Berlin - Hinterm Zaun staubt es, Bauarbeiter tragen Kabel, Farbeimer und Gehwegplatten. „Das schaffen die nie“, murmelt ein älterer Herr mit Blick auf das Plakat an der Fassade: Darauf ist für den 4. April um 11 Uhr die Eröffnung angekündigt. Bis Mittwoch kommender Woche soll aus der Riesen-Baustelle am U-Bahnhof Schlossstraße in Steglitz ein Riesen-Shoppingcenter werden. Der Boulevard Berlin, wie die Duisburger Multi Development GmbH ihr Projekt nennt, wird Berlins 60. Einkaufszentrum und mit 160 Geschäften auf 76 000 Quadratmetern das zweitgrößte der Stadt. Nur die Gropius Passagen in Neukölln (85 000 Quadratmeter) sind größer.

Für seine 390 Millionen Euro teure Investition hat das Unternehmen nicht nur das alte Wertheim-Warenhaus abgerissen und mit historischer Fassade neu errichtet. Auch Teile der Treitschkestraße wurden zur überdachten Ladenpassage, mit Übergängen zum Karstadt-Kaufhaus, das nach Sanierung und Erweiterung bereits am gestrigen Donnerstag wieder eröffnet wurde. Auch Karstadt und die Abteilung Karstadt-Sport, die aus dem Forum Steglitz geholt wurde, gehören zum Boulevard Berlin. „Wir sind überzeugt, dass die Toplage Schlossstraße jetzt überregional noch mehr an Bedeutung gewinnt“, sagt Kaufhaus-Chef Volker Pesarese.

Nicht jeder ist begeistert

Der Boulevard Berlin komplettiert eine einzigartige Konzentration von Shopping-Centern und Kaufhäusern: Entlang der rund zwei Kilometer langen Schlossstraße gibt es mehr als 200 000 Quadratmeter Verkaufsfläche, die größte Ballung berlinweit. Jedes Haus zwischen Walther-Schreiber-Platz und Rathaus Steglitz hat im Erdgeschoss mindestens ein Geschäft. „Die Schlossstraße ist die stille Zweite hinter dem Kudamm“, sagt der Chef des Einzelhandelsverbandes Berlin-Brandenburg, Nils Busch-Petersen. Sie sei eine „starke Meile“ für die kaufkraftstarke Kundschaft im Südwesten bis nach Potsdam.

Doch nicht jedem gefallen die Veränderungen. „Sind doch kaum noch richtige Fachgeschäfte hier, nur noch Filialisten“, sagt ein Mann am Imbiss. Auch Petra Aengeneyndt, Inhaberin von Wäsche-Elfi, sagt das. Sie beklagt vor allem den Rückgang „bürgerlich-hochwertiger“ Läden. Institutionen wie Delikatessen-Nöthling hätten aufgegeben, nach 60 Jahren sei auch der Schreibwarenladen Schmidt-Hagius weggezogen.

Wer wissen will, wie es an der Schlossstraße früher aussah, der ist bei Wäsche-Elfi richtig: In dem 25 Quadratmeter kleinen Geschäft mit der winzigen Umkleidekabine wurde in 60 Jahren fast nichts verändert. Kassenzettel werden noch immer per Hand geschrieben, in aufeinander gestapelten grauen Hartpappe-Kartons ist ein Großteil der Waren aufbewahrt. Dinge, die es sonst kaum noch gibt, wie Petra Aengeneyndt sagt: Bettjacken, Korseletts oder Hüfthalter, die vornehmlich von älteren Damen gekauft werden. Kunden, die Nachthemden für über 100 Euro schätzen, kommen aus Zehlendorf, aber auch aus Kanada, Norwegen und Israel.

Noch sind einige Ladenflächen frei

Nur mit Nischenprodukten, sagt Waltraut Schneider, Inhaberin von Uhren Philip gegenüber, komme man als kleiner Händler gegen die großen Ketten an. Sei es besondere Wäsche, edles Porzellan, frisches Ökobauernbrot, hochwertige Kinderkleidung oder exklusives Techniksortiment: „Wer etwas Besonderes anbietet, zieht Kunden an.“ Und wo viele Anbieter sind, wollen andere auch hin. Dies bestätigt Verbandschef Busch-Petersen: „Von einer Mischung aus preiswert und edel, von großen Centern und kleinen Läden, leben Einkaufsstraßen.“

Doch vor einer weiteren Expansion an der Schlossstraße wird gewarnt. Noch mehr Verkaufsfläche sei dort nicht verträglich, sagt der Bürgermeister von Steglitz-Zehlendorf, Norbert Kopp (CDU). Denn längst nicht alle können Gewinner sein. So wird das Schloss 110 an der Schildhornstraße bald halb leer stehen, weil Saturn zum Boulevard Berlin und Intersport ins Forum Steglitz wechseln. Für Busch-Petersen normale Entwicklungen, die auch Chancen böten. Auf eine solche wartet das Schloss-Straßen-Center am Walther-Schreiber-Platz seit Jahren. Das einstige Hertie-Haus ist zu klein und zu unübersichtlich. Jetzt wird es umgebaut, ein irischer Textilanbieter mit einem ähnlichen Sortiment wie H&M soll frischen Wind und Kundschaft bringen.

Auch beim neuen Boulevard Berlin bleibt noch einiges zu tun, selbst nach der Eröffnung: Erst rund 85 Prozent der Läden sind vermietet, und ein Großteil der Imbiss-Meile wird erst im Sommer fertig.