Neues Rechenzentrum: Japanischer Konzern NTT investiert 100 Millionen Euro in Berlin-Mariendorf

Es gibt – mindestens – drei gute Gründe für einen Regierungschef, eine weite Reise zu unternehmen: die Heimat gut repräsentieren, etwas über Land und Leute lernen sowie der einheimischen Wirtschaft beim Geschäftemachen helfen. Michael Müller, Regierungschef des Landes Berlin, hält sich bei seinem viertägigen Besuch in Tokio an all diese Regeln.

Am Dienstag zur Tokioter Mittagszeit traf sich ein Teil der Berliner Reisegruppe, zu der auch Vertreter der Industrie- und Handelskammer (IHK) sowie rund 30 Berliner Unternehmer gehören, mit Tsunehisha Okuna. Er ist Vizepräsident der NTT Communications Corporation, einem Konzern mit einem Jahresumsatz von mehr als 100 Milliarden US-Dollar, sein Büro befindet sich im 34. Stock eines Hochhauses in der japanischen Metropole.

NTT betreibt über seine deutsche Tochterfirma e-shelter bereits ein Rechenzentrum in Siemensstadt. Solche Rechenzentren ermöglichen den Umgang mit einer gewaltigen Menge an Daten, verwendbar zum Beispiel in der Medizin oder der Wissenschaft aber etwa auch zum Leiten von Verkehrsströmen. Nun planen die Japaner eine weitere große Investition in Berlin: Im Marienpark, dem ehemaligen Gaswerk Mariendorf, soll Ende kommenden Jahres ein Rechenzentrum entstehen, dessen Kapazität dreimal so groß ist wie die in Siemensstadt.

Die Rede ist von einer mehr als 100 Millionen Euro schweren Investition, gestreckt über mehrere Jahre. Dazu gehört auch der Kauf des Marienparks durch einen Partner von NTT.

Mori Ogai verbrachte mehrere Jahre in Deutschland

Der Deal um das Rechenzentrum ist seit April fix. Was macht also der Regierende Bürgermeister jetzt noch bei NTT? Müller selbst sagt, es ginge um eine „Verständigungsbasis darüber, wie sich eine Stadt entwickeln soll“. Jan Eder, Hauptgeschäftsführer der IHK, sagt es so: „Solche Termine sind sehr wichtig. Es ist immer gut, wenn man einander einmal kennengelernt hat, dann bleibt etwas hängen.“ Eher etwas bei Müller persönlich dürfte beim Besuch des Mori-Ogai-Museum im Stadtteil Bunkyo am Dienstag hängengeblieben sein. Das Museum sieht ein bisschen aus wie das Jüdische Museum von Daniel Libeskind in klein: sehr viel edler Beton, dazu eine kleine, aber feine Ausstellung.

Das Museum erinnert an eine heute kaum mehr bekannte Persönlichkeit, die Ende des 19. Jahrhunderts eine besondere Facette der deutsch-japanischen Beziehungen darstellte. Mori Ogai, ein 1862 geborener japanischen Militärarzt, verbrachte mehrere Jahre seines Lebens in Deutschland. Ein Stipendium für Hygiene und Heeressanitätswesen führte ihn nach Leipzig, Dresden, München und Berlin, wo er 1887/88 am Hygiene-Institut von Robert Koch tätig war.

Ob Ogai wirklich ein überragender Mediziner war, sei dahingestellt. Wikipedia berichtet von einer fatalen Fehleinschätzung der Vitaminmangelerkrankung Beri-Beri seinerseits, die zu Tausenden Toten in der japanischen Armee geführt habe. Segensreicher war sicher sein Interesse an deutscher Literatur. Ein Besuch in Auerbachs Keller 1885 in Leipzig soll Mori Ogai zur Übersetzung von Goethes „Faust I“ und „ Faust II“ inspiriert haben.

1913 war das Werk vollbracht, seine Übersetzung gilt bis heute als gültig. Auch Hauptmann oder Tschechow hat der vielbelesene Mann ins Japanische übersetzt. Doch er hat auch selber viele Bücher verfasst. Seine Berliner Novelle „Das Ballettmädchen“ gilt als Beginn der modernen Literatur Japans.

Michael Müller spricht beim U20-Gipfeltreffen der Bürgermeister aus aller Welt

Im Museum spielt Ogais Zuneigung zu den Deutschen eine große Rolle. Nicht nur, dass der Gast aus Fernost offenbar sehr wissbegierig war und etwa in Deutschland an mehreren Treffen von Frauenaktivistinnen teilgenommen hat, er hat auch seinen Kindern deutsche Vornamen gegeben: Otto, Fritz und Anne. Bis heute lebt nach Auskunft der Museumsbetreiber eine Urenkelin Ogais als Herzchirurgin im Herzensland ihres Urgroßvaters.

Nachmittags konnte die Berliner Delegation in Tokio dann bestaunen, wie die ansonsten so stillen, höflichen und zuvorkommenden Japaner aus dem Häuschen geraten, wenn dicke, fast nackte Männer sich versuchen gegenseitig aus einem Ring zu schieben, werfen oder schmeißen. Ein Sumo-Turnier ist so oder so ein beeindruckendes Ereignis. Die Besucher ziehen sich die Schuhe aus und lassen sich im Schneidersitz auf Podesten nieder. Während im Ring die Kolosse aufeinander losgehen, hält man im Publikum gerne ein Schwätzchen und trinkt einen Tee, um dann den eigenen Favoriten anzufeuern und gebannt mit dem Kampf mitzugehen.

Der Mittwoch wird Müller zunächst beim U20-Gipfeltreffen von Bürgermeistern aus aller Welt sprechen, der derzeit in Tokio stattfindet und eigentlicher Anlass von Müllers Reise ins Land der aufgehenden Sonne ist. Anschließend ist der Senats-Chef anwesend, wenn Japans Ministerpräsident Shinzo Abe ein Abschlusskommuniqué des Gipfels erhält. Danach soll Zeit für den Besuch eines der zahlreichen Tempels Tokios sein, ehe am Abend in der Residenz des deutschen Botschafters ein Empfang ansteht.

Am Donnerstagmorgen ist wieder Plenarsitzung

Dabei soll unter anderem ein Kooperationsvertrag zwischen der Deutschen Schule Tokyo/Yokohama mit dem Basketballbundesligaverein Alba abgeschlossen werden – ein Alba-Manager gehört zur Berliner Reisegruppe.

Kaum ist der unvermeidliche Buddy-Bär – so etwas wie Berlins Gruß an die Welt – enthüllt, wird sich Müller vom Botschafter zum Flughafen der japanischen Hauptstadt begleiten lassen. Am Donnerstagmorgen steht schließlich gleich der nächste Termin an: Plenarsitzung im Berliner Abgeordnetenhaus.