Neues Verkehrsexperiment: Das ist Berlins erster überdachter Radweg 

In Zukunft soll sich die Radbahn von Ost nach West durch Berlin ziehen. Doch wie fühlt sie sich an? Das kann man jetzt bis Sonntag in Kreuzberg besichtigen.

Willkommen auf dem Testfeld der geplanten Radbahn in Kreuzberg. Unter dem Viadukt der U1 sind Sitzgelegenheiten, eine Ausstellung und andere Elemente aufgebaut worden.
Willkommen auf dem Testfeld der geplanten Radbahn in Kreuzberg. Unter dem Viadukt der U1 sind Sitzgelegenheiten, eine Ausstellung und andere Elemente aufgebaut worden.Berliner Zeitung/Peter Neumann

Laute Musik tönt aus einem Autoradio. Ein Lkw-Motor heult auf. Jemand hupt. Es gibt ruhigere Orte als der Mittelstreifen der Skalitzer Straße. Links und rechts tobt der Kraftfahrzeugverkehr. Auf dem Viadukt, das sich dazwischen durch Kreuzberg zieht, donnern U-Bahnen über die Gleise. „Ja, es ist laut“, ruft Matthias Heskamp in den Lärm hinein. „Und ja, dieser Ort ist unwirtlich.“ Doch der Planer und seine Mitstreiter glauben, dass er sich in ein attraktives Stück Stadt verwandeln lässt. Bei den Aktionstagen, die nun begonnen haben, wollen sie zeigen, wie die künftige Radbahn unter dem Viadukt aussehen könnte. Das „Reallabor“ ist das jüngste Berliner Verkehrsexperiment.

Radbahn: So heißt der Plan, eine Radroute zu schaffen, die rund neun Kilometer weit vom Bahnhof Zoo in Charlottenburg zur Oberbaumbrücke in Friedrichshain führt. Doch hier geht es nicht nur darum, Berlins ersten überdachten Fahrradweg zu schaffen, sondern auch um die Neugestaltung eines Teils der Stadt. Im Zentrum steht der Platz unter dem Hochbahnviadukt der U1, der bislang brach liegt, zum Abstellen von Autos oder von Wohnungslosen genutzt wird. Er soll ein schöner, angenehmer Ort werden.

Eine raue Berliner Idylle

Eine aufgemotzte schwarze Limousine rast viel zu schnell über die Skalitzer Straße. Wieder donnert eine U-Bahn über die stählerne Konstruktion auf dem Mittelstreifen. Kleckse von Taubenkot bedecken die Pflastersteine darunter. Man muss mindestens ein Optimist, wenn nicht sogar ein Idealist sein, um dieser rauen Berliner Idylle etwas Gutes abzugewinnen und Potenziale zu erkennen.

Matthias Heskamp, der zum Start der Aktionstage unweit des U-Bahnhofs Görlitzer Bahnhof noch einmal nach dem Rechten schaut, ist zuversichtlich. „In einigen Jahren werden in Berlin nicht mehr so viele Autos fahren“, sagt er. „In 20 Jahren haben wir es dann geschafft.“ Dann werden die jahrelangen Bemühungen der Menschen, die für eine Mobilitätswende eintreten, Früchte tragen, hofft Heskamp, der sich auf seinem LinkedIn-Profil Architekt und Visionär nennt. Das Experiment, das bis Sonntag dauert, soll Interessierten einen Blick in die Zukunft von Berlin gewähren.

„Ronan, der kopflose Radfahrer“

„Seit sieben Jahren befassen wir uns mit der Radbahn. Jetzt können die Menschen endlich erleben, was wir uns vorstellen“, so Heskamp. Die Vision sei nun im Stadtraum sichtbar. Ein knapp 200 Meter langer Abschnitt des Mittelstreifens, der sich unweit der Kreuzung Oranienstraße unter dem Viadukt erstreckt, ist zu einem Testfeld geworden. Links und rechts des gepflasterten Weges, den sich Radfahrer und Fußgänger teilen, wurden Sitzgelegenheiten aufgestellt. Farbige Abfalleimer ermöglichen die Trennung des Mülls. Fahrradbügel warten auf Zweiräder. Eine Ausstellung informiert über das Radbahn-Projekt. Bis Sonntag gibt es Programm – Musik, Führungen, Diskussionen, DJs legen auf. „Ronan, der kopflose Radfahrer“ heißt eine Veranstaltung für Kinder.

