Potsdam - Freies Land“ hieß der „Tatort“, der am Sonntag im Fernsehen lief. Darin ging es um eine Gruppe renitenter „Reichsbürger“, die ihr eigenes Reich an der deutsch-tschechischen Grenze gegründet haben und sich Behörden verweigern. Einen solchen Zusammenschluss sogenannter Reichsbürger kann sich Dirk Wilking vom brandenburgischen Institut für Gemeinwesen nicht vorstellen. Dafür seien die Menschen aus dieser Szene nicht gruppenfähig genug. Der Film habe aber dennoch das Phänomen „Reichsbürger“ ganz gut dargestellt, auf das Brandenburg im Gegensatz zu anderen Bundesländern sehr frühzeitig reagiert habe.

Wilking ist Herausgeber der dritten Auflage des Handbuchs „Reichsbürger“, das an diesem Dienstag im Potsdamer Innenministerium vorgestellt wurde und das vor allem ein 300-Seiten-Ratgeber sein soll – für Verwaltungen, Gerichte und Behörden im Umgang mit „Reichsbürgern“. Denn die Szene wächst und hat es vor allem auf Behörden abgesehen, die sie mit Schreiben und absurden Geldforderungen von bis zu 500 Billionen Dollar überschütten. Die ersten beiden Auflagen waren nach nur zwei Wochen vergriffen.

Zahl der Straftaten ist angestiegen

Wurden voriges Jahr in Brandenburg noch 440 „Reichsbürger“gezählt, sind es derzeit 600, sagt Verfassungsschutz-Chef Frank Nürnberger. Diese Menschen lehnen die freiheitlich-demokratische Grundordnung und damit die Bundesrepublik und ihre Behörden ab, zahlen oftmals keine Steuern oder Ordnungsstrafen. Sie basteln sich Reichspässe und Reichsführerscheine.

Auch die Zahl der Straftaten der „Reichsbürger“ ist angestiegen. Zählte die Polizei 2012 insgesamt elf Delikte, so waren es voriges Jahr 70. 2018 sind es bereits 17 Straftaten. Dabei gehe es von der Widerstandshandlung, über die Bedrohung bis hin zur Körperverletzung, sagt Olaf Berlin vom Landeskriminalamt.

Besonders sei ihm ein Fall vom Februar 2017 in Erinnerung. Damals wollte ein Gerichtsvollzieher bei einem 43-jährigen „Reichsbürger“ wegen ausstehender Zahlungen pfänden. Er nahm zwei Polizisten zur Unterstützung mit. In der Wohnung trafen man nur die Lebensgefährtin des 43-Jährigen an, der Gerichtsvollzieher nahm elektronische Geräte mit. Er wurde später von dem „Reichsbürger“ im Auto verfolgt, ausgebremst, bedroht und genötigt, die gepfändeten Gegenstände wieder herauszurücken.

In Brandenburg wurden 39 Waffen beschlagnahmt

In Deutschland gibt es rund 18.000 „Reichsbürger“ und 35 Gruppen mit selbsternannten Kanzlern, die oft Menschen in finanzieller oder psychischer Notlage ins Milieu „verführen“, dabei abzocken und dann fallen lassen, sagt Kriminalpsychologe Jan-Gerrit Keil, ein Autor des Ratgebers. „Die Menschen, die in dieses Milieu abgleiten, schaffen sich eine Binnenwelt.“

Seit 2016, als im fränkischen Georgensgmünd und im sachsen-anhaltinischen Reuden „Reichsbürger“ Polizisten erschossen beziehungsweise schwer verletzt haben, wurden in Brandenburg bei 25 Menschen aus der Szene 39 Waffen beschlagnahmt. 26 dieser Waffen wurden bestandskräftig entzogen. Bei den übrigen 13 Waffen ist das Verfahren noch nicht abgeschlossen.

Wie soll man mit einem Reichsbürger umgehen?

Reichsbürger sind nach Angaben von Wilking in der Regel zwischen 40 bis 50 Jahre alt und haben meist zerstörte Familienbiografien. Unter ihnen seien viele Bankrotteure. Die Szene sei teils rechtsradikal, es gebe auch Verschwörungstheoretiker und rational nicht erreichbare Esotheriker. Aufgefallen sei ihm die Szene, als die Grenze zu Polen noch kontrolliert wurde. Feuerwehrleute im Kreis Oberspreewald-Lausitz hätten sich zu Geburtstagen Reichsführerscheine geschenkt und gewettet, ob sie es so über die Grenze schaffen.

Im „Tatort“ las der Mordermittler Ivo Batic aus einem Heft seinem Kollegen vor, wie sie sich im Umgang mit Reichsbürgern verhalten sollten. „Jeder missionarische Eifer im Sinne einer Gegenreformation hat in jedem Fall zu unterbleibe“, sagte er. Der Rat stammt aus dem Handbuch aus Brandenburg.

Das Handbuch ist kostenlos und kann beim Verfassungsschutz bestellt werden. Eine Adresse und ein kostenloser Download des Ratgebers ist auf der Internetseite mik.brandenburg.de zu finden.