Berlin - Alexander Kaczmarek wundert sich. „Der Fahrplanwechsel an diesem Sonntag hat den Berlinern einen Halbstundentakt nach Hamburg beschert, und es gibt jetzt auch mehr Direktverbindungen von Berlin nach Bonn. Doch man interessiert sich nur für den Zug nach Krakau“, sagt der Konzernbevollmächtigte der Deutschen Bahn (DB) für Berlin. Das gilt allerdings auch für ihn selbst. Zusammen mit Fotografen, Mitgliedern des Fahrgastverbands Pro Bahn und anderen Fans steht Kaczmarek an Gleis 11 des Berliner Hauptbahnhofs. Gemeinsam verfolgt das Grüppchen, wie sechs Jahre nach der Einstellung des Vorgängerzugs der neue Eurocity „Wawel“, benannt nach der Krakauer Burg, erstmals nach Polen abfährt. Doch der Neustart am dritten Adventssonntag, pünktlich um 10.37 Uhr, fällt in eine denkbar ungünstige Zeit.

Auch Jürgen Murach, Mitarbeiter der Senatsverkehrsverwaltung, ist gekommen. Als sich der alte „Wawel“ am 13. Dezember 2014 zum letzten Mal auf den Weg machte, war er ebenfalls dabei – mit anderen Trauergästen aus Politik und Wirtschaft. „Kein schöner Tag“, erinnert sich Murach. An seinem letzten Tag hatte der verspätete Eurocity EC 249 nur zwei Wagen, vier der acht Türen waren als unbenutzbar gekennzeichnet. In einem Wagen funktionierte die Heizung nicht, drei von vier Toiletten waren verriegelt. Nach 161 Jahren gab es keinen durchgehenden Fernzug zwischen Berlin und Schlesien mehr.

Foto: Volkmar Otto
Ein alter Bekannter kehrt auf die Anzeigetafeln im Berliner Hauptbahnhof zurück. Doch touristische Reisen sind wegen Corona nicht möglich. In Polen sind zudem Hotels und Restaurants geschlossen.

Der frühere Nachtzug auf dieser Route war bereits 2009 eingestellt worden. Doch auch der schleichende Tod des tagsüber fahrenden Eurocitys stand für die Probleme, unter denen der grenzüberschreitende Schienenverkehr bis heute leidet. Fernbusse, für die keine Trassengebühren fällig werden, machen der Bahn mit Billigtickets Konkurrenz. Im Fall des alten „Wawel“ mischte auch die DB mit, deren Intercity-Busse schneller als der Zug parallel zu dessen Route unterwegs waren. Der Flugverkehr, der dank Steuervorteilen Tickets ebenfalls günstiger kalkulieren kann, trug zum Niedergang bei.

Damit nicht genug: Ein Teil der Strecke östlich von Forst, die der Zug seit 2002 befuhr, war marode und nur mit Tempo 40 nutzbar. Weil dort auch keine Fahrleitung hing, musste umgespannt werden – der Lokwechsel verlängerte die Reisezeit zusätzlich. Als  die polnische Bahn PKP, die für diesen Fernzug Zuschüsse erhielt, den Zuglauf 2012 verkürzte und den Eurocity nach Breslau zurückzog, beschleunigte sich der Abwärtstrend bei den Fahrgastzahlen. Der Speisewagen wurde abgeschafft. In den letzten Tagen des alten „Wawel“ saßen täglich im Schnitt nur 40 bis 60 Fahrgäste in den kurzen Zügen, die über die Oder hinweg trödelten. Je 140 Fahrgäste würden benötigt, damit sich das Angebot halbwegs rechnet, hieß es. Nicht einmal zwei Jahrzehnte nach der Premierenfahrt war der Eurocity entbehrlich geworden. Bei der Abschiedsfahrt nach Polen 2014, bei der außer einer 30-köpfigen Trauergemeinde rund 60 echte Fahrgäste dabei waren, wurde der jährliche Verlust auf rund 750.000 Euro beziffert.

In sieben Stunden und 14 Minuten ans Ziel

Doch in Berlin und Brandenburg wollte man nicht hinnehmen, dass es tagsüber keine direkte Verbindung von dort nach Breslau und Krakau mehr gab, sagte Jürgen Murach am Sonntag. „Wir haben immer wieder Druck gemacht.“ Der seit zwei Jahren bestehende neue Nachtzug von Berlin über Breslau nach Wien, der Wagen nach Krakau und ins südostpolnische Przemysl an der Grenze zur Ukraine mitführt, ließ weiteres Nachfragepotenzial in diese Richtung erahnen. Und so gibt es in Polen nun wieder staatliche Zahlungen für den „Wawel“.

Um zusätzliche Gebiete zu erschließen, fährt er wie zu Anfang über Zielona Góra, das einstige Grünberg – eine Universitätsstadt mit mehr als 140.000 Einwohnern. Auch Legnica, das frühere Liegnitz in Mittelschlesien, steht auf dem Fahrplan. Weil Bahnstrecken erneuert wurden, ist der Eurocity EC 57 nun schneller unterwegs. Von Berlin nach Breslau braucht er laut Fahrplan vier Stunden und 13 Minuten: Nach Krakau sind es sieben Stunden und 14 Minuten – drei Stunden weniger als früher. Einen Speisewagen hat die polnische Zuggarnitur auch. In Kattowitz gebe es Anschluss in die Slowakei, berichtete Jürgen Murach.

Am Sonntagvormittag, als die Lok und die sieben Wagen zur Premierenfahrt aufbrachen, einigten sich Bund und Länder auf weitere Corona-Beschränkungen – und den erneuten Aufruf, von nicht zwingend notwendigen Reisen abzusehen. Bei der ersten Fahrt ab Berlin war nur rund ein Dutzend Fahrgäste an Bord. „Der Zug kann zunächst nicht für rein touristische Zwecke genutzt werden“, so der Senat. Doch es gilt das Prinzip Hoffnung: „Nach dem Ende der Einschränkungen steht der ‚Wawel‘ allen Reisenden als schnelle und komfortable Verbindung nach Südpolen zur Verfügung.“ Fragt sich nur, wann das so sein wird.