„Ich finde es gut, dass hier endlich etwas in Gang kommt“, sagt eine Radfahrerin, die sich zaghaft durch das Testfeld bewegt. Für eine Radverkehrsanlage, die dem Berliner Mobilitätsgesetz entspricht, ist der Weg unter der Hochbahn zu schmal. Joshua Dann musste sich deswegen schon Kritik anhören. Der junge Mann ist Teil des Teams, das zwei frühere Autostellplätze bepflanzt hat. Die Steine wurden aufgenommen und gestapelt, aus ihnen sollen Sitzgelegenheiten werden. Wo sie einst lagen, sprießt Grün aus dem entsiegelten Boden. Doch er bekam zu hören, dass die Pflanzen die Sicht versperren wurden, erzählt Dann. „Andere befürchten, dass sie in die Fahrbahn hineinwachsen.“ Und natürlich sei der Verlust von Parkplätzen beklagt worden.

Matthias Heskamp, einer der Radbahn-Planer, erklärt Besuchern des Testfelds die Ausstellung zu dem Projekt.
Matthias Heskamp, einer der Radbahn-Planer, erklärt Besuchern des Testfelds die Ausstellung zu dem Projekt.Berliner Zeitung/Peter Neumann

Der Zimtahorn, die Traubenkirsche, die Gemeine Felsenbirne, der Kanadische Judasbaum und all die anderen Pflanzen bleiben über den Sonntag hinaus stehen. „Die Entsiegelung bleibt“, kündigt Clara Herrmann an. Autos werden dort nicht mehr parken können. Die Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg ist zu diesem Termin mit dem Rad gekommen. Es gehe darum, die Mobilitätswende voranzutreiben und grüne Oasen zu schaffen, sagt die Grünen-Politikerin. „Wenn man sich in anderen Städten auf der Welt umschaut, dann sieht man, dass das nicht unmöglich ist.“

Das Hallesche Ufer soll autofrei werden

Herrmann erinnert an den Plan, auch einen anderen Teil des Bezirks wirtlicher zu gestalten. Das Hallesche Ufer, heute noch eine stark befahrene Straße, soll am Mehringplatz ebenfalls ein grüner Bereich werden. Das Bundesbauministerium will das Projekt, am Landwehrkanal eine 600 Meter lange Promenade für Fußgänger und Radfahrer zu schaffen, mit 2,95 Millionen Euro fördern. Da es sich allerdings um eine Bundesstraße handelt, sei aber auch das Verkehrsministerium zu beteiligen. Die Umgestaltung könne noch einige Zeit auf sich warten lassen, sagte Herrmann.

Währenddessen hoffen Matthias Heskamp und seine Leute, dass sich ihr nächstes Vorhaben im kommenden Jahr umsetzen lässt: Westlich vom heutigen Testfeld, rund um die Kreuzung Mariannenstraße, soll im Sommer 2023 eine Teststrecke für die Radbahn eingerichtet werden. Sie soll deutlich länger bestehen bleiben als das jetzige Reallabor.

Vorher – nachher: Der Plan für die Radbahn. So könnte es unter dem U-Bahn-Viadukt in Kreuzberg aussehen.
Vorher – nachher: Der Plan für die Radbahn. So könnte es unter dem U-Bahn-Viadukt in Kreuzberg aussehen.Paper Planes e.V., Berlin/Radbahn

Nachts wird das Testfeld bewacht. In dieser Zeit liegen lange Papierbahnen auf dem Weg unter dem Viadukt. Dort, wo sich die Tauben aufhalten, schützen sie das Pflaster vor Kotklecksen. Die Vögel oder besser gesagt ihre Hinterlassenschaften seien ein Problem, sagen die Planer. „Wir wollen den Aufenthalt für die Tauben etwas schwerer machen“, erklärt Matthias Heskamp. Ein Gel, das sie nicht gern riechen, wäre eine Möglichkeit. 

In Sichtweite, vor der U-Bahnstation Görlitzer Bahnhof, haben Wohnungslose neun Zelte aufgestellt. Dort ist unter der Hochbahn schon vor Längerem eine kleine Wohnstadt mit Sitzgruppe entstanden. Jemand hat eine Vase mit einem Blumenstrauß aufgestellt. So lässt sich der Mittelstreifen der Skalitzer Straße auch nutzen.