Berlin - Gerhard Krause hätte eigentlich schon längst in Rente sein können. Er wird bald 67 Jahre alt, doch die Entwicklung einer U-Bahn der neuesten Generation wollte er unbedingt noch zu Ende führen. Deshalb hat er beim Berliner Fahrzeugbauer Stadler in Pankow noch zwei Jahre drangehängt. Dort ist er der Projektleiter für die neuen U-Bahnzüge und für deren elektrotechnische Ausrüstung verantwortlich. Der Prototyp ist jetzt fertig, die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) haben ihn am Dienstag im Bahnhof Olympiastadion erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. „Die Technik funktioniert. Der Zug ist sehr schön geworden. Er gefällt mir“, sagt Krause.

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Modernes Design

Die neue U-Bahn erkennt man leicht, denn die Wagen sind nach außen leicht gewölbt und wirken schon dadurch viel moderner als die alten Züge, die seit Jahrzehnten auf den Linien U1 bis U4 meist ziemlich rumpelig unterwegs sind. Die neuen Wagen sind zehn Zentimeter breiter – zusätzlicher Platz für die Fahrgäste, die dadurch etwas mehr Komfort haben.

Auch innen hat sich einiges geändert. In jedem Wagen gibt es Mehrzweckbereiche für Rollstühle, Kinderwagen und Fahrräder. Dafür fallen zwar vier Sitzplätze weg, die werden aber durch fest installierte Sitze an den Übergängen von Wagen zu Wagen kompensiert. Zur Ausstattung gehören auch LED-Beleuchtung sowie neue Informationssysteme für die Fahrgäste, erklärt Designer Nils Krüger vom Büro+Staubach aus Kreuzberg.

Der erste Zug besteht zunächst aus vier Wagen, in einem Monat liefert Stadler einen weiteren Zug. Alles werde dann „auf Herz und Nieren getestet“, sagt BVG-Chefin Sigrid Evelyn Nikutta. Die Bremsen werden geprüft, ebenso das Zusammenspiel mit den Signalanlagen in den Tunneln, der Funkverkehr, die Zuverlässigkeit der Technik.

Sind die Tests erfolgreich und die Technische Aufsichtsbehörde erteilt die Zulassung, sollen in drei Monaten die Berliner mit dem Vorserienzug fahren können. Die Entwickler wollen dann die U-Bahn im Alltagsbetrieb prüfen. Im ersten Jahr sollen die Wagen 120.000 Kilometer durch die schmaleren Tunnel der Linien 1 bis 4 fahren, sagt die BVG-Chefin. Später sollen voraussichtlich 34 Züge mit je vier Wagen bestellt werden und 2017 in Betrieb gehen.

Kritik an den harten Schalensitzen

Schon vor gut zwei Jahren hatte der BVG-Aufsichtsrat beschlossen, neue U-Bahnen zu kaufen, sie werden vom Land finanziert. Nach einer Ausschreibung erhielt Stadler den Auftrag über 158 Millionen Euro. Geschäftsführer Ulf Braker ist stolz, dass die „ Fahrzeuge von Berlinern für Berliner gebaut werden“. Bisher hat Stadler vor allem Straßenbahnen für deutsche Städte produziert, nun ist es die erste U-Bahn.

Ob sich die Berliner allerdings mit den harten Schalensitzen aus Kunststoff, die mit Stoff beklebt wurden, anfreunden werden, darf bezweifelt werden. Jens Wieseke vom Fahrgastverband IGEB erneuerte am Dienstag seine Kritik an den ungepolsterten Sitzen. „Es sind jetzt noch zwei Jahre Zeit, um zu sehen, was noch verbessert werden kann.“

Viel wichtiger aber ist Wieseke, dass nun auch für die breiteren Wagen der Linien U5 bis U9 neue Züge angeschafft werden. „Trotz einiger Modernisierungen kommt die U-Bahn-Flotte ans Ende ihres Lebensalters.“

Das weiß auch Ingenieur Gerhard Krause. Schließlich fahren auf der U2 noch die gelben DDR-Züge Marke Gisela, die er vor 44 Jahren in Hennigsdorf mitentwickelt hat. Seit 1975 fahren sie durch Berlin. „Damals hatten wir keine Ahnung vom Aluminiumleichtbau. Auch Kupplungen mussten wir beschaffen.“ Heute sei die Technik ausgereifter. Und dass die Tests erfolgreich sind, daran besteht für Krause kein Zweifel. Im Juni will er in Rente gehen.