Berlin - Die wohl prominenteste und zugleich eine der tragischsten Familiengeschichten der Welt füllt problemlos 500 Quadratmeter: Ausstellungswände, Rahmen, Vitrinen für The Kennedys. Ein – hochpolitischer – amerikanischer Mythos ist ausgebreitet in den ehemaligen Klassenzimmern und dem langen Schulflur. Seit Sonntag kann das Publikum sehen: Auch die weiß gestrichene zweite Etage der einstigen Jüdischen Mädchenschule in Mitte steht nun nicht mehr länger leer.

Fünf Monate hat der Umzug der Kennedys vom Pariser Platz in die Mädchenschule gedauert. Über 350 Fotos, Originaldokumente, Filmaufzeichnungen, persönliche Dinge der Kennedy-Brüder John Fitzgerald, Robert und Edward, von der unsagbar schönen und unsäglich trauernden Jacqueline Kennedy, sowie des ganzen Clans fanden reichlich Platz. Sogar JFKs bernsteinfarbene Horn-Brille, die er nur selten aufsetzte, womöglich, weil er glaubte, sie mache ihn alt. Oder die schwarze Hermès Krokodilleder-Aktentasche, jenes präsidiale Accessoire, das er bei sich trug beim legendären Berlin-Besuch 1963. Damals war der US-Präsident mit Bundeskanzler Konrad Adenauer und dem Regierenden Bürgermeister Berlins, Willy Brandt, am Brandenburger Tor und an der Mauer.

Die Momentaufnahmen des Fotografen Will McBride schließen in ihrem Erzählfluss wie von selbst auf zu den Bildern seines Kollegen Steve Schapiro. Er war als junger Fotograf den Kennedys am allernächsten gekommen. Ihm gelangen bisweilen fast intime Motive, wie von jener beredten Geste, mit der Ethel, die starke Frau an der Seite Robert Kennedys, ihrem Mann in jeder Lebenslage beistand.

Jedes Foto, jedes Stück Papier, jeder Gegenstand, jede Schrifttafel kommt aus dem Privatbesitz der Kennedys und ist nun Museumsgut, das die politische Rolle der demokratischen Protagonisten belegt und ebenso deren Eigenarten, das besondere Charisma, ein bisschen auch die Schwächen, die verwundbaren Achillesfersen: Der tödliche Ehrgeiz des alten Vaters, des Senators Joseph P. Kennedy, zahllose Frauengeschichten, falsche Freunde, verschlagene Feinde, Kubakrise, Vietnamkrieg, Kalter Krieg.

Der inzwischen weißhaarige Schapiro, zur Museum-Neueröffnung am Samstag extra aus den USA angereist, war 1966 in Berkeley, Kalifornien, dabei. Und er machte dieses Bild: Robert Kennedy – mitten im Wahlkampf der Demokraten – sprach vor Tausenden Menschen. Den Rhetoriker sieht man nur als Schattenriss, die Magie aber, die er auf die Zuhörermassen ausstrahlte, ist deutlich wahrzunehmen. Die Fotogeschichte würdigt diese Aufnahme als Ikone. Ganz zu recht. Und dazu gehören zweifellos auch die Paarmotive von John F. Kennedy und seiner Frau Jacky, und natürlich die Aufnahme auf der Tribüne hinterm Brandenburger Tor, Juni 1963, als JFK, im Überschwang der Gefühle, dieser Satz über die Lippen kam: „Ich bin ein Berliner!“

Ikonografische Zeitdokumente

Schapiro wurde am Samstagabend regelrecht gefeiert für seine Fotos, die eine beinahe tagebuchartige Erzählung über die Kennedy-Brüder JFK, Robert und Edward darstellen. Aber, warnt der große alte Dokumentarist schmunzelnd: „In der Welt der Fotografie ist nichts real. Vor allem darf man sie nicht mit der Wahrheit gleichsetzen.“

Wenn man so will, setzt das Museum The Kennedys mit seiner so historischen wie energetischen Bilderflut nun den Schlussstein in das auf seine Weise historische Gebäude in der Auguststraße. Nun nämlich ist der 1930 im Stile der Neuen Sachlichkeit von dem jüdischen Architekten Alexander Beer (1873-1944) errichtete rotbraune Klinkerbau aus einer von den Nazis verbotenen, zu DDR-Zeit als Brecht-Oberschule genutzten Hauses komplett zum Kunstort geworden.

Vier Ausstellungsunternehmen, die Galerie Michael Fuchs, Eigen+Art Label, Camera Work und nun noch The Kennedys (Tochter-Institution von Camera Work) teilen sich den Platz unter einem Dach. Und die Gastronomie im Erdgeschoss, das Koscher-Restaurant, der Pauly-Saal und das Café Mogg & Melzer, können sich seit Eröffnung vor Gästen kaum retten. Der besondere Ort, dessen Geschichte, dazu das mittlerweile internationale Kultur-Publikum zogen alle Mieter an. Noch keiner hat den Einzug bereut.

Fast ein Jahr lang hatten der Galerist Michel Fuchs und seine Partner vom Grill Royal bis Februar 2012 das marode Schulhaus von Keller bis Dach nach Denkmalschutzvorgaben durch das Berliner Architektenbüro Grüntuch/Ernst sanieren lassen. Vergessen die hässlichen Ölsockel, die zugigen Fenster, die sich von der Wand rollenden Latexbahnen, der sinnlose Leerstand der alten Schule.

Fuchs & Partner pachteten das Haus vom Besitzer, der Jüdischen Gemeinde Berlin, die das Areal nicht verkaufen will, für 30 Jahre, investierten fünf Millionen Euro. Die Jüdische Gemeinde hat zudem regelmäßig Mieteinnahmen. Ein kluger Deal zwischen Besitzer und Nutzer, von dem die Liegenschaftspolitiker des Landes Berlin eine Menge lernen sollten.

Museum The Kennedys, ehemalige Jüdische Mädchenschule in der Auguststraße 11–13 (Mitte). Geöffnet Di–So 11 –19 Uhr. Eintritt 5 Euro, ermäßigt 2,50 Euro.