Berlin - Die kubanische Flagge weht noch immer in Ingrid Bujnaks Wohnung. Es ist eine Erinnerung an ihren Lebenstraum. Mit 58 Jahren wanderte sie nach Kuba aus. Fünf Jahre später kam sie ohne einen Cent zurück. Ingrid Bujnak sammelte Flaschen und lebte in einem Berliner Obdachlosenheim. Nun hat sie wieder ein Zuhause - bei Housing First. Bei dem Berliner Modellprojekt bekommen Obdachlose seit November zuerst eine Wohnung, dann helfen Sozialarbeiter weiter. In Deutschland ist dieser Ansatz noch eine Seltenheit. Drei Jahre lang wird geschaut, ob es klappt - und wie.

Frau Bujnak gehört zu den ersten Mietern bei Housing First. In ihrer kleinen Einzimmer-Wohnung teilt die kubanische Flagge die Schlafnische vom Wohnzimmer ab. Mit enger Lederjacke, rotgefärbten Haaren und sprühendem Temperament passt sie mit Mitte ihren 60 Jahren nicht in gängige Klischees von Obdachlosigkeit. Ihr wackeliges Bücherregal vom Sperrmüll ist schwer beladen. „Am liebsten lese ich Biografien“, sagt sie. Auch über Barack Obama und Angela Merkel. Sie sei neugierig, warum Menschen werden, wie sie sind. Wenn sie diese Frage für sich beantwortet, wirken ihre Schilderungen mitunter wild.

„Sie ist unser Paradiesvogel"

„Sie ist unser Paradiesvogel“, sagt Sebastian Böwe. Er koordiniert für die Berliner Stadtmission und die gemeinnützige Organisation Neue Chance die Wohnraumsuche für Housing First. Böwe ist eine Art Makler für Menschen ganz unten. Sieben Mietverträge habe er seit November vermittelt, über sieben weitere verhandle er gerade, sagt er. Auch mit dem Immobilienunternehmen Deutsche Wohnen, das so mancher in Berlin am liebsten enteignen würde. Böwe sagt, dass er für seine Schützlinge auch mit dem Teufel einen Pakt schließen würde. Er lässt nur leise anklingen, warum. In den frühen Achtzigern war er selbst einmal obdachlos. Nicht lange. Aber lange genug, um nicht zu vergessen, wie sich das anfühlt.

775 000 Euro stellt die Berliner Senatssozialverwaltung seit Oktober für die Jahre 2018 und 2019 für Housing First zur Verfügung. Das Vorbild stammt aus den USA. Nur in Nordrhein-Westfalen gebe es bisher einen ähnlichen Ansatz, sagt Böwe. Dort können soziale Träger Wohnungen für Obdachlose durch die Großzügigkeit bekannter Künstler kaufen. Auch Maler Gerhard Richter hat für den guten Zweck einige seiner Werke zum Verkauf zur Verfügung gestellt.

Die Zahl der Obdachlosen in der Hauptstadt wird auf mehrere Tausend Menschen geschätzt, Tendenz steigend. Die Mehrheit kommt aus Osteuropa. Drei Männer sind in den kalten Nächten dieses Jahres auf der Straße gestorben, trotz so viel Kältehilfe wie seit 30 Jahren nicht mehr. Das ist auch für Berlin neu.

Housing First kann da nur ein Tropfen auf dem heißen Stein sein. Aber für Sebastian Böwe ist es ein Anfang. Ihm hat noch kein Künstler seine Werke für die Obdachlosenhilfe geschenkt. In Berlin mit wachsender Wohnungsnot für Geringverdiener lautete die Frage eher, ob sich überhaupt Wohnungen für Housing First finden.

Doch auch der Sozialdienst katholischer Frauen ist in dem engen Segment fündig geworden. „Wir haben bisher drei Frauen Wohnungen vermittelt“, sagt Projektsprecherin Beate Vetter-Gorowicz. Dazu kämen acht weitere Zusagen. Diese Wohnungen müssten aber erst renoviert werden. „Wir nehmen nicht irgendwelche Kaschemmen.“

„Wir stoßen auf offene Ohren!"

Die Angebote kämen meist von privaten Vermietern. „Wir stoßen da auf offene Ohren. Das hat uns selbst überrascht“, berichtet sie. Vielleicht sei es einfacher, weil der Verein nur Frauen vermittle und betreue. „Wir haben eine lange Warteliste. Die Frauen sind zwischen Mitte 20 und 70 Jahre alt.“ Es seien alle Problemlagen dabei - von Überschuldung bis Altersarmut.

Geplatzter Traum Kuba

Aber wie landete Ingrid Bujnak auf der Straße? Ihre Erzählungen beginnen mit Fidel Castro. Mit 16 Jahren habe sie den damaligen kubanischen Staatschef in der DDR gesehen. „Da wusste ich, dass Kuba meine Heimat ist.“ Sie lernte in Sachsen Elektronikfacharbeiterin. Nach dem Mauerfall folgte eine Achterbahnfahrt der Neuorientierung, wie sie viele Ostdeutsche erlebten. Ingrid Bujnak aber flog dabei aus der Kurve.

Nach der Wende macht sie sich mit einem Altenhilfe-Service selbstständig. „Die jungen Leute waren doch alle ab in den Westen“, sagt sie. Finanziell rechnete sich ihre Geschäftsidee nicht. Ihr Sohn habe ihr gesagt: „Du kannst entweder Kapitalist sein oder gut - beides geht nicht.“ Sie habe dann eine Umschulung gemacht, um Solaranlagen zu verkaufen. Irgendwann reichte es Ingrid Bujnak im Nachwende-Deutschland. Drei Ehen waren nacheinander gescheitert. „Die Männer waren so konservativ“, sagt sie. Sie verkaufte ihr Haus. Mit dem Erlös flog sie nach Kuba. Sie sprach kein Spanisch.

Abgeschoben aus Lateinamerika 

Ihre private Revolution auf Fidel Castros Spuren endete nach ihrer Erzählung in Mexiko. Nach fünf Jahren war ihr Vermögen aufgebraucht, ihr Visum abgelaufen. Im Februar 2018 wurde Ingrid Bujnak mittellos aus Südamerika abgeschoben. „So richtig mit Polizei“, sagt sie. Sie wollte nach Berlin. „Wegen der Weltzeituhr“. Die zeige wenigstens die Zeitzone für Kuba an. Einmal in der Woche müsse sie zur Uhr auf den Alexanderplatz.

Im April 2018 bekam Ingrid Bujnak in Berlin das erste Mal Hartz IV. Eine Wohnung fand sie nicht. Erst lebte sie in einem Hostel, dann im Obdachlosenheim. Es ging immer weiter bergab. „Die Straße ist ein Einzelkampf“, sagt sie. Und ihre Familie? „Herzlich ist anders“, antwortet sie. Sie glaubte Scham wahrzunehmen, wenn sie bei Verwandten klingelte. „Bevor sie aufmachten, schauten sie, ob ich einen Koffer dabei hatte.“ Auf der untersten Stufe, da sei ein Mensch allein. „Da drehen sich die meisten um und gehen.“

Warteliste ist lang

Für Housing First gibt es Bedingungen: Personalausweis, Hartz IV, eine Schufa-Auskunft, einen Wohnberechtigungsschein und vor allem die Bereitschaft, sich helfen zu lassen. „Also kein Drogenkonsum, der Gespräche ausschließt, und keine schweren psychischen Erkrankungen“, erläutert Sebastian Böwe. 20 bis 30 Menschen stünden bei ihm zur Zeit auf der Warteliste.

Bei Ingrid Bujnak war es knapp. „Sie haben am Anfang gesagt, ich hätte zu wenig Probleme“, sagt sie. „Da hab' ich gefragt: „Was muss ich machen? Eine Bank überfallen? Leute zusammenschlagen?““. Sie hat dann stattdessen immer wieder bei Housing First angerufen. „Ich war noch nie so glücklich wie jetzt“, sagt sie heute. Ihre Wohnung, das sei solch ein Geschenk. Was sie fühle, könne aber wohl nur jemand nachempfinden, der auch einmal ganz unten war. Auf der Straße. Sie raucht nur auf ihrem Mini-Balkon an der Hochbahntrasse. Alkohol, Joints, das sei nie was für sie gewesen, sagt sie. „Ich mag das Zeug einfach nicht riechen. Wahrscheinlich hat mich das gerettet.“

Kein leichtes Unterfangen: Wohnungen für Obdachlose 

Frühere Wohnungsprojekte für Obdachlose in Berlin seien krachend schiefgegangen, berichtet Böwe. Selbst wenn private Vermieter mit Herz sich bereiterklärten, ihre Wohnung Menschen von der Straße zu überlassen. „Sie kamen allein nicht klar.“ Es fange mit Kleinigkeiten an. Zum Beispiel damit, zu lernen, dass man mit Hartz IV Toilettenpapier kaufen kann und nicht mehr bei der Bahnhofsmission klauen muss. Bei Housing First kommen mindestens einmal in der Woche Sozialarbeiter vorbei. Sie schauen nach dem Rechten, helfen mit Bürokratie, Behörden - und mit dem Alltag.

Ingrid Bujnak empfindet das nicht als Kontrolle. Sie mag den Besuch. „In dem Obdachlosenwohnheim, da bin ich fast verrückt geworden“, sagt sie. Der Gestank nach Alkohol, die Klauerei. Und vor allem: niemals Ruhe, kaum Schlaf. Zu ihrem 64. Geburtstag hat sie den Fernbus nach Prag genommen. Einfach mal raus. „Da haben die mich im Heim zusammengedonnert.“

Es klingt, als habe sie in ihrem Leben selten in den Erwartungshorizont anderer gepasst. Sie rechnet gerade, wie viele Rentenpunkte ihr noch fehlen, um mit 67 nicht in die Altersarmut zu rutschen. Sie sucht einen versicherungspflichtigen Job. In der Flüchtlingsbetreuung, wo sie gerade arbeite, seien es nur 1,50 Euro pro Stunde und es gebe keine Rentenpunkte.

Ihr Lebenstraum ist jetzt ein Wohnmobil. Dass das schwierig wird, mit Hartz IV und Flaschensammeln, weiß sie selbst. „Aber wenn ich Menschen in meinem Alter sehe, dann benehmen die sich als seien sie 100. Und seit 50 Jahren tot.“ (dpa)