Was für eine Karriere: Einst empfing der niedrige, vom Architektenbüro Fehling-Gogol-Pfannkuch entworfene Pavillon am S-Bahnhof Tiergarten mit vorwitzig geknickter Waschbetonwand, weit auskragendem Dach, den großen Fenstern und dem intimen Gartenhof die Besucher aus aller Welt zur Internationalen Bauausstellung von 1957, zur Interbau.

Dann vergammelte der Pavillon als Rumpelkammer des Senats, diente notdürftig für Ausstellungen, als Debattenhalle. Aber seit zwölf Jahren ist der heitere Bau das wohl schönste Burger-Restaurant der Stadt, beliebt bei Besuchern des Flohmarkts am 17. Juni, Spaziergängern, Studierenden der TU. Und wieder treffen sich hier Gruppen aus aller Welt, die das Neue Hansaviertel erforschen wollen, diese weltweit einzigartige Mustersammlung erstklassiger Wohnhausarchitektur des ersten Nachkriegsjahrzehnts.

Vor ziemlich genau 60 Jahren eröffnete die Interbau 57, für die das Neue Hansaviertel errichtet wurde. Ab Sonnabendmittag wird deswegen auf dem Hansaplatz gefeiert, mit Bürgerfest, Rede des Regierenden Bürgermeisters, Architekturführungen. Und ab Sonntag treffen sich Forscher aus aller Welt in der Akademie der Künste, um zu debattieren, was hier denn so besonders ist – und was dieses Viertel mit seinem exakten ideologischen, ästhetischen und städtebaulichen Gegenstück verbindet, der einstigen Stalin- und heutigen Karl-Marx-Allee.

Termitensicher in Tiergarten

Seit 1953 planten 49 Architekten insgesamt 39 Bauten für die Interbau 57, ein Drittel von ihnen waren Ausländer, und alle die Besten ihres Fachs: Die niedrigen Bauten des Berliners Max Taut und des Wieners Franz Schuster ließen noch den Geist des Neuen Bauens der 20er-Jahre spüren. Oscar Niemeyer brachte mit seinem auf breite V-Stützen gestellten Haus – angeblich soll es termitensicher sein! – die Euphorie des sonnendurchglühten Brasilias ins regnerische Berlin. Werner Düttmanns zierliche Hansa-Bibliothek ist von britischen Idealen der Breitenbildung geprägt, genau wie seine breit gelagerte Akademie der Künste. Und in den Einzelwohnbauten lebte der Expressionismus der Scharoun-Schule auf.

Bedeutend war neben dem deutschen vor allem der skandinavische Beitrag: Alvar Aaltos Wohnungen mit ihrem zentralen „Allraum“, der von Schlafzimmern und Küche umgeben ist, faszinierten derart viele Besucher, dass manche danach ihre alten Einrichtungen zu Hause schnellstens entsorgten. Das „Schwedenhaus“ wurde von Fritz Jaenecke, der vor den Nazis hatte fliehen müssen, und von Sten Samuelson geplant – sein Pendant steht in Malmö. Der Däne Arne Jacobsen und der Deutsche Ludwig Erhard entwickelten Hofhäuser für Berlin, die, wenn man diesem Modell gefolgt wäre, so manche Zersiedlung der Landschaft verhindert hätte.

Die Welt der Architektur traf sich in Berlin. Walter Gropius, der 1938 aus Deutschland emigrierte erste Bauhaus-Direktor, zeigte mit seinem Haus, wie aus der einst revolutionären Ästhetik kommerziell erfolgreiches Design wurde. Und dann war da der große Le Corbusier, der – seiner Selbsteinschätzung nach absolut gerechtfertigt – weit entfernt von den Kollegen am kolossalen Olympiastadion eine Unité de Habitation plante. Eine Wohnmaschine, wie sie in Marseille schon stand. In Berlin jedoch verkrachte sich Le Corbusier mit den Baubehörden, die darauf bestanden, dass die Wohnungen mindestens 2,50 Meter Raumhöhe und nicht nur 2,26 Meter haben sollten.

Hansaviertel als „undeutsch“ angegangen

Auch die alte Kongresshalle, die faktisch zur Interbau zu zählende Amerika-Gedenk-Bibliothek sowie das Amerika-Haus waren einem gemeinsamen Gedanken verpflichtet: West-Berlin ist modern, weltoffen, internationalistisch, ein Hort der Freiheit und hier wird wirklich sozial egalitär gebaut. Die Häuser waren überwiegend nach Standards des Sozialen Wohnungsbaus errichtet worden, erst seit der Privatisierung in den Neunzigern wurde das Hansaviertel nach und nach zum Luxuswohnviertel.

In den 50er-Jahren aber stand das Viertel politisch gegen den Anspruch der SED und der DDR, in Ost-Berlin eine soziale Arbeiterhauptstadt zu errichten. Sein Gegenstück war die Stalinallee mit ihren prunkvoll neoklassizistisch in der an Schinkel und Schlüter orientierten „nationalen Tradition“, wie es damals hieß, dekorierten Bauten. Entsprechend brutal wurde das Hansaviertel nicht nur von konservativen westdeutschen Architekten, sondern auch von der DDR-Propaganda als „undeutsch“, aber auch als verschwenderisch angegangen. Tatsächlich stiegen die Kosten immer weiter, war manches Haus zur Ausstellung noch gar nicht fertig – zum Hohn auch der Berliner Zeitung damals. Was die Medien der DDR verschwiegen: Auch Ost-Berliner und DDR-Bürger strömten auf die Baustellen, ließen sich inspirieren von den Modellwohnungen, die Architekten von den klaren Formen.

Zweifellos war das Hansaviertel architektur- und städtebauhistorisch eher der Abschluss einer zukunftsbegeisterten Epoche als deren Beginn. Schon wenige Jahre später begann man in Ost wie West, Wohnungen hoch und extrem verdichtet in Türmen und Wohngebirgen wie im Märkischen Viertel, in der Gropiusstadt oder in Marzahn zu stapeln. Der Anspruch individueller Künstlerschaft, der das Hansaviertel so sehr prägt, wurde weitgehend aufgegeben zugunsten systematischer Industrialisierung des Wohnungsbaus. Auch deswegen wurde die Moderne seit den Siebzigern immer schärfer kritisiert, bis hin zur pauschalen Ablehnung. Es brauchte drei Jahrzehnte Postmoderne und Propaganda für das Zurück zu einer „Europäischen Stadt“, bis die Bedeutung auch der Nachkriegsarchitektur wieder erkannt wurde.

Schon um 2000 wurde gefordert, Hansaviertel und Stalinallee gemeinsam als Monumente des Kalten Kriegs und seiner konkurrierenden Modelle vom Leben und Wohnen für die Welterbeliste zu nominieren. Doch der Vorschlag scheiterte: Der Nachkriegsmodernismus wurde als rundum gescheitert angesehen, selbst seine Meisterleistungen pauschal als „amerikanisch“ abgetan. Es gab Überlegungen, das Hansaviertel „nachzuverdichten“, seine mit größtem Kunstanspruch entwickelte Form an den Rändern zu den Straßen hin zuzubauen.

Raffinierte Lösungen für komplizierte Probleme

Richtig Fahrt bekam der Vorschlag fürs Welterbe also erst, als sich auch die Stalinallee-Enthusiasten dazutaten. Jetzt muss nur noch die Berliner Politik ihre Angst davor überwinden, ein „negatives“ Denkmal für die Welterbeliste vorzuschlagen, die verhinderte, dass etwa das Reichssportfeld oder die Mauerreste alleine vorgeschlagen wurden. Vielleicht hilft die Erkenntnis, dass das Hansaviertel heute, in einer Zeit der Wohnungskrise, aktueller ist denn je.

Wer den Katalog von 1957 oder einen der jüngeren Architekturführer durchblättert, findet derartig viele kluge und oft sogar raffinierte Lösungen für komplizierte Probleme, dass man sich fragt, warum sie nicht längst Standard wurden. Etwa Alvar Aaltos Essplatz, der Küche und Balkon verbindet. Bäder, die zwischen Schlafzimmer gespannt wurden. Gestapelte Reihenhäuser. Laubengänge, die zugleich den privaten Zugang zur Wohnung garantieren und das Gemeinschaftsleben inspirieren. Erdgeschosshallen, in denen die Kinder spielen können.

Hier kann man lernen, wie nicht durch großzügigen Platzverbrauch, sondern durch kluge Verteilung von Funktionen auf oft engstem Raum hoch effiziente und doch lebensvolle Wohnungen entstehen könnten. Statt Container zu stapeln, wäre manchem Stadtplaner ein Gang ins Hansaviertel anzuempfehlen.

Literatur:

Stefanie Schulz, Carl-Georg Schulz, Das Hansaviertel, Ikone der Moderne, Verlagshaus Braun, Berlin 2007, 19,90 Euro.

Bürgerverein Hansaviertel Berlin Kompakt: Architekturführer zur Interbau 57, Berlin 2015, 14,90 Euro.