Maja Wegener erzählt, sie bemerke in den Gesichtern ihrer Gesprächspartner oft ein „irritiertes Blinzeln“, wenn sie ihnen sage, sie wohne jetzt in Lichtenberg. Die 36-jährige Sozialwissenschaftlerin lächelt dann und zählt schnell die Vorzüge ihres neuen Wohnbezirks auf: Da wären die niedrigen Mieten, die Unaufgeregtheit der Menschen und die Tatsache, dass man auf der Straße auch noch alte Leute sieht.

Maja Wegener lebt mit ihrem Mann Marco Scheidhuber (39) und den beiden Kindern Sophia (8) und Elias (6) in einer 126 Quadratmeter großen Zwei-Etagen-Wohnung in der Alfred-Jung-Straße. Das Haus ist ein besonderes Projekt, ein Mehrgenerationenhaus mit 50 Bewohnern. Früher war es eine Kita, heute nennen es die Bewohner Werkpalast.

Das Paar schloss sich 2007 der Selbstbau-Genossenschaft an. Die kaufte die Kita vom Liegenschaftsfonds, das Haus wurde mit einem Zwei-Millionen-Kredit familien- und altersgerecht umgebaut. Vor fünf Jahren zog die Familie dort ein. Die Wohnung kostet 920 Euro warm.

Maja Wegener sagt, anfangs habe sie befürchtet, man werde das Haus nicht voll kriegen. Sie irrte sich: Keine der 20 Wohnungen steht heute leer. Die etwa 50 Bewohner treffen sich im Garten oder im Gemeinschaftsraum, dort üben auch der Chor und die Yoga-Gruppe. Der älteste Bewohner ist 88, das jüngste Kind zwei. Die meisten Bewohner sind Mitte 30. Und alle wissen, dass sie damals verdammt viel Glück hatten. Eine leere Kita würde der Bezirk heute nicht mehr verkaufen, sondern sie schnell wieder eröffnen.

Denn immer mehr Berliner ziehen nach Lichtenberg, vor allem Familien mit Kindern. Der Bezirk hat seinen Ruf als unattraktiver Ost-Bezirk verloren. Heute leben dort 265.000 Menschen, so viele wie noch nie. Die größte Altersgruppe sind die 25- bis 45-Jährigen. Für sie war wichtig, dass die Mieten in Lichtenberg noch bedeutend niedriger sind als in den begehrten Innenstadtbezirken. Der Durchschnittsmietpreis liegt bei 8,05 Euro pro Quadratmeter. In acht Berliner Bezirken ist er höher.

Der Zuzug von Familien führt auch zu einem Anstieg der Geburten. Im Jahr 2006 kamen in Lichtenberg 2136 Babys zur Welt, 2013 waren es bereits 1000 Kinder mehr. Im vergangenen Jahr gab es einen Rekord: 3544 Neugeborene. Der bisherige Bezirksbürgermeister, Andreas Geisel (SPD), heute Senator für Stadtentwicklung, hat es in den vergangenen drei Jahren geschafft, Lichtenberg das Label „familienfreundlicher Bezirk“ zu verpassen, die neue Bürgermeisterin Birgit Monteiro will diesem Kurs folgen.

2000 neue Wohnungen genehmigt

Es werden neue Wohnungen gebraucht, 2014 hat der Bezirk über 2000 Wohnungen genehmigt, auch das ist ein Rekord. „Das Gesicht von Lichtenberg verändert sich, denn an vielen Ecken wird neu gebaut, saniert und modernisiert“, sagt Wilfried Nünthel (CDU), Stadtrat für Stadtentwicklung. Und so wird Lichtenberg für Investoren immer interessanter. In der Alfred-Jung-Straße 14, nur wenige Meter vom Werkpalast entfernt, wird ein 13-geschossiges Studentenhaus gebaut mit 413 Wohnungen. Die alte Clubgaststätte dort kommt weg.

Bevor Maja Wegener und Marco Scheidhuber nach Lichtenberg gezogen sind, lebten sie 15 Jahre lang in Friedrichshain. Am Ende, so erzählen sie, seien sie genervt gewesen von den vielen Touristen und Kneipen. Sie wollten weg. „Unser Fokus lag nicht auf Lichtenberg“, sagt Maja Wegener. „Wir suchten ein Wohnprojekt zu bezahlbaren Preisen.“ Haus und Grundstück der Kita kosteten bedeutend weniger als im Nachbarbezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Lichtenberg galt eben noch nicht als Trendbezirk.

Die Umstellung fiel dem Paar nicht schwer. „Lichtenberg fand ich gleich super“, sagt Marco Scheidhuber. „Das war ein alter Arbeiterbezirk, kernig, trocken und herzlich, der typische Berliner Charme.“ Ihre Kinder schickt die Familie aber immer noch nach Friedrichshain zur Schule. Und wenn Maja Wegener und Marco Scheidhuber mal in ein schönes Café oder in eine nette Kneipe wollen, fahren sie nach Friedrichshain. „Für so etwas ist unsere Gegend noch nicht interessant genug“, sagt Maja Wegener.

Peter Malkowski ist ganz froh darüber. Der 75-Jährige lebt seit 1967 in Lichtenberg, und er will gar nicht, dass sich so viel ändert. Die schicke Innenstadt gefällt ihm nicht. „Das ist nicht mehr mein Berlin“, sagt der pensionierte Schiffbauer. Mit seiner Frau Monika (70) lebt er in einer 80 Quadratmeter großen Wohnung im Werkpalast, die kostete 600 Euro.

Malkowski sitzt am rustikalen Küchentisch seiner Nachbarn Maja Wegener und Marco Scheidhuber. Er spricht über das frühe Lichtenberg, über die DDR, als die Stasi in der Normannenstraße ihr Hauptquartier hatte. „Ich bin immer auf den Stasi-Bezirk angesprochen worden“, sagt er. Eine Wohnung zu finden, sei nicht leicht gewesen. „Wenn eine frei war, bekam sie jemand von der Stasi.“

Sechs Jahre nach der Wende lernte Konstantin Primbas Lichtenberg kennen. Investoren hatten damals von Aufbruchstimmung gesprochen, die dort herrsche. Primbas, ein Apotheker mit griechischen Wurzeln, hatte Pharmazie in West-Berlin studiert. 1995 eröffnete er in Lichtenberg seine erste Apotheke. Doch vom Aufbruch spürte er nichts. „Die Leute zogen fort, ihre Energie schien verflogen, viele jammerten“, sagt der heute 50-jährige Unternehmer.

Gute Restaurants fehlen

Erst Mitte 2000 habe sich die Stimmung „komplett umgedreht.“ 2006 eröffnete Primbas dann im Gewerbegebiet Plauener Straße die Online-Apotheke Aponeo. Die Firma expandierte, die Umsätze stiegen. Heute verschickt Aponeo etwa 3200 Bestellungen am Tag, der Jahresumsatz lag im vergangenen Jahr bei 36 Millionen Euro. Neuerdings holen Kuriere die Rezepte der Kunden von zu Hause ab und bringen ihnen die Medikamente.

„Das positive Image Lichtenbergs wirkt sich auch auf unser Unternehmen aus“, sagt Primbas. 80 Mitarbeiter gehören heute zur Firma, fast die Hälfte kommt aus Lichtenberg. „Früher war es nicht einfach gewesen, in Lichtenberg einen guten Job zu finden“, sagt er. Nur ein paar gute Restaurants, die würden in dem Bezirk noch fehlen.