Neues Ranking: Welche Berliner Schule bekommt wie viel Unterstützung?

Berlin wendet ein neues Verfahren an, um den Hilfebedarf der Einzelschulen zu bestimmen – und die vorhandenen Ressourcen besser zu verteilen.

Schüler, die dem Unterricht lauschen. Der Anteil der Schüler mit nicht-deutscher Herkunftssprache (ndH) ist nur bedingt aussagekräftig für die Frage, wieviel Unterstützungsbedarf die Schulen haben.  
Schüler, die dem Unterricht lauschen. Der Anteil der Schüler mit nicht-deutscher Herkunftssprache (ndH) ist nur bedingt aussagekräftig für die Frage, wieviel Unterstützungsbedarf die Schulen haben. dpa

Berlin-Normalerweise, wenn die Berliner Bildungsverwaltung eine grundlegendere Reform durchführt, kommt es erst einmal zu einem Sturm der Entrüstung. Doch diesmal, so sagt es ein Sprecher, sei alles erstaunlich ruhig geblieben. Was er als Zeichen dafür interpretiert, dass es gelungen sei, die Schulen diesmal wirklich mitzunehmen.

Ab diesem Schuljahr gilt in Berlin eine neue Schultypisierung, die die strukturelle Belastung der 770 allgemeinbildenden öffentlichen Schulen erfassen soll. Sechs Kennzahlen werden jetzt systematisch abgefragt und zu einem siebenstufigen Index gebündelt. Bisher waren für die Einstufung der Schulen nur zwei Kennzahlen entscheidend: Nämlich die Anzahl der lernmittelbefreiten Schüler (lmB) und die der Familien mit nicht-deutscher Herkunftssprache (ndH).

Diese zwei Kennzahlen fließen auch in die neue Typisierung ein, doch werden sie um vier weitere ergänzt: Die Anzahl der Schüler, die einen sonderpädagogischen Förderbedarf haben – und diejenigen, die ein Schuljahr wiederholen müssen. Man prüft die strukturelle Versorgung der Schule mit Lehrkräfte beziehungsweise das Ausmaß an Unterversorgung. Und außerdem wird die Lage der Schule beurteilt durch einen Index, der misst, wieviel Kinderarmut und Transfergeldbezug in der Nachbarschaft der Schule üblich sind.

Mit Hilfe dieser sechs Kennzahlen werden die Schulen dann in die Stufen eins bis sieben eingeordnet. Stufe eins bezeichnet die niedrigste strukturelle Belastung, Stufe sieben die höchste. Auf Stufe eins steht nur ein Prozent der Berliner Schulen, auf Stufe sieben stehen immerhin fünf Prozent. Auf den Stufen zwei und drei bewegen sich zusammen 41 Prozent, auf den Stufen vier, fünf und sechs 53 Prozent der Schulen.

Die Einstufung ist kein Ranking nach Leistung

Die Grundschule an der Köllnischen Heide, die lange Jahre von der amtierenden Schulsenatorin Astrid-Sabine Busse geleitet wurde, ist zum Beispiel der Stufe 7 zugeordnet worden. 

Wichtig ist, diese Typisierung nicht als ein klassisches Ranking zu verstehen, das die Schulen nach ihrer Qualität und Leistungsfähigkeit sortiert. Über Qualität sagt sie im Grunde nichts, sondern nur über den aktuellen Unterstützungsbedarf.

Eine Schule, die auf einer hohen Stufe steht, hat zum Beispiel das Recht, auf zusätzliche Gelder, Stunden und Stellen für die Sprachförderung zuzugreifen. Bislang konnten nur diejenigen Schulen diese Förderung anbieten, die über 40 Prozent ndH-Schüler vorweisen konnten.

Und da gab es dann immer diese traurigen Fälle von Schulen, die in einem Jahr plötzlich nur noch 39 Prozent ndH-Schüler hatten und auf einen Schlag ihre ganzen Sprachförderstellen verloren haben. Das ist jetzt anders, mit der neuen Typisierung bekommen die Berliner Schulen drei Jahre lang Planungssicherheit.

Die Anzahl der ndH-Schüler allein ist nicht aussagekräftig

Und auch bestimmte Gerechtigkeitsprobleme stellen sich so nicht mehr. Denn natürlich fallen auch die Diplomatenkinder an der John-F.-Kennedy-Schule in Steglitz-Zehlendorf in die Kategorie ndH – doch haben sie aller Voraussicht nach einen geringeren Unterstützungsbedarf als afghanische Flüchtlingskinder an der Vincent-van-Gogh-Schule in Lichtenberg, wo sich die Migrationsgeschichte mit Armut und Bildungsferne der Eltern paart. 

Und umgekehrt: „Schulen, die nicht in einem schwierigen Quartier angesiedelt sind, aber aus freien Stücken viele Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf aufnehmen und sich in Sachen Inklusion verdient machen, bekommen durch das neue System auch die Ressourcen, die ihnen zustehen.“ Das betont Marianne Burkert-Eulitz, die bildungspolitische Sprecherin der Grünen.

Erstaunlich wenig Protest

Man habe das neue System bereits in anderen Bundesländern erprobt, sagt sie. Das Parlament ist schon vor langer Zeit über die geplante Änderung informiert worden. Und auch die Schulen hatten bereits vor einem Jahr die Möglichkeit, sich persönlich zu den Kennzahlen beraten zu lassen.

Die Einstufung ist allerdings keine Verhandlungssache, sondern ergibt sich automatisch aus den erfassten Kennzahlen. Und obwohl ja der Kuchen (der Gelder und Stellen) jetzt neu verteilt wird, manche mehr und manche auch deutlich weniger bekommen als bisher, gab es  keinen Protest. „Mein Posteingang war nach den Sommerferien leer,“ sagt Burkert-Eulitz. „Erstaunlicherweise hat sich kein einziger Schulleiter bei mir beschwert.“ Vielleicht, weil die schweigende Mehrheit das Gefühl teilt, dass mit der neuen Schultypisierung mehr Bildungsgerechtigkeit entsteht.