Neuer Trend: Coworking Spaces in Brandenburg werden immer beliebter

Im April hat Jungunternehmer Matthias Noack seinen zweiten Coworking Space in Potsdam eröffnet. Drei Monate später sind von den 50 Plätzen, die er in dem öffentlichen Großraumbüro anbietet, nur noch wenige frei.

„App-Entwickler, Web-Designer und andere IT-Leute haben sie gebucht“, berichtet der 31-jährige Inhaber und Geschäftsführer des Mietwerks. Mit so viel Zulauf habe er nicht gerechnet, sagt er.

Freiberufler, IT-ler und Kreative

Vor zwei Jahren hat Noack, der selbst IT-Spezialist ist, in der Potsdamer City seinen ersten Coworking Space gegründet – mit nur 18 Plätzen und zwei Meetingräumen. Das lief so gut, dass er expandierte. Coworking – das bedeutet einen Tisch mieten, dazu Internet, Drucker, immer frischen Kaffee erhalten und neben Fremden sein Tagwerk verrichten.

Wer nicht mehr als ein Laptop braucht, um arbeitsfähig zu sein, ist hier richtig. Und er wird Menschen treffen, die auf der gleichen Wellenlänge liegen: Freiberufler und Kreative, IT-ler und Mitarbeiter von Start-ups. Seit rund zehn Jahren gibt es die Spaces weltweit. Auch traditionelle Unternehmen schicken Teams dorthin, denn sie liegen bei jungen Mitarbeitern im Trend.

Arbeiten im Grünen

„Coworking Spaces nehmen in Brandenburg sichtbar an Bedeutung zu – und zwar weit über Potsdam hinaus“, sagt Steffen Kammradt, Sprecher der Geschäftsführung der Wirtschaftsförderung Land Brandenburg (WFBB). Vor allem die florierende Gründerszene des Lands suche ein Umfeld, in dem sie mit Gleichgesinnten umgehen könne.

„Das gibt einen zusätzlichen Impuls, mit anderen Gründern durchzustarten.“ Das Land fördert junge Start-ups aktiv mit Programmen wie „Gründung innovativ“. Diese seien so attraktiv, dass Berliner Gründer ihre Firmen in Brandenburg ansiedeln und nach Potsdam zum Arbeiten kommen, sagt Noack.

Kammradt berichtet, dass Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) kürzlich das Coconat, ein Coworking Space in einem alten Gutshof in Bad Belzig, besucht hat – und beeindruckt war. „Dort kann man im Grünen arbeiten, und das entspricht einem weiteren Trend“, sagt Kammradt. Das Coconat wirbt mit einem Arbeitsplatz mitten in der Natur im Kreise „inspirierender Menschen“, wie es auf der Webseite heißt.

Aus dem Home Office raus

Die Tendenz, sich aus der Großstadt raus zu orientieren, bestätigt auch Benjamin Rüggeberg, Inhaber des Think Space, eines kürzlich eröffneten Coworking Spaces im ehemaligen Stadtgut Buch, unmittelbar an der Landesgrenze Berlin-Brandenburg. Der 45-Jährige kam auf die Geschäftsidee, als er feststellte, dass viele Menschen aus dem Umland nach Berlin zu Coworking Spaces pendeln. Warum also ihnen nicht ein Angebot vor Ort machen?

„Viele sind junge Eltern und wollen aus dem Home Office raus, um das Kinderzimmer mal Kinderzimmer sein zu lassen. Sie wollen außerdem mit anderen interagieren“, sagt er. Einen Monat nach dem Start des Unternehmens hat Rüggeberg schon erste Anmeldungen „von Leuten, die sonst aus Bernau nach Berlin pendeln, aber auch aus Buch“. Ein Tisch kostet bei ihm als fester Büroplatz 160 Euro im Monat, als flexibler Platz 120 Euro, eine Zehnerkarte ist für 100 Euro zu haben.

„Ein bisschen ab vom Schuss“

Damit liegt er deutlich unter dem Niveau in der Berliner City, wo schon mal 350 Euro für einen festen Schreibtisch fällig werden. Coworking in Brandenburg ist eben auch finanziell interessant. Rüggeberg hofft auf junge Kreative, die Lust haben, an seinem Projekt mitzuarbeiten, einer Online-Messe für sozial und ökologisch nachhaltige Lifestyle-Produkte.

Einen ähnlichen Traum verfolgte Sven Forgber, Coworking-Space-Inhaber aus Oranienburg. Er eröffnete das Ospace vor einem Jahr, hat aber bisher noch keine Mieter für die angebotenen Tische gefunden. Sein eigenes Start-up baut intelligente Kühlschränke, die Büromitarbeiter rund um die Uhr mit frischen Suppen, Salaten oder Snacks versorgen.

„Wir wollten anderen Start-ups die Möglichkeit geben, sich uns anzuschließen“, sagt Forgber. Vielleicht liege Oranienburg „ein bisschen ab vom Schuss“, fügt er hinzu. Noch hat der Trend offenbar nicht jede Ecke des Bundeslands erreicht.

Prominente Unterstützung aus Berlin

Das nächste größere Projekt wird im Herbst in Frankfurt (Oder) eröffnet. Der Blok O entsteht zurzeit im ehemaligen Kinderkaufhaus an der Karl-Marx-Straße 182 in der Frankfurter Innenstadt. Die Idee des Coworking Space hat prominente Unterstützung aus Berlin. Der wohl bekannteste Space aus der Hauptstadt, das St. Oberholz vom Rosenthaler Platz, hat die Inhaber beraten und wird das Unternehmen übergangsweise betreiben.

Am Sonnabend lädt das Blok O die Frankfurter beim Hansestadtfest Bunter Hering, ein sich umzuschauen. Sieben Teamräume für Teams mit bis zu sechs Leuten und eine offene Fläche mit 30 Arbeitsplätzen entstehen. „Wir rechnen damit, dass 120 bis 150 Leute Mitglied werden“, sagt Tobias Kremkau, Manager des St. Oberholz und Berater der Sparda-Bank, der das Space in Frankfurt (Oder) gehört.

Zusammenarbeit fördert die Kreativität

Kremkau ist überzeugt, dass Coworking Spaces in Brandenburg am richtigen Platz sind. „Sie sind im ländlichen Raum relevanter als in der Großstadt“, sagt er. In Berlin könne man immer auch ins Café oder in die Bibliothek ausweichen, doch auf dem Land erfüllten sie eine wichtige Aufgabe.

„Das sind Räume, in denen ich mit anderen Leuten zusammenkomme“, sagt Kremkau. Aus diesen Treffen entständen unerwartete Geschäftsideen. Im St. Oberholz habe kürzlich ein Modedesigner erfolgreich auf Parfum-Unternehmer umgesattelt, nachdem er mit anderen Coworkern ins Gespräch kam. „Das wäre ihm in einer Bibliothek nicht passiert“, sagt dazu Kremkau.