Den Oranienplatz kennt Dietrich von Boetticher seit mehr als 40 Jahren. Im Jahr 1969, erzählt er, sei er als Schüler aus Westdeutschland während eines Klassenausflugs nach West-Berlin dort gelandet. „Die tollen Gründerzeit-Gebäude an diesem Platz, einem Alt-Berliner Schmuckstück mitten in Kreuzberg, haben mich sofort fasziniert“, sagt er. Die Faszination hielt an. Heute ist von Boetticher Anwalt mit Kanzleien in München und Berlin. Die Berliner Kanzlei befindet sich – natürlich – am Oranienplatz. In einem jener Gründerzeithäuser, die ihm schon damals so gefielen. Er hat es gekauft und modernisiert.

Auf dem Platz, der seit mehr als einem Jahr vor allem durch das umstrittene Protest-Zeltlager von Lampedusa-Flüchtlingen bundesweit bekannt ist, hat Dietrich von Boetticher weitere Pläne. Der Münchener kaufte auch das ehemalige Brenninkmeyer-Kaufhaus an der Ecke zur Oranienstraße, das seit vielen Jahren leer steht. „Das ist so ein tolles Gebäude, daraus muss man doch was machen“, sagt er. Er will das alte Kaufhaus zum Hotel umbauen.

Einen Hotelier hat der Anwalt auch schon gefunden. Es ist Dietmar Müller-Elmau aus Bayern, der etwa hundert Kilometer südlich von München, in den Hügeln zwischen Garmisch und Mittenwald, das Hotel Schloss Elmau führt. Einen Luxus-Tempel, in dem Zimmer ohne Frühstück ab 100 Euro pro Person zu haben sind und wo die Gäste im Sterne-Restaurant für ein 6-Gang-Menü klaglos 150 Euro berappen.

„Türken und Chaoten“

Ist in Kreuzberg ähnlicher Luxus geplant? „Auf keinen Fall, wir wollen dort etwas schaffen, das genau dorthin passt und das es nur dort gibt“, sagt Müller-Elmau. Kein Ableger von bekannten Hotel-Marken wie Adlon oder Soho-Haus soll entstehen. Aber auch kein Hostel mit greller Plastikeinrichtung. In den Zimmern, die ab 90 Euro kosten sollen, sollen sich Gäste wohlfühlen, die gern in Kreuzberg wohnen wollen. Dietmar Müller-Elmau sagt, er möchte die Zimmer schlicht, aber edel einrichten. Mit natürlichen Materialien wie Holzböden: „So, wie es dem prachtvollen Haus, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand, geziemt.“ Goldene Wasserhähne brauche man nicht, sagt er: „Das Haus ist der Luxus.“

Es spricht gehöriger Respekt vor der Leistung der ursprünglichen Bauleute aus dem Unternehmer. Im Jahr 1913 wurde der monumentale Fünfgeschosser mit seiner Sandsteinfassade, die immer noch schön ist, errichtet. Einer der ersten Mieter war das Café Oranienpalast, 1925 zog mit dem „Ahlbecker Hof“ schon einmal ein Hotel ein. Wenig später kam ein aus Holland stammendes Unternehmen mit dem sperrigen Namen Allgemeine Textil Fabrikations-und Handels AG Clemens & August Brenninkmeyer hinzu. 1936 wurden die Holländer Eigentümer des Gebäudes. Während ihr Unternehmen beständig wuchs, verkürzten sie den langen Namen auf C&A. 1956 verließ die Textilkette C&A Kreuzberg. Eine Kleiderfabrik, ein Möbelgeschäft, eine Diskothek und ein Supermarkt zogen nacheinander ein und wieder aus. Zuletzt mieteten sich sporadisch Galeristen ein.

Dietmar Müller-Elmau hat die Gegend um den Oranienplatz genau erkundet. Beim ersten Mal kam er mit dem Taxi. „Der Fahrer riet mir von den Hotelplänen ab. Er sagte, dort gebe es doch nur Türken und Chaoten, da lohne sich eine Investition nicht“, sagt er. Seine Erfahrung war eine ganz andere: „Die Gegend ist vielfältig, sehr offen und liebenswert.“ Zum Flüchtlings-Camp hat er eine klare Meinung: Es wäre gut, würde man schnell eine humane Lösung finden, sagt er. Die Menschen in den Zelten sollten sofort eine Aufenthalts- und dann auch eine Arbeitserlaubnis erhalten.

Ein Leben ohne Bevormundung, das kann als Credo des fast 60-Jährigen gelten. 1954 wurde er auf Schloss Elmau geboren und sollte 20 Jahre später das Familienhotel übernehmen. Er studierte aber lieber Computerwissenschaften und gründete eine Softwarefirma fürs Hotelmanagement. Als er diese 1996 verkaufte, war er Multimillionär. Erst 2005 trat er sein Erbe an. Er baute das Schloss-Hotel nach seinen Vorstellungen komplett um.

Wann die Arbeiten am Hotel in Kreuzberg beginnen, ist noch unklar. Es seien noch viele Feinabstimmungen nötig, heißt es. Als erstes aber, soviel steht fest, soll im Erdgeschoss ein Restaurant öffnen.