. Manche Guides sind gleichzeitig Dogwalker und laufen mit zwölf Hunden im Grunewald herum. Wer die Angebote anschaut, sieht, dass es bei Touren längst nicht mehr nur um Architektur oder Geschichte geht.

Matthijs Keij von Withlocals bestätigt das: „Beim Tourismus geht es nicht mehr um Sightseeing, sondern um Erlebnisse. Je einzigartiger, desto besser.“ Wenn der Tourist bei Withlocals 100 Euro zahlt, gehen 70 Euro an den Guide und 30 Euro an das Unternehmen. Viele große Reiseveranstalter arbeiteten mit einem lokalen Anbieter zusammen und der wiederum mit einer kleinen Agentur. „Alle bekommen ein paar Euro“, sagt Keij, „für den Guide sind es also manchmal nur 10 oder 12 Euro.“

Aber wenn jeder Einheimische ein Reiseleiter werden kann, wie können die Touristen sicher sein, dass sie eine Tour bekommen, die ihr Geld auch wert ist? „Das ist die Millionen-Dollar-Frage“, sagt Keij. Seit Beginn haben sie bei Withlocals diesbezüglich viele Lektionen erhalten. Wenn der Guide zum Beispiel 20 Minuten zu spät komme, ist das schon der schlechteste Start. Die Leute geraten in Panik, sie fangen an, uns anzurufen. Keij hat aus solchen Fehlern gelernt und angefangen, die Guides auch selbst zu schulen. Aber wie bei Airbnb und Tripadvisor sei der effektivste Weg: die Bewertung durch Kunden.

Gehört der traditionelle Stadtrundgang in der großen Gruppe und dem Guide mit der roten Fahne vor dem Brandenburger Tor der Vergangenheit an? Annabelle glaubt das nicht: „Ich denke, dass das vor allem Leute buchen, die eher introvertiert sind.“ Nicht alle wollen interaktiv mit dem Guide sprechen. Manche Leute wollen einfach nur zuhören.

Ode Maria Punamäe ist eine Journalistin aus Estland und im Rahmen des IJP-Stipendiums zu Gast bei der Berliner Zeitung